Alpen

Im Inntal kann man nicht nur die Natur entdecken

Im Inntal, zwischen Rosenheim und Wendelstein, gibt es nicht nur viel Natur, sondern mittlerweile auch kulinarisch viel zu entdecken.

Idylle im Voralpenland: Milchkühe auf einer Wiese bei Flintsbach am Inn, mit Wendelstein (1838m) im Hintergrund.

Idylle im Voralpenland: Milchkühe auf einer Wiese bei Flintsbach am Inn, mit Wendelstein (1838m) im Hintergrund.

Foto: Angelika Hillmer / HA

Niederaudorf.  Früh morgens um fünf werden die ­Hotelgäste im oberbayerischen Nieder­audorf durch Böllerschüsse geweckt. Sechsmal dröhnt es durch die Alpenluft, dann spielt ein paar Minuten lang eine Blaskapelle. Am Frühstückstisch liefern die Einheimischen den Nordlichtern die Erklärung: Heute wird Hochzeit ge­halten. Freunde wecken das Brautpaar und organisieren den Bläsereinsatz. Um 6 Uhr isst das Paar mit den Freunden Weißwurst, bevor spätestens am frühen Nachmittag die Hochzeit mit einem Gottesdienst beginnt. Die Oberbayern pflegen ihre Tradition. Aber sie probieren auch viel Neues.

Niederaudorf liegt in der Region Chiemsee-Alpenland, südlich von Rosenheim und nur einen Steinwurf vom österreichischen Kufstein entfernt. Sie lebt vom Tourismus, zieht Natur­freunde und Wellnessfans an, die sich in der voralpinen Bilderbuch-Landschaft wohlfühlen. Und sie hat knapp 40 Kli­niken mit zusammen 5500 Betten und damit, so heißt es, die höchste Klinikdichte Europas.

Viele Landwirte vermieten Wohnungen an Feriengäste

Eine bekannte orthopädische Klinik arbeitet in dem Kurort Bad Feilnbach am Fuß des Wendelsteins (1838 m). Von ihr profitiert die Familie Eder. Sie betreibt am Ortsrand den Wachinger Hof, seit 30 Jahren als Bio-Betrieb. „Wir ­halten zwölf Milchkühe und haben 30.000 Obstbäume. Aber die größte Einkommensquelle sind mittlerweile unsere zehn Ferienwohnungen“, sagt Christian Eder. Viele Gäste kommen zum Wandern oder Radfahren ins Inntal. Für ausreichende Verpflegung ist gesorgt – die Gasthofdichte in Bad Feilnbach und in vielen anderen Orten ist groß. Und auch weiter oben in den Bergen kann man einkehren.

Gertrud Eder erzählt von ungewöhnlichen Übernachtungsgästen: „Bei uns wohnen häufig arabische Familien. Sie begleiten einen Verwandten, der sich in der Klinik operieren lässt, und bleiben dann gleich für zwei oder drei Monate.“ Deutsche Wertarbeit werde in arabischen Ländern allgemein sehr geschätzt, ergänzt ihr Mann, „deshalb gehen die Leut’ hierher“.

So hält die Familie Eder für die Gäste aus dem Morgenland Gebetsteppiche bereit, einige Zimmer haben spezielle WC-Armaturen. Das Miteinander mit den deutschen Gästen, die die Wellness-Angebote des Ortes oder einfach die urbayerische Landschaft mit ihren braun-weißen Kühen auf saftigen Wiesen genießen wollen, sei in der Regel harmonisch, sagt die Bäuerin: „Die arabischen Gäste müssen sich schon an unseren Regeln orientieren.“

Viele Bauernhöfe haben sich eine neue Erwerbsquelle aufgebaut

So wie die Eders machen es mittlerweile viele Landwirte: Da die Höfe mit der traditionellen Milchvieh-Weide­haltung allein kaum mehr wirtschaftlich zu betreiben sind, suchen sie sich wei­tere Standbeine. Auch Gertraud und Christian Seebacher haben sich in Bad Feilnbach neben den Rindern (50 Milchkühe und ebenso viele Jungrinder) eine neue Erwerbsquelle aufgebaut. Als sie vor einigen Jahren damit begannen, ihre hofeigenen Äpfel selbst zu mosten, kamen sehr schnell Betriebe und Privatpersonen auf sie zu und fragten, ob die Seebachers nicht auch ihre Früchte pressen könnten – die Idee einer Lohnmosterei war geboren.

Inzwischen hat das Paar auf der grünen, hofeigenen Wiese die Meisterhof Mosterei mit Probierstube und Hofladen gebaut. „In guten Apfeljahren produzieren wir hier rund 100.000 Liter Saft, einen Großteil in Lohnverarbeitung“, sagt Gertraud Seebacher. Den eigenen Saft vermarkten die Seebachers direkt an Apfelsaftfans, die die Mosterei gezielt anfahren oder zufällig beim Wandern vorbeikommen. Viel Saft wird auch auf dem Apfelmarkt verkauft, der alljährlich über ein verlängertes Wochenende rund 30.000 Besucher in den Ort lockt.

Naturbelassen sei ihr Saft und von ungespritzten Äpfeln, betont die Mosterei-Chefin. Solches Obst hätte auch das Zeug, zu Rinser Natureis zu werden, einer weiteren Spezialität der Region. Landwirtin Claudia Gschwendtner hat inzwischen 168 saisonal wechselnde Eissorten kreiert. Im Sommer wird ein Gutteil des Eises am Kiosk des neben dem Hof liegenden Rinssee nordöstlich von Rosenheim vermarktet. Er ist einer von rund 30 Seen, die die letzte Eiszeit der Region schenkte. Klaus und Claudia Gschwendtner betreiben einen Hof mit rund 60 Milchkühen. „In der Milchkrise 2009 hatten wir den Entschluss gefasst, einen Teil unserer Milch zu Eis zu veredeln“, erzählt Klaus Gschwendtner. Das Natureis wird aus Milch, die am selben Tag gemolken wurde, mit viel Sahne und viel Geschmack zubereitet.

Auf der Alm einer Sennerin wird mit Besuchern gekocht

Christian Schäfer veredelt Milch dagegen zu schmackhaftem Rohmilchkäse. Der studierte Theologe möchte mit seiner Audorfer Käserei in Oberaudorf den Inntaler Landwirten helfen, ihre Milch zu einem möglichst hohen Preis abzusetzen und damit die kleinbäuerliche Milchviehhaltung unterstützen. Als er vor vier Jahren zusammen mit örtlichen Bauern mit der Käseproduktion begann, mussten alle erst einmal lernen, wie guter Käse gemacht wird, erzählt Schäfer. „Wir haben hier ein Danone-Werk. Das hat auch die Milch von den Almen aufgekauft, sodass unsere Käsetradition ­erloschen war.“ Schäfer und seine Zulieferer brachten sie zurück.

Und sie sind nicht allein. Auch auf den Almen tut sich etwas. Rund 60 Bergwiesen werden in der Region Chiemsee-Alpenland noch bewirtschaftet. Doch auf den meisten grasen nur Jungrinder und keine Milchkühe – das Melken in luftiger Höh ist zu mühselig. Sennerin Katharina Kern ist das nicht genug. Sie lebt im Sommer auf der Schweinsteiger Alm, die zum weitläu­figen Wander- und Skigebiet Sudelfeld gehört. Die engagierte Bäuerin lässt dort, oberhalb von Oberaudorf, ein ­Dutzend Milchkühe grasen. Sie ist eine Vorzeige-Sennerin, erklärt Touristen- und Schülergruppen die Almwirtschaft und stellt mit ihnen Käse aus frisch gemolkener Milch her. „Jedes Jahr habe ich hier oben 400 Schüler“, erzählt Katharina Kern.

In ihrer Almhütte wird auch mit Besuchern gekocht. Das übernehmen der Koch Bernhard Wolf und seine Frau Andrea Brenner, die in Oberaudorf den Bayerischen Hof betreiben und Kochkurse anbieten. Passend zu den Viechern auf den umliegenden Almen bereiten die beiden zusammen mit den Gästen auf dem mit Holz befeuerten Ofen gern Menüs mit Rind zu.

Wer Oberbayern nur mit Schweinshaxn und Backhendl verbindet, greift zu kurz, auch Tafelspitz und Schmor­braten, oder Kalbschnitzel gehören zur kulinarischen Tradition der Gegend. Wolf und Brenner gehen in ihrem Restaurant im Tal noch einen Schritt weiter und verarbeiten konsequent nur regionale Produkte – Seefisch oder Reis fehlen auf der Speisekarte. Und der Matjes stammt nicht vom Hering, sondern von der Chiemsee-Renke.

• Tipps & Informationen

Anreise z. B. mit Airberlin nach München oder Salzburg, dann je per Mietwagen. Oder mit der Bahn bis Rosenheim und dann weiter mit örtlichen Bahnen oder Bussen; mit dem Auto über München auf der A 8 nach Salzburg, Ausfahrt Bad Aibling für den Zielort Bad Feilnbach, nach Oberaudorf weiter auf der A 93 Richtung Kufstein bis zur Ausfahrt Oberaudorf.

Unterkünfte Etwa 200 Hotels aller Preiskategorien, darunter zum Beispiel das Drei-Sterne-Hotel Keindl in Oberaudorf (Doppelzimmer ab 92 Euro, Einzelzimmer ab 53 Euro) Tel. 08033/ 30400, www.hotel-keindl.de;
die kleinste Ferienwohnung auf dem Wachinger Hof in Bad Feilnbach ist bereits für 45 Euro zu haben (für 2 P.), Tel. 08066/545, www.wachingerhof.de

Nähere Auskunft auf www.chiemsee-alpenland.de, www.bayern.by/natururlaub-bayern/a-chiemsee-alpenland

(Diese Reise erfolgte mit Unterstützung durch den Chiemsee-Alpenland Tourismus.)