Kirgistan

Auf der Spur des Schneeleoparden in den Himmelsbergen

| Lesedauer: 7 Minuten
Elke Sturmhoebel
In der Steppe erlernen Jungen wie Mädchen ganz früh das Reiten. Ein Sprichwort lautet: Pferde sind die Flügel des Mannes.

In der Steppe erlernen Jungen wie Mädchen ganz früh das Reiten. Ein Sprichwort lautet: Pferde sind die Flügel des Mannes.

Foto: ESCUDERO Patrick / Getty Images/Hemis.fr RM

In den Bergen Kirgistans kommt man dem „Geist der Berge“ nah, dem Schneeleoparden. Doch um Menschen macht die Wildkatze einen Bogen.

Bischkek.  „Dawai, dawai! – Na los, macht schon!“, ruft Sergej und hupt. Doch die Schafherde, die zur Hochalm getrieben wird und den Weg versperrt, hat die Ruhe weg. Erst nach einem Weilchen bilden die Tiere eine Schneise, und Sergej kann weiterbrettern. Dicht gefolgt von Igor, der das Gepäck transportiert. Am Rande der Piste geben Murmeltiere pfeifend Obacht und schauen den Kleinbussen hinterher. Kurve um Kurve schrauben wir uns das Tulek-Tal hinauf zum Kalmak-Ashu-Pass und durch die baumlose Landschaft zum Jurtencamp.

Kurz vor Ende der 60 Kilometer langen Piste taucht auf 3016 Meter Höhe unvermittelt der Son Kul auf, eingerahmt von Gipfeln des Tienschans, den sogenannten Himmelsbergen. Der Name des Sees entspricht den Tatsachen und heißt so viel wie: am Ende ein See. Am Ufer grasen Yaks mit ihren Jungen an der Seite – urige Viecher mit zottigem Fell und langen Hörnern. Von Mai bis September ist das Hoch­plateau am Son-Kul-See Weideland für Grunzochsen, Rinder, Pferde und Schafe. In der Zeit des „Jailoo“, wenn das Jungvieh geboren wird, sprießen die weißen Jurten der Hirtenfamilien wie Champignons aus dem Boden.

Die Nacht wird kalt. Der Vollmond wirft silbriges Licht auf den See und die Steppe. In der Jurte bollert der Kanonenofen. Zweimal kommt nächtens ein guter Geist, um getrockneten Dung nachzulegen. Am folgenden Tag wandern wir über Edelweißwiesen in die Berge. Ganz langsam steigen wir auf, denn an die dünne Luft müssen wir uns noch gewöhnen. Drei aus der Gruppe wollen noch tiefer in die Bergwelt hinein und höher hinaus. Als die jungen Leute am späten Nachmittag ins Camp zurückkehren, zeigen sie stolz ihre Fotoausbeute auf dem Display: Pfotenabdrücke. Weiter oben hatte es etwas Neuschnee gegeben, und die frische Spur des Schneeleoparden war deutlich zu sehen. Lange waren die drei der Fährte gefolgt, bis sie sich verlor.

250 bis 300 der scheuen Katzen streifen durch Kirgistans Berge

Vielleicht hatte sich das Tier mit einem großen Sprung davongemacht. Schneeleoparden sind perfekt an das Leben im Hochgebirge angepasst. Ihre breiten Pranken sinken im Schnee nicht so leicht ein. Das gefleckte Fell ist lang und dicht und bietet Tarnung. Die Einzelgänger leben in Regionen oberhalb der Baumgrenze, die in Kir­gistan bei 2800 Meter liegt. Dort folgen sie ihren Beutetieren – den sibirischen Steinböcken, Wildziegen, Marco-Polo-Schafen und Murmeltieren. Nur der Hunger treibt sie schon mal in menschliche Siedlungen. Die Viehhirten sind daher ständig auf der Hut.

Doch der Schneeleopard macht um Menschen lieber einen Bogen. Weil er so scheu ist, sich so selten zeigt und nahezu unsichtbar bleibt, nennen ihn die Kirgisen auch „Geist der Berge“. Unser Bergführer Alexander – ebenso wie Sergej und Igor Kirgise russischer Abstammung – erzählt, dass er bisher nur einmal einen Schneeleoparden gesichtet habe. Damals in sowjetischer Zeit, als er über die Berge Kasachstans nach Kirgistan gewandert war.

Die Schwestern Nurgul und Nasgul schmeißen den Laden im Jurtencamp. Sie kochen den Hammeleintopf, kneten den Brotteig, bereiten den ­Samovar, sind immerzu bei der Arbeit. Die Männer stehen gern schwatzend herum. Anstatt sich nützlich zu machen, schwingen sie sich lieber in den Sattel und fliegen über die Grassteppe davon. „Pferde sind die Flügel des Mannes“, lautet ein passendes Sprichwort in Kirgistan.

Der Tienschan ist Lebensraum der Wildkatze

Am Rande des Geschehens komme ich mit Abdi Dzhekishev, dem Dolmetscher einer anderen Reisegruppe, ins Gespräch. Er habe mal einen Schneeleoparden gesehen, verrät er beiläufig. „In einem Zoo in Deutschland“, fügt er hinzu und lacht vergnügt unter der Krempe seines Kalpaks, des weißen, traditionellen Filzhutes. Die Kirgisen seien in ihrer Geschichte immer von anderen Völkern beherrscht worden, erklärt Dzhekishev. „Gut 20 Jahre ­Unabhängigkeit ist eine kurze Zeitspanne“, erinnert er und fügt hinzu: „Wir werden unseren Weg machen.“ Kirgistan ist die derzeit einzige parlamentarische Republik in der Region. Die 5,6 Millionen Kirgisen sind ein gastfreundliches und tolerantes Volk, der Islam mehr Tradition als Religion.

Das Sahnehäubchen des Landes bildet die Topografie. Die bis zu 7439 Meter hohen Himmelsberge mit ihren Gletschern und in Sandstein gemeißelten Schluchten sind kaum zu toppen. Der Tienschan nimmt 80 Prozent des Landes ein und ist Lebensraum der am stärksten bedrohten Großkatze der Welt.

250 bis 300 Schneeleoparden streifen durch die Bergwelt Kirgistans, doch vor mehr als 20 Jahren ­waren es noch vier- bis fünfmal so ­viele. Die Tiere stehen unter Schutz. Doch Wil­derei, illegaler Handel, Rückgang der Beutetiere sowie ­Lebensraumverlust durch mehr ­Beweidung machen ihnen zu schaffen. Nicht nur der schöne Pelz wird den Schnee­leoparden zum Verhängnis. Auch ihre Knochen sind begehrt. Zu Pulver zermalmt sollen sie in der traditionellen chinesischen Medizin gegen Rheuma helfen.

Die Nabu im Land schützt das Tier

Für manche reiche Sammler gilt ein junger Schneeleopard zudem als Statussymbol. Mehrere Organisationen engagieren sich in dem kleinen zentralasiatischen Land im Schneeleopardenschutz. So hat der Nabu, seit 1998 im Lande aktiv, eine Antiwilderertruppe aufgestellt, die von der Regierung mit Polizeigewalt ausgestattet wurde. Mit Erfolg. Seither werden die Felle auf Märkten oder in Zeitungsanzeigen nicht mehr offen angeboten.

Auf dem Weg zum Issyk-Kul-See geht die Fahrt durch weite Täler, in denen Getreide und Obst angebaut werden, und durch kleine Dörfer mit großen Moscheen. Friedhöfe sehen auf den ersten Blick wie Baustellen aus. Über den Gräbern türmen sich Erdhügel aus Sand oder Geröll – je nachdem, was die Umgebung hergibt. Ein Bad im Issyk-Kul-See beschert einen fantastischen Blick auf die Gletscherkulisse der Terskej-Alatau-Kette. Die untergehende Sonne wirft ein zauberhaftes Licht auf die Zacken der Tienschan-Berge. Der See auf 1608 Meter Höhe ist nach dem Titicacasee der zweitgrößte Gebirgssee der Welt. Schon zu Sowjetzeiten war dies Meer der ­Kir­gisen mit seinen schönen Sandstränden ein beliebtes Erholungsgebiet. In dieser Region schnüren wir mehrmals die Wanderstiefel. Wir laufen durch ein liebliches Tal mit Aprikosenbäumen und rauschenden Pappeln. Wandern durch schroffe Canyons und die Jety-Oguz-Schlucht hoch entlang eines reißenden Gebirgsflusses. Wir steigen 1000 Meter auf, um zu einer 3000 Meter hoch gelegenen Blumenwiese zu gelangen, und machen im Angesicht des 5281 Meter hohen Karakol-Gletschers Picknick. Doch der Geist der Berge lässt sich nicht blicken.

Tipps und Informationen

Anreise: z. B. mit Aeroflot über Moskau nach Bischkek.


Wanderreise: Der Veranstalter Alpinschule Innsbruck unternimmt zwischen Juni und Ende August 2016 drei 14-tägige Rundreisen in Kirgistan – ab 2120 Euro p. P. mit Vollpension und Flug ab Frankfurt, Tel. 0043/512/546 000 12.


Auskunft: Nähere Infos beim Auswärtigen Amt.

(Die Reise erfolgte mit Unterstützung durch ASI Reisen.)