Voralpenland

Halbmarathon am Tegernsee: Einmal um den ganzen Teich

Der Halbmarathon Tegernsee führt meist direkt am Wasser entlang. Eine sportliche Rundtour über 21,1 Kilometer in knapp zwei Stunden.

Blick auf den Kurort Bad Wiessee und Tegernsee (am Ostufer).

Blick auf den Kurort Bad Wiessee und Tegernsee (am Ostufer).

Foto: Digitaler Lumpensammler / Getty Images

Tegernsee.  Was macht man zuerst, wenn man in einer fremden Gegend ist und nur wenig Zeit hat? Ein Überblick muss her. Wo sollte man unbedingt hin, worauf kann man verzichten? Also am ersten Morgen Joggen gehen. Einst haben dafür in den Ostseebädern Mecklenburg-Vorpommerns ein paar Minuten gereicht, heute haben wir uns ein etwas größeres Kaliber vorgenommen: den Tegernsee. Seit 14 Jahren gibt es hier den Tegernseelauf, dessen Halbmarathon-Strecke direkt am See entlang führt. Eine Runde sind 21,1 Kilometer.

Rund 5000 Läufer haben sich in diesem Jahr wieder angemeldet. Mehr geht auch nicht, die Plätze sind häufig weit im Voraus ausgebucht. Die Teilnehmer kommen zum weit überwiegenden Teil aus der Region, besonders viele reisen aus der Landeshauptstadt München an. Nach gut einer Stunde Bahnfahrt vom Münchener Hauptbahnhof sind die Hobby-Athleten direkt am Start, am Bahnhof von Gmund. Dieser Ort, dessen Name für norddeutsche Kehlen nicht eben leicht auszusprechen ist, liegt an der Nordspitze des Tegernsees. Nun liegt also die ganze Runde vor uns. Von Gmund zu Gmund, sozusagen.

Im Startbereich am Volksfestplatz ist eine kleine Zeltstadt aufgebaut, die Taschen werden in einem örtlichen Gasthof deponiert. Die Stimmung ist entspannt. Die bei anderen Läufen dieser Größenordnung gelegentlich zu spürende Enge und Hektik gibt es hier nicht. Die Ausgabe der Startnummern läuft reibungslos, die Moderatoren haben nur wenig Probleme, die Läufer zur Startaufstellung den Berg hinauf zu komplimentieren.

Nachdem es tags zuvor durchgehend heftig geregnet hatte, ist es an diesem Sonntagmorgen noch trocken. Erst kurz vor dem Start um 10.30 Uhr beginnt es leicht zu nieseln, die Temperatur liegt bei etwa 14 Grad. Für einen Lauf durchaus angenehm.

Der Startschuss: Links Gmund, rechts Wasser

Wir benötigen knapp drei Minuten ab Startschuss, bis wir von unserer Position im Mittelfeld die Startlinie überqueren. Die ersten Meter durch die Zeltstadt werden laut. Musik, Jubel, Beifall. Das sollte sich später noch ändern.

Es geht im Uhrzeigersinn um den See. Wir biegen nach rechts auf die Bundesstraße 307, die sich an der Ostseite des Sees am Wasser entlang schlängelt. Die ersten Kilometer werden wir auf dieser Straße bleiben müssen und immer ein paar Meter Abstand zum See halten. Schade eigentlich, denn direkt am Ufer verläuft der Wander- und Radweg. Doch so kurz nach dem Start ist das Läuferfeld noch dicht, der kleine Weg wäre mit den Massen wohl überfordert. Als der Tegernseelauf im Jahr 2002 mit etwa 80 Teilnehmern Premiere feierte, war das noch anders. Schon zwei Jahre später waren es dann mehr als 1000 Teilnehmer, im Jahr darauf war die Seepromenade als Startbereich endgültig zu klein geworden.

Kilometer 2: Links Seeglas am See, rechts Wasser

Wir durchqueren den Gmunder Ortsteil Seeglas am See. Zwischen uns und dem See liegt eine der zahlreichen Badestellen dazu eine Segel- und Surfschule. Mit den Seglern ist es auf dem Tegernsee offenbar so wie auf der Hamburger Alster. Gesegelt wird immer, wenn Wind ist. Egal, ob es regnet oder sogar schneit.

Kilometer 3: Links Sankt Quirin, rechts Wasser

Wir sind immer noch auf der Bundesstraße, aber der Wanderweg am See ist jetzt auch von Läufern bevölkert. Die schnellsten der 10-Kilometer-Konkurrenz, die ihre Wendemarke bereits passiert haben, kommen uns jetzt entgegen. Die haben’s gut, so kurz vor dem Ziel...

Haben die’s gut? Eher nicht. Ihnen entgeht das ganz besondere Erlebnis, einmal rund um den ganzen See zu laufen. Einmal den Tegernsee innerhalb kurzer Zeit aus allen möglichen Perspektiven zu sehen.

Kilometer fünf: Links Tegernsee, rechts Tegernsee

Wir kommen in den Ort, der so heißt wie der See. Hier liegt unser Hotel für diese Tage. Hoch oben, etwa 80 Meter über dem Wasser steht „Das Tegernsee“ wie eine Festung am Hang. Wir blicken nach oben in Richtung der neuen Panoramasauna, deren Zehn-Meter-Glasfront einen atemberaubenden Blick über den See bietet. Sehnsucht? Noch nicht. Wir sind körperlich noch bester Dinge, freuen uns auf Spa-Bereich später und schauen uns den See jetzt lieber ganz aus der Nähe an.

Direkt am See gibt es auch eine Sauna, die öffentliche „Monte Mare“, die an diesem regnerischen Tag schon morgens gut gefüllt ist.

Wenig später kommen wir am Braustüberl vorbei, der vielleicht bekanntesten gastronomischen Institution der Region. In dem ehemaligen Kloster ist heute das Herzoglich Bayerische Brauhaus Tegernsee. Es ist die Heimat des Tegernseer Bieres, das auch überregional durchaus bekannt und gleichermaßen beliebt ist.

Am Abend zuvor haben wir dem Braustüberl den obligatorischen Besuch abgestattet. Es ist so, wie man vermutlich Norddeutschen ein bayerisches Brauhaus in einem Bilderbuch näher bringen würde. Am Fuße vor den historischen Klostermauern stehen mehr als 100 Holztische und Bänke. Die mächtigen Schirme sind so aneinander geknüpft, dass sie auch dem Starkregen des Abends widerstehen. Dank der mehr als 60 Wärmelampen können wir auch bei 13 Grad noch gemütlich draußen sitzen. Bayerische Gemütlichkeit bezieht sich hier eher auf die flüssige Nahrungsaufnahme, vom Essen, das nach fünf Minuten auf dem Tisch steht, sollte man nicht zuviel erwarten. Solide Kost eben, aber darum geht es in einem Brauhaus ja auch nicht in erster Linie.

In jedem Fall haben wir den Genuss des Tegernseer Hell am Vorabend gut überstanden und lassen das Brauhaus rechts liegen.

Kilometer sechs: Links Wasser aus dem Plastikbecher, rechts Wasser aus dem See

Wir sind an der ersten Verpflegungsstelle für die Läufer, am Ortsausgang von Tegernsee angekommen. Während uns die Helfer des Gymnasiums Tegernsee links das Wasser reichen, kommen wir nun rechts direkt an das Wasser des Tegernsees. Endlich haben wir den Wanderweg erreicht, der in so einzigartiger Weise über viele Kilometer direkt am See entlang führt. Im Gegensatz zum Beispiel zum Starnberger See bei München ist der Tegernsee fast überall öffentlich zugänglich. Nur wenige Privatgrundstücke hindern uns daran, das Wasser immer im Blick zu haben.

Kilometer acht: Links Rottach-Egern, rechts Wasser

Der Ort Rottach-Egern breitet sich an der Südspitze des Tegernsees aus. Er gilt ja so ein bisschen als das, was Kampen auf Sylt, oder Harvestehude in Hamburg ist. Hier ist alles ziemlich vornehm, das ist es am Tegernsee aber eigentlich überall. Hier ist es sauber und ordentlich, wie in den anderen Orten auch. Aber hier sind eben auch die Läden vertreten, die internationalen Mode- und Parfümmarken. Auch der Hamburger Makler Engel und Völckers hat hier eine Filiale.

Kilometer zehn. Links Seehotel Überfahrt, rechts Wasser

Wir kommen schon an die zweite Verpflegungsstelle. Neben Wasser und „Iso“ lassen wir uns auch eine halbe Banane mit auf den Weg geben. Im Laufen zu trinken ist nicht unsere Sache. Trotz mehrfacher Versuche ist es bisher immer schiefgegangen und im besten Fall mit klebrigem Isogetränk in der Nase und im schlechteste Fall mit heftigem Würgereiz durch Verschlucken ausgegangen. So haben wir gelernt, dass wir während des Trinkens ein paar Schritte zu Fuß gehen. Das können wir an dieser Stelle gut mit einem Blick auf das 5-Sterne-Haus Seehotel Überfahrtverbinden. Sehnsucht? Nein. Wir haben noch etwas vor uns.

Kilometer elf: links Wald, rechts Wald

Die Kilometer-Elf-Marke passieren wir mitten im Wald. Kurz bevor wir die Südspitze des Tegernsee umrundet haben. Jetzt haben wir mehr als die Hälfte geschafft, jetzt läuft die Zeit für uns, denken wir. Die zunehmende körperliche Erschöpfung hat offenbar auch Einfluss auf die geistige Tätigkeit. Teils wirre Gedanken gehen uns durch den Kopf. Zum Beispiel der: Wenn jemand Chiles Südspitze Kap Hoorn umrundet hat, darf er sich Kap Hornier nennen. Dürfen wir uns jetzt, nachdem wir das südliche Ende des Sees hinter uns gelassen haben, eigentlich Tegernier nennen? Oder so ähnlich?

Es geht wieder nordwärts, an der Westseite des Sees. Es ist ruhig, während des Laufs, sehr ruhig. So, wie der Tegernsee generell sehr ruhig wirkt. Die Wolken, die sich in dem durch die umliegenden Berge begrenzten Kessel sammeln, liegen wie eine geräuschdämmende Käseglocke über uns. Die weißen Passagierschiffe, die den See wie am Faden gezogen von hier nach da und zurück queren, malen mit ihrem Bugwasser ein immer größer werdendes „V“ auf die Oberfläche. Es ist ein bisschen wie im Miniaturwunderland in der Hamburger Speicherstadt. So geräuschlos. Und auch die Läufer verhalten sich entsprechend zurückhaltend.

Kilometer 13: Links Abwinkl, rechts Wasser

Abwinkl ist ein kleiner Ortsteil von Bad Wiessee mit umso größeren Villen, deren Ausmaße sich hinter den teils dichten Hecken oft nur erahnen lassen. Wir kommen an einer besonders vornehm gestalteten Einfahrt zu einem der Anwesen vorbei. Vor dem weißen Tor haben die in Trachten gekleideten Besitzer und ein paar Freunde einen Tisch mit schneeweißer Decke aufgebaut. Ihr Durchschnittsalter ist hoch, ihr Durchschnittsvermögen vermutlich noch viel höher. Sie trinken stilvoll Wasser aus edlen Gläsern. Und sie jubeln uns zu, sie feiern die Läufer, sie geraten fast in Ekstase. Reich gleich arrogant und unnahbar? Nicht unbedingt.

Kilomter 16: Links Bad Wiessee, rechts Wasser

Bad Wiessee ist der vielleicht kurortigste aller Orte rund um den Tegernsee. Zumindest hier, wo wir die akkurat gemähte Wiese mit gepflegten Beeten sehen, wo wir den Musikpavillon passieren und im geistigen Ohr schon die „Blosmusi“ erklingen hören.

Hier, wo der Medical Park liegt. Jene Privatklinik des ehemaligen Weltklasse-Läufers Dr. Thomas Wessinghage, dessen Haus nicht nur zu den Sponsoren des Laufs gehört, sondern der auch persönlich mitläuft.

Wir blicken hinüber zur anderen Seeseite. Querab erkennen wir wieder die Panorama-Sauna unseres Hotels „Das Tegernsee“. Sehnsucht? Jetzt ja. Es ist anstrengend geworden. Aus dem anfänglichen Nieseln ist ein veritabler Landregen geworden. Die Kleidung ist nass, von innen und außen.

Kilometer 17: Links Banane, rechts Wasser

Das Verpflegungsangebot des Tegernseelaufs ist vorbildlich. Vier Stationen auf 21,1 Kilometern ist nicht die Regel. Die letzte ist besonders wichtig, wie wir jetzt merken sollen. Denn nun kommt das, wovor uns die Freunde, die an vorherigen Läufen teilgenommen, immer gewarnt haben: die letzten vier Kilomter, die sich im Höhenprofil der Strecke als absolute Ausreißer darstellen. Während es die meiste Zeit direkt am See recht eben zugeht, stehen uns nun zwei amtliche Steigungen bevor. Die erste erstreckt sich über knapp einen Kilometer und führt uns direkt zur Spielbank, die oben auf dem Berg thront. Warum muss diese verdammte Spielbank nur ganz oben liegen, denken wir. Um kurz darauf festzustellen, dass ja wohl der Berg zuerst da war. Und die Spielbank ja nun überhaupt nichts dafür kann. Aber so ist es wohl eben, wenn man 18 Kilometer in den Knochen hat und einem gefühlt Schwimmhäute zwischen Fingern und Zehen gewachsen sind.

Auf Steigung folgt Gefälle, so auch hier. Die Schuhe machen mittlerweile Geräusche beim Laufen, bergab wird das Wasser deutlich hörbar in Richtung Zehen gequetscht. Das Gute am Gefälle: Es gibt uns ein paar Minten Zeit zu Erholung. Das Schlechte am Gefälle: Wir wissen, dass da noch die nächste, die finale Steigung kommen wird, bevor es dann die letzten 800 Meter wieder in Richtung Ziel bergab gehen soll.

Kilometer 19: Links Bergwiese, rechts Wasser, vorn Steigung

Ein alter Trick zum Mobilisieren der letzten Kräfte vor dem Ziel ist es, sich einen „Hasen“ zu suchen. Jemanden, der noch deutlich besser unterwegs ist, der dich die letzten Meter ins Ziel quasi zieht, wenn du dir vornimmst, ihn nicht aus den Augen zu lassen.

In diesem Moment fällt es uns schwer, einen geeigneten Hasen zu finden. Immer mehr Läufer haben vor der letzten Steigung kapituliert und gehen nur noch. Denn auch jetzt liegt wieder fast ein Kilometer bergauf vor uns.

Wir nehmen uns vor, nur noch diese eine, diese letzte Steigung zu schaffen, ohne wie viele andere vom Trab in den Schritt zu wechseln.

Kilometer 20: Links Himmel, rechts Wasser

Es hat geklappt, wir sind auf der Anhöhe angekommen, laufend. Und der Rest geht jetzt von ganz allein.

Das Perfide an einem Rundkurs ist ja, dass man das Ziel quasi die ganze Zeit vor Augen hat, auch wenn es noch sehr weit weg ist. Jetzt können wir das Ziel aber nicht nur sehen, sondern auch hören. Die Musik, der Beifall, der Jubel, den wir vor knapp zwei Stunden in Gmund hinter uns gelassen haben, liegt nun wieder vor uns. Neben uns sagt einer zu seiner Mitläuferin „Noch eineinhalb Minuten, das schaffen wir.“ Als wir im Ziel sind wird uns klar, was er gemeint hat. Wir sind knapp unter zwei Stunden geblieben. Für viele offenbar eine magische Grenze, für uns durchaus ein Grund zur Freude.

Zu dieser Freude gesellt sich gleich noch die Begeisterung über die Zielverpflegung. Es gibt nicht nur die üblichen Wasserflaschen und Obststücke. Hier ist quasi ein Büffet für die Läufer aufgebaut: frische Brezeln, Käsebrötchen, Leberkas-Semmeln, Joghurt, Milchreis, Apfelschorle. Alles ist da, alles scheint perfekt organisiert.

Und dann das: Am Bierstand eine quälend lange Schlange. Die Flaschen sind längst aus, jetzt läuft das Weißbier aus zwei Zapfhähnen. Zwei Zapfhähne für 5000 Läufer? Da gibt es in der Schlange auch schon mal das eine oder andere unfreundliche Wort zu hören. Beim Bier hört der Spaß eben auf, in Bayern.

Trotz strömenden Regens harren wir aus, um uns diese Belohnung abzuholen. Nach etwa einer halben Stunde dicht gedrängt in der Schlange haben wir es geschafft. Wir suchen uns einen Platz mit Aussicht: Links Bier, rechts Zigarette, vor uns Wasser.

Tipps & Informationen

Anreise: Der Tegernsee liegt 50 Kilometer von München entfernt. Vom Flughafen mit S- und Oberlandbahn etwa zwei Stunden, vom Hauptbahnhof etwa eine Stunde.

Aktivitäten: Der Tegernseelauf findet jedes Jahr statt. Nächster Termin: 17. September 2017. Anmeldung: www.tegernseelauf.de.
Ein Weg führt direkt am See entlang. In der Umgebung gibt es zudem eine Vielzahl von Touren.
Auch möglich: Golf, Segeln, Tauchen, Paragliden und Kitesurfen. Infos: www.tegernsee.com

Unterkunft: z. B. im Vier-Sterne-Superior-Hotel „Das Tegernsee“ mit 2400 m2 großem Wellnessbereich (www.dastegernsee.de, Tel. 08022/18 20). Übernachtung inkl. Frühstück ab 249 Euro für zwei Personen im Doppelzimmer. Kinder unter 10 Jahre kostenlos.