Roadtrip

Die raue Schönheit der schottischen Highlands

Die Tour auf der North Coast 500 durch die Highlands im Norden Schottlands führt durch eine großartige, abwechslungsreiche Landschaft.

Schroffe Berge und glasklare Seen, dazwischen die North Coast 500: Die Highlands sind für viele ein Sehnsuchtsort.

Schroffe Berge und glasklare Seen, dazwischen die North Coast 500: Die Highlands sind für viele ein Sehnsuchtsort.

Foto: HA

Inverness.  „Kennst du einen schöneren Platz in Nordeuropa als diesen hier?“ fragt Dave. Ich überlege, aber tatsächlich fällt mir in diesem Moment keiner ein. Wir sitzen auf einer Klippe hoch oben über dem Meer und schauen auf die im Nebel liegenden Silhouetten von Rona und der Isle of Skye, über denen gerade die Sonne untergeht und den Himmel in ein rot-orange-rosafarbenes Farbenspiel taucht. Wie um den Kitschfaktor noch zu erhöhen, spielen dazu im Wasser Delfine. Der Schotte, der während seines Rentnerdaseins schon des Öfteren hier mit ­seinem Campmobil und Hund Rosi angehalten hat, nur um den Tag auf die immer wieder faszinierende Weise ziehen zu sehen, hat auch schon mal Wale entdeckt. Aber heute lassen die sich nicht blicken.

Wir warten, bis der orangefarbene Ball im Meer verschwunden ist. Ab und zu unter­halten wir uns. Dann wieder genießen wir die Stille, die nur vom Kauen der Schafe unterbrochen wird, die hier überall frei herumlaufen, und von einigen wenigen Touristen, die an diesem Aussichtspunkt auf der Applecross-Halbinsel im Westen Schottlands anhalten, aus ihren Autos aussteigen, schnell ein paar Fotos machen und wieder fahren. Es ist das Ende einer Tour durch die Highlands, zumindest gefühlt. Denn auch wenn es noch einige Meilen sind bis Inverness, wo die Küsten­straße North Coast 500 ihren offiziellen Anfang und ihr Ende nimmt, so ist genau dieses Panorama hier Höhepunkt und Abschied von einer einzigartigen Landschaft.

Die schottischen Highlands sind ein Sehnsuchtsort. Kaum ein anderes Land lebt so sehr von seinen Mythen. Schroffe Berge, klare Seen, uralte Ruinen, romantische Schlösser und steinerne Burgen, wilde Klippen, Whiskydestillerien, Dudelsackspieler und karierte Kilts sind nicht nur Klischees, sondern Puzzleteile dieses Landes und seiner Geschichte. Wer einen Blick in Herz und Seele Schottlands werfen will, sollte in die Wildnis der rauen Bergregion fahren. Genau dorthin führt die North Coast 500. 500 Meilen, 800 Kilometer, von Inverness im Osten bis Applecross im Westen – oder umgekehrt – geht es einmal rund um den Norden. Seit gut einem Jahr wird die Strecke als schottische Variante der Route 66 beworben. Dabei ist die Straße nicht neu. Nur ihr Name. Und tatsächlich – seit diese North Coast 500 heißt, befahren sie wesentlich mehr Urlauber und bringen dadurch dringend benötigtes Geld in eine wirtschaftlich benachteiligte Region.

Mit jedem Kilometer verblasst der Alltag, wird es einsamer, stiller

Wer sich die weniger besiedelte, zersplitterte Atlantikküste als Höhepunkt der Tour auf­bewahren will, sollte gegen den Uhrzeigersinn fahren. Schon nach wenigen noch gemäßigten Kurven liegt Inverness, die Heimat des sagenumwobenen Ungeheuers von Loch Ness, hinter einem und die erste Attraktion vor einem: Dunrobin Castle. Stolz und märchenhaft blickt der Stammsitz des Clans der Sutherlands mit seinen Zinnen und Türmchen direkt aufs Meer. Der volle Parkplatz zeugt von seiner touristischen Anziehungskraft. Doch kaum wieder auf der Straße, verliert sich die Fülle der Fahrzeuge schnell in der Weitläufigkeit der Landschaft, die Ruhe kehrt zurück. Mit jeder Stunde verblasst der Alltag. Kilometer für Kilometer wird es einsamer, stiller. Die Dörfer kleiner, die Häuser grauer. Einige stehen leer und verfallen, viele sind „for sale“.

Wie ein Band aus Asphalt schlängelt sich die schmale Küstenstraße durch die Natur, die viele verschiedene Gesichter hat. Im Osten dominieren Klippen und Felsen, während sich sanfte mit Heide bewachsene Hügel und gelbe Felder ins Inland ziehen. Nach einigem Auf und Ab, vielen Kurven, spektakulären Ausblicken über die Nordsee und einem Stopp in Wick mit der weltweit kürzesten Straße von 2,06 Metern, hat man den nördlichsten Punkt, John o’Groats erreicht. Von hier aus kann man bei guter Sicht die Orkney Inseln sehen und sie ganzjährig mit einer Fähre ansteuern. Wer aussteigt, sich Zeit und ein Fernglas mitnimmt, kann die schwarzen Seehunde beobachten, die sich im Meer rund um die vorgelagerte Insel Stroma tummeln.

Von jetzt an geht es westwärts, stets nah an der Küste entlang. Vorbei am Castle of Mey, dem ehemaligen Sitz von Queen Mum, an Aussichtspunkten, über Fjorde hinweg. Kurz vor der Ortschaft Bettyhill weitet sich der Blick, bis sich die Straße plötzlich wieder enger um die Berge windet, die allmählich schroffer werden. Überraschend: Wie aus dem Nichts tauchen sanft geschwungene Buchten mit breiten Sandstränden auf und geben dadurch der kargen Gegend etwas Liebliches.

Doch so schön die Strecke an der Küste auch ist – das Herz der Highlands schlägt im Landesinneren. Kaum hat man die North ­Coast 500 Richtung Süden verlassen, wird die Landschaft vor allem in Flussnähe üppig und fruchtbar. Schafe säumen den Weg, verteilen sich wie weiße Punkte in dem satten Grün. Schnell fahren geht nirgendwo, die schmale Single Track Road zwingt einen, innezuhalten und einen Gang zurückzuschalten. Die Geschwindigkeit orientiert sich an der Gegend, die sich groß und still um einen herum ausstreckt. Zwischen den majestätischen Bergen liegen breite Täler, in denen Hochlandrinder weiden, und glasklare Seen, die wie zersplitterte Spiegel, mal dunkelgrün, mal blau die Landschaft durchschneiden.

Mit dem Luxus-Sportler die Küste entlangheizen ist ein neuer Trend

In Hope zurück auf der North Coast 500 überquert man den Loch Eriboll. Die Landzunge, die sich zwischen dem Loch Eriboll und Lyle of Durness erstreckt, gehört mit zu den spannendsten Abschnitten der Straße. Hier liegt unter anderem die Meereshöhle Smoo Cave. Nächster Halt: Durness, eine lockere Ansammlung kleiner Häuser auf hügeligem Grund. Populär geworden ist der Ort durch John Lennon, der hier als Kind Urlaub mit seinen Eltern gemacht hat und später mit seiner Frau Yoko Ono. Ein Memorial erinnert an den berühmtem Sommergast.

In Scourie hat man die zerklüftete Atlantikküste erreicht und trifft an den Aussichtspunkten auf Wohnmobile und Motorrad­fahrer, die in ähnlich gemächlichem Tempo die Straße und die Gegend genießen. Anders die überraschend vielen Luxussportwagen, die über den teils buckligen Asphalt heizen. Ein neuer Trend, wie die Einheimischen wissen, mit dem gemieteten Sportler so schnell es geht um den Norden herumzufahren. Stören? Nein, das tun sie nicht. Im Gegenteil. Urlauber sind willkommen. Mit kleinen Einschränkungen. Denn einerseits ist das Geld erwünscht und benötigt. Auf der anderen Seite ist jedem hier klar, dass die Straße in einem Zustand ist, der einer steigenden Zahl an Touristen nicht gerecht wird. Es fehlt an Tankstellen, an Cafés, an Raststätten.

Dass mehr Gäste auch bedeutet, dass gerade die schier endlose einsame Weite, die die Highlands so besonders macht, und die durch die mangelnde Infrastruktur erhalten bleibt, verloren gehen könnte, wissen sie. Sie hoffen, dass es soweit nicht kommen wird. Bis dahin freuen sich Hotel- und Pubbesitzer ausnahmslos über eine längere Saison. Denn auch im Herbst ist die Bergregion reizvoll. Da es keine Lichtverschmutzung gibt, ist der Sternenhimmel gut zu erkennen und Ziel vieler Fans von Nordlichtern. Auch als Hot Spot für Whale Watching ist der Westen bekannt. Ab Ende September und im Oktober, wenn das Licht flacher wird, kommen Fotografen, um den Zauber der Gegend einzufangen. Am Ende der North Coast 500 wartet einer der schönsten Abschnitte – das Torradon Bergmassiv. Hier schwenkt die Straße nach Westen auf die Halbinsel Applecross und wird zur einspurigen Panoramastraße.

Von Sheildaig bis Lochcarron geht es in engen, teils abenteuerlichen Kurven den Berg rauf und runter, oft nah entlang der Steilküste und über Schottlands höchsten Pass Bealach Na Bà, der einem von seinem höchsten Punkt spektakuläre Aussichten über das Meer vor einem und die Bergwelt hinter einem beschert. Von Lochcarron geht es quer durchs Inland nach Inverness zurück. Zeit, um wieder in der Realität anzukommen. Denn der Mix aus Bergen, Wiesen und Weite, aus Salz, Algen und Heidekräutern sowie langsamer Geschwindigkeit wirkt meditativ. Kriege und Sorgen sind weit weg, Konsum spielt keine Rolle. Die Highlands sind Kulisse für ein Roadmovie, in dem die Straße zum Event wird.

• Tipps & Informationen

Anreise z. B. mit KLM über Amsterdam nach Inverness oder Edinburgh.

Übernachtung: z. B. im Culgower House, Helmsdale (Ostküste), DZ/F 85 Euro, www.culgowerhouse.com; Melvich Hotel Thurso, DZ/F ab 100 Euro, www. melvichhotel.co.uk; Eddrachilles Hotel, Scourie (Westküste), DZ/F Meerblick 140 Euro, www.eddrachilles.com; Aird Hill B&B, Badachro (Westküste), DZ/F ab 75 Euro, www.airdhill.com

Auskunft: www.northcoast500.com

(Unterstützt von Visit Britain.)