Nordsee-Insel

Mit dem Rad über Amrum: Von Vogelkundlern und Kultkneipiers

Die Nordsee-Insel Amrum kann man gut mit dem Fahrrad erkunden. Eine Rundtour von der Odde im Norden bis zur Kultkneipe „Blaue Maus“.

Die Weite des Amrumer Kniepsands lockt Urlauber zu jeder Jahreszeit ans Meer.

Die Weite des Amrumer Kniepsands lockt Urlauber zu jeder Jahreszeit ans Meer.

Foto: Michael Pasdzior

Wittdün.  Manchmal kann eine Bronchitis auch ihr Gutes haben. „Fahren Sie mit Ihrem Sohn doch mal an die Nordsee“, riet der Kinderarzt meinen Eltern. Und so lernte ich in früher Kindheit die nordfriesische Insel Amrum kennen und sofort lieben. Denn hier fand ich unendlich viel Sand zum Buddeln und Sandburgenbauen. Man fühlte sich stolz und erhaben, wenn man den Naturgewalten trotzte. Aber meistens siegte doch die aufkommende Flut mit ihren gewaltigen Wassermassen, die einen letztlich zur Aufgabe der Burg zwangen. Am nächsten Tag begann dann alles wieder von vorn. So sah der Zeitvertreib damals aus. Und seitdem gehört der Besuch der Lieblingsinsel zu meinem jährlichen Reiseprogramm.

Denn sie bietet all das im Überfluss, was der wahre Nordseefan schätzt. Dünen, so weit das Auge reicht, idyllische Dörfer mit kuscheligen Reetdachhäusern, viel Ruhe und Einsamkeit sowie den fantastischen Kniepsand, der mit seinen zehn Quadratkilometern zu den größten Stränden in Europa gehört. Vom US-amerikanischen „Life Style Magazin“ wurde er zum schönsten Strand Deutschlands ernannt und sogar zum drittschönsten in Europa. Und unaufhörlich wächst er.

Wo Dünen und Meer zu einer Einheit verschmelzen

Ich mache mich auf zur Odde, der Nordspitze Amrums, die eines der ältesten Naturschutzgebiete in Deutschland ist. Dort treffe ich Dieter Kalisch. Der gebürtige Berliner kam als Flüchtlingskind nach Dithmarschen, wo er fortan aufwuchs. Schnell wurde die dortige flache Marschlandschaft seine zweite Heimat. Auch an seinen ersten Amrumbesuch erinnert er sich noch gut. „Es war wie ein Erweckungserlebnis. Dünen, Sand und Meer verschmelzen hier zu einer Einheit, wie ich es zuvor noch nicht erlebt und gesehen hatte.“

Die Inselliebe hatte auch ihn restlos gepackt. Der damalige Fotohändler hat das Angebot als Vogelwart gern angenommen. Von nun an fuhr er jeden Sonnabend gleich nach der Arbeit von Hamburg nach Amrum und am Montagabend wieder zurück. Und dies tut er seit nunmehr 45 Jahren. „Mein Auto kennt schon den Weg und könnte allein fahren“, scherzt er.

Norden ist ein beliebtes Ziel für Vogelkundler

Seine ehrenamtliche Arbeit wird überaus geschätzt. 2012 bekam er für seinen unermüdlichen Einsatz für die Vogelwelt die Medaille des Verdienstordens vom Bundespräsidenten verliehen. Mit seinen Kollegen erfüllt er hier viele Aufgaben des Vereins Jordsand zum Erhalt des Naturschutzgebietes. Von Mai bis Mitte Oktober kommen etwa 3000 Besucher und lassen sich unter anderem die Unterschiede der zehn verschiedenen Möwen- und Entenarten erklären. Auch auf meine „dumme“ Frage, wie denn Vögel fliegen lernen, bekomme ich eine ausgiebige Antwort.

Die Odde ist natürlich auch ein Eldorado für die „Ornis“, wie man die Vogelkundler im Volksmund nennt. Sie hocken oft stundenlang mit Feldstechern und starken, getarnten Teleobjektiven in den Dünen, um die Vögel bei ihren Aktivitäten zu beobachten und zu fotografieren.

Von hier aus setze ich meine Inselrundfahrt mit dem Fahrrad fort und mache einen Abstecher zur Aussichtsdüne in Norddorf, um den Blick aufs Meer zu genießen. Dort hat ein Paar in mittleren Jahren Platz genommen. Der kräftige und kühle Wind hat Stärke sechs. Aber das ficht das Paar nicht an. Regungslos blicken sie auf den Kniepsand und schauen dabei zu, wie unentwegt die Wolkenfetzen über die Sandbank huschen und dabei ein begeisterndes Lichtspiel inszenieren. Das Paar schaut und schaut, ohne ein Wort zu sprechen. Dann blickt sie ihn plötzlich kurz an und sagt nur zwei Worte: „Wahnsinn, ne?“ Er nickt zustimmend, und in seinem Gesicht spiegelt sich ebenfalls die Begeisterung wider.

Muntere Anekdoten über die Geschichte Amrums

Mit dem kräftigen Wind im Rücken fährt es sich nun leicht nach Wittdün. Hier befindet sich an der Wattseite eine Außenstelle des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamts Tönning, in dem die Seezeichen gewartet werden, denn das salzhaltige Nordseewasser setzt ihnen ständig zu. Nach wie vor erfüllen die Leuchtfeuer eine wichtige Funktion und werden auch heute noch trotz GPS und elektronischer Seekarten für die sichere Navigation benötigt.

Der Amrumer Arbeitsbereich umfasst rund 320 Kilometer betonntes Fahrwasser, in dem sich 327 schwimmende Seezeichen und Leuchttonnen finden. Alle weiteren Informationen erfahre ich nun auf einer höchst interessanten und unterhaltsamen Tour mit Wolfgang Stöck, die ­immer freitags um 13 Uhr durchgeführt wird. Er besitzt die Gabe, tolle Geschichten über dröge Seetonnen auf höchst vergnügliche Weise den Besuchern zu vermitteln. Munter plaudert er über die Technik und lässt viele Anekdoten aus der Geschichte Amrums ­einfließen, die einen schmunzeln lassen. Dabei erfährt man Dinge, über die man sich noch keine Gedanken gemacht hat. Oder wussten Sie, dass es Sommer- und Wintertonnen gibt und dass alle von ­ihnen zwischen Cuxhaven und Sylt im Dreijahresrhythmus ausgetauscht werden?

Insellage hat viel Altes bewahrt

„Der Friese ist nicht stur, sondern eher zurückhaltend“, ist die Selbsteinschätzung der Insulaner, und sie meinen damit, dass sie sich mit Veränderungen eher schwertun. Das trifft für den Amrumer im Besonderen zu, was durch die abgeschiedene Insellage noch verstärkt wird. Aber so hat sich eben auch vieles bewahrt, was woanders schon längst untergegangen ist. Wie etwa die legendären Fotovorträge mit Georg Quedens.

Der heute 81-Jährige macht noch immer einen kernigen Eindruck und sieht ein wenig so aus, wie man sich einen früheren Seeräuber vorstellt. Seine Vorfahren sind tatsächlich auch zur See gefahren, aber er bekennt: „Sie waren auch Strandräuber und haben sich alles gegriffen, was hier so anlandete.“ Das war durchaus legitim. Weniger legal war es jedoch, die Schiffe durch Leuchtfeuer in die Irre zu führen, so dass sie oft auf dem Kniepsand strandeten. Lange sorgte er selbst für Ordnung als Naturschutzbeauftragter auf der riesigen Sandbank.

Die 2350 Inseleinwohner bieten 10.000 Gästebetten an, in denen pro Jahr 140.000 Besucher 1.350.000 Übernachtungen buchen. Hauptsächlich wird Amrum von Best Agers und jungen ­Familien besucht. Den Einheimischen reicht die Anzahl, eine Steigerung ist nicht unbedingt erwünscht. Und den Urlaubern offensichtlich auch, denn so hat man selbst in den stark frequentierten Sommermonaten nie das Gefühl der Enge oder gar Überfüllung (außer in den Inselbussen).

Geheimtipp: ein Nachtbesuch auf dem Leuchtturm

Abends ist in der Tat nicht viel los, und man schläft hier wie ein Stein wegen des ungewohnten Reizklimas, das einen ganz schön schafft. Aber es gibt eine alteingesessene Bar, die schon viele Stürme überlebt hat, die ehemalige „Gaststätte zum Leuchtturm“ in Wittdün. Auf deren Reklametafel tanzen zwei Mäuse, weshalb die Kneipe im Volksmund schnell „Blaue Maus“ genannt wurde. Jan von der Weppen, genannt Janni Maus, hat die Kneipe 1976 von seinen Eltern übernommen und ist daher selbst ein Urgestein. Heute versorgt der bärtige und sympathische Kneipier seine Gäste bei Oldies oder Livemusik gern mit hochprozentigem, edlem Gerstenschnaps, der bei Kennern hoch im Kurs steht. Sein Malt-Whiskey-Angebot ist unüberschaubar und hat dem beliebten Etablissement im letzten Jahr sogar den Titel „Deutschlands beste Whiskey-Bar“ eingebracht. Schon deswegen ist ein Besuch dieser Kultstätte ein Muss.

Von hier ist es nur ein Katzensprung zum Leuchtturm. Als Geheimtipp gilt ein Nachtbesuch der Aussichtsplattform in 66 Meter Höhe an jedem Donnerstagabend in der Hauptsaison, sofern man dazu nach einem Besuch in der Blauen Maus noch in der Lage ist. Denn es müssen 295 Stufen erklommen werden. Für die Mühen wird der Besucher aber mit einem atemberaubenden Fernblick belohnt, vor allem bei Vollmond. Die Glaslinsen und Spiegel des Leuchtfeuers so nah zu erleben ist ein beeindruckendes Erlebnis. 40 Kilometer weit sendet der Turm bei Dunkelheit seine Strahlen zur Orientierung für die Schiffe über das weite Meer. Und bei klarem Wetter unter dem Himmelszelt mit seinen unzähligen funkelnden Sternen zu stehen, gehört sicherlich zum Höhepunkt eines Aufenthalts auf dieser unvergleichlichen Insel.

Tipps & Infos

Übernachten z. B. in Norddorf: im Hotel Hüttmann, DZ/F ab 112 Euro, Tel. 04682/92 20, www.hotel-huettmann.de; Mein Inselhotel, DZ/F ab 140 Euro, , Tel. 04682/ 945 00, www. mein-inselhotel.de

Bar Blaue Maus, Inselstraße 107, Wittdün, ab 18 Uhr geöffnet, kein Ruhetag, www.blauemaus-amrum.de

Vogelwart Amrum Odde, Tel. 04682/23 32, www.jordsand.de

Leuchtturm Amrum Mo.-Fr. 8.30 – 12.30 Uhr, Mittwoch bis 14 Uhr, www.amrum.de

Seezeichenhafen Wittdün Führung jeden Freitag von April bis Oktober um 13 Uhr, www.stoeck-amrum.de

Veranstaltungen von Georg Quedens auf www.amrum.de