Winterurlaub

Zum Skibauen nach Farchant

In Farchant bei Garmisch-Partenkirchen können sich Skifahrer und Snowboarder ihre Bretter selbst designen und zusammenleimen.

In Workshops können Skifans und Snowboarder in vielen Arbeitsschritten ihre Traumbretter selber bauen.

In Workshops können Skifans und Snowboarder in vielen Arbeitsschritten ihre Traumbretter selber bauen.

Foto: ANGELIKA WARMUTH / picture alliance / ANGELIKA WARM

Spannung. Mit diesem Gefühl beginnt der zweite Tag des Skibauseminars in Farchant. Es ist halb neun am Morgen, der Nebel hüllt das Wettersteingebirge und die nahe Zugspitze ein. Die Bäume sind weiß gefroren.

In der alten Schreinerei im Heubergweg wird der Ofen aufgemacht. Allerdings gibt es weder frisches Brot noch Brezen. Es gibt Skier. Neun Paar. Und ein Snowboard. Doch die sind nicht gebacken, sondern eher mit dem Prinzip Bratenschlauch in der Niedriggarmethode getrocknet worden. Bei 60 Grad, eine Nacht lang.

„So ein Ski hat viele Komponenten, die müssen sich miteinander verbinden“, erklärt Flo Baumgärtner den Teilnehmern des Kurses. Er ist einer der drei Gründer und Geschäftsführer von Build2Ride. Was als Start-up für Individualisten begann, ist inzwischen ein gut gehendes Business. Doch Flo und Axel Forelle, zweiter Chef in der Werkstatt, bauen kaum noch selbst. Sie lassen ihre Kunden ans Werk. Im Winter werden hier Skier und Snowboards gebaut.

Hellblau, mit Münchner Skyline und den Bergen im Hintergrund

„Jeder hat andere Anforderungen an seine Bretter, jeder möchte unterschiedliches Terrain befahren“, sagt Axel. Und nicht jeder ist der Mustermensch, den die Skihersteller ihren Brettern zugrunde legen: 75 Kilogramm schwer, 1,83 Meter groß, fast 90 Prozent der Zeit auf der Piste und sonst im Tiefschnee und zwischen Buckeln unterwegs. Also baut sich jeder Teilnehmer des Kurses ein Ski oder Board nach Maß. Und designt den Untersatz so, wie er oder sie will.

Christoph Held ist der einzige im Kurs, der sich ein Snowboard gebaut hat. Hellblau, mit der Münchner Skyline darauf und den Bergen im Hintergrund, in geometrischen weißen Linien. Lange hat der Bauingenieur und passionierte Wintersportler an dem Design herumgebastelt. „Natürlich soll es auch schick aussehen“, sagt er. Denn immerhin kostet so ein selbst gebautes Brett 690 Euro. Und da müssen nicht nur die inneren Werte stimmen.

Auch für Flo und Axel ist jedes Brett ein einzigartiges Projekt. „Hier kommt nichts vom Band“, sagt Axel, der früher als Ski-Talent galt, die Profikarriere jedoch nicht verfolgt hat. Jeder Kurs­teilnehmer muss sich überlegen, welche Form sein Ski haben soll. „So wissen wir, was wir für jeden Kurs herrichten müssen.“

Gefragt ist Kraft statt Fingerspitzengefühl

Denn die Skier haben einen Holzkern, entweder aus harter Esche oder einer weicheren Mixtur aus Esche und Pappel. Der wird individuell zurecht­gesägt. Und dann sind die Kursteilnehmer dran. Jeder bekommt zunächst ein Stück Plastik. „Das ist der Belag“, erklärt Flo. „Und an den müsst ihr jetzt die Stahlkanten anbringen.“ Die sind auf einer großen Rolle aufgefädelt, jeder muss sich seine vier Stücke Stahl selbst abzwicken. Sie werden mit einem speziellen Kleber an den Seiten fixiert und mit kleinen Klammern befestigt.

„Da ist kein Fingerspitzengefühl gefragt, sondern Kraft“, sagt Julian Hiemer, der lange mit den Stahlstücken zu kämpfen hat. Zwar gibt es ein kleines Gerät, das beim Biegen helfen soll. „Aber mit den Händen geht es am besten“, sagt Flo. Während der Kleber trocknet, müssen die Teilnehmer die übrigen Materialien zurechtschneiden, Glasfaser in verschiedenen Stärken. Auch das Design muss spätestens jetzt stehen.

Ein Ski besteht aus den verschiedensten Schichten, Materialien und Teilen. „Die wenigsten wissen, wie komplex so ein Brett eigentlich ist“, sagt Axel. Dass die richtigen Materialien beschafft werden und in den Holz-Hightech-Ski kommen, dafür ist Matthias Schmidlechner, der dritte Geschäftsführer, zuständig. Er ist Ingenieur und kennt sich vor allem in Sachen Faserverbundstoffe aus.

Über Nacht härtet der Leim bei 60 Grad im Ofen aus

Immer wieder bekommen Axel und Flo Anrufe und E-Mails von Menschen, die nicht wissen, ob sie sich den Kurs zutrauen können. „Man muss kein ausgebildeter Handwerker sein, um bei uns einen Ski zu bauen“, sagt Flo. Denn die Tüftelei hat das Build2Ride-Team bereits erledigt, bis die Skibauer in die alte Schreinerei in Farchant kommen. Genau angeleitet werden die Frauen und Männer auch – die Materialien sind zu teuer, als dass man viel Ausschuss produzieren könnte.

Es wird Nachmittag am ersten Tag, bis es ans Zusammenschichten der Bretter geht: Glasfaser, der Holzkern, Glasfaser, der Belag mit den Stahlkanten. Alles muss mit speziellem Leim zusammengefügt werden, in geduldiger Arbeit mit einer kleinen Lackrolle. Für viele das Wichtigste ist das Design.

Das Styling dauert manchmal länger als die Leimerei

Ob Buchstabensuppe, Bilder, Stoff, ein Spruch oder ein Name – das Styling dauert bei manchem länger als die gesamte Leimerei. Wenn alles sitzt, kommen die Latten in eine Art Bratenschlauch. Einen dicken Plastiksack, in dem mit einem Kompressor Unterdruck erzeugt wird. „Etwa zehn Tonnen Druck werden hier erzeugt“, sagt Axel. Unter die Mitte der Bretter legt Flo noch kleine Hölzchen. Hier wird der Ski die meiste Spannung haben.

Jetzt kommt der Ofen ins Spiel, der unscheinbar in einer Ecke der alten Werkstatt steht. „Bei 60 Grad härten die Ski und Snowboards über Nacht aus“, erklärt Axel. Und am Sonntag, als sich alle zu nachtschlafender Zeit ­wiedertreffen, ist fast alles passiert. Zumindest alles, was Konzentration erfordert und kniffelig ist. Nun geht es nur noch darum, den Brettern den Feinschliff zu verpassen.

Christoph Held ist mehr als zufrieden mit seinem Board – das Hellblau seiner Folie ist etwas nachgedunkelt, aber die weißen Linien sind klar zu erkennen. Manches Design erweist sich als etwas dunkel, als die Bretter aus dem Ofen kommen – doch insgesamt sind alle vor allem eines: stolz. Dass sie es geschafft haben, sich eigene Skier zu bauen. Und jetzt ein echtes Unikat mit nach Hause nehmen können.

Tipps und Informationen

Skibaukurs: Kurse finden bis April an jedem Wochenende statt. Der Kurs inklusive ein Paar Ski kostet 690 Euro, die Bindung wird zusätzlich berechnet.

Auskunft: Touristinformation Farchant, Tel. 08821/961696, www.farchant.de