Indien

Im faszinierenden Großstadt-Dschungel von Kalkutta

Kalkutta leidet unter einem schlechten Ruf. Zu Recht? Eine Tour durch den exotischen Stadtdschungel zeigt: Die indische Megametropole ist ambivalent und faszinierend.

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Dunkelheit und Elend, auf den Straßen Verhungernde und darüber wie ein gütig-gespenstiger Schatten Mutter Teresa im weißen Ordenskleid. Hand aufs Europäer-Herz: Sind das nicht noch immer die Assoziationen, die uns krakengleich befallen, sobald wir von Kalkutta hören? Oder lesen, denn auch Günter Grass' vermeintlich allwissendes Stadttagebuch "Zunge zeigen“ spielt mit ebenjenen Klischees.

Was nicht bedeutet, dass es in dieser nordostindischen 15-Millionen-Megametropole, in welche täglich Hunderte neue Arbeit suchende Binnenimmigranten strömen, keine Armut gäbe. Doch ist sie wirklich "schreiend“, oder rührt der Lärm nicht eher von einer hupenden und rufenden Umtriebigkeit her, in 1000 Farben und mit vielen Gerüchen – und von allen Seiten auf den beizeiten überforderten Besucher einströmend?

Also schalten wir inmitten von fahrrad- oder menschengezogenen Rikschas, überfüllten Bussen und ratternden Straßenbahnen erst einmal einen Gang herunter, suchen uns ein ruhiges Plätzchen (wo schließlich nur ein paar Tausende freundlicher Schnurrbartträger unseren Weg kreuzen und zur Begrüßung mit dem Kopf ruckeln), wischen uns die rinnenden Schweißperlen von der Stirn und rekapitulieren: Kalkutta – seit 2001 im Zuge sprachnationalistischer Umbenennung offiziell als "Kolkata“ firmierend – liegt gar nicht am Ganges (wie dies Gerhard Wendlands berühmter 50er-Jahre-Schlager behauptete), sondern an dessen breitem Nebenfluss Hugli.

Im Jahr 1690 als Handelsposten der East Indian Company gegründet, wurde die Stadt schnell zur größten Marktmetropole Asiens und diente später sogar als Hauptstadt von Britisch-Indien. Hier errichtete das Empire voluminöse Prunkbauten, aber auch Schulen, Museen und Bibliotheken, sodass Kalkutta noch heute als das geistige Zentrum Indiens gilt mit einer eindrucksvoll hohen Alphabetisierungsrate und der landesweit größten Anzahl von Verlagen.

Einen ersten Eindruck bekommt man davon in der College Street, auch Book Street genannt wegen ihrer zahlreichen, von Büchern überquellenden Läden, kleine Büdchen, deren Türflügel weit geöffnet sind und an das Gefieder riesiger Kolibris erinnern, denn selbstverständlich sind hier auch die Einband-Cover knallbunt.

Dafür hängen über den Sicherungs- und Elektrokästen im dämmrigen Treppenhaus des "Coffee House“ (geöffnet täglich von 9 bis 21 Uhr) Spinngewebeschwaden von geradezu kaugummihafter Konsistenz – wüsste man nicht, dass sich in der oberen Etage Kalkuttas traditioneller Intellektuellen- und Boheme-Treff befindet, man wagte sich wohl kaum die ausgetretenen Steinstufen hinauf.

Aber genau das ist die Stadt, diese Ambivalenz gilt es auszuhalten: Zwischen Pomp und Verfall, Grazie und Schmutz, zwischen der geradezu obsessiven Körperpflege der Einheimischen und einem großstädtischen Umfeld, in welchem die quittegelben Taxis der Marke Ambassador an alte Filme erinnern und es auch ansonsten überall aussieht wie bei Hempels unterm Sofa. Träge flappen die Ventilatorblätter gegen die stehende Hitze oben im Café, das in seiner Architektur an die frühere Nutzung als Theatersaal erinnert, doch angenehm kühl (und reuelos genießbar) ist der Eiskaffee.

Einheimische staunen über Fremde

In neugieriger Offenheit beschauen die Gäste den Fremden, während auf einem Wandgemälde ein eindrucksvoller Bärtiger in weißem Umhang an Jesus und Sindbad gleichermaßen gemahnt, aber in Wirklichkeit kein anderer ist als Indiens weltberühmter sozialkritischer Poet Rabindranath Tagore, der 1913 als erster Nichteuropäer den Literaturnobelpreis erhalten hatte.

Freilich erinnert dann eher an Franz Kafkas Bürokraten-Albträume, was wir im Inneren des eindrucksvollen High Court sehen, des (ebenfalls von den bis 1947 herrschenden Briten erbauten) Obersten Gerichtshofs mit seiner roten Ziegelsteinfront, dem zinnenförmigen Turm und den vielen verzierten Erkern.

Innenhöfe, unter deren Luftwurzelbäumen schwitzende Schwarzmantel-Advokaten mit ihren Klienten plaudern, derweil sich im Labyrinth der umlaufenden Gänge meterhoch das unbearbeitete Aktenpapier stapelt und in der Hitze schon langsam wieder in seine organischen Ursprünge zurückrottet. Während gleichzeitig draußen vor dem Gebäude unermüdlich die uralten Remington-Schreibmaschinen klappern und professionelle Schreiber endlos neues Papier betippen, penibel instruiert von ihren Kunden, die sich auf irgendwelche Prozesse vorbereiten.

Grund zum Spott? Wohl eher für Hochachtung: Eine Milliarde Inder und trotz allen Fehlern eine Demokratie, deren städtische Bewohner – und das ist der entscheidende Unterschied zum konkurrierenden Riesenreich China – angstfrei sind und auf bürgerliche Rechte zurückgreifen können.

Was indessen nicht bedeutet, dass man nicht an jeder Ecke erneut eine Überraschung erleben könnte. Hier werden saftige Mangos verkauft, dort hockt in einem dämmrigen Hauseingang einer zur Notdurft, da drüben kommt ein Scherenschleifer mit seinem Fahrrad, während gleich vor uns, auf rotbrauner Erde und im Schatten eines Banyanbaums, im Schneidersitz ein Arzthelfer hockt und Blutdruck- und Diabetes-Tests anbietet für 60 Rupien, also umgerechnet gerade einmal einen Euro.

Auch überrascht die mit Mitteln des Goethe-Instituts kürzlich restaurierte Orgel in der wuchtigen St. Johns Church – die Kirche wurde 1784 unter dem berühmten Generalgouverneur Warren Hastings erbaut und ist architektonisch der Londoner St. Martin in the Fields nachempfunden.

Wie exotisches Getier hängen die kreisenden Ventilatoren an Kabeln von der Decke des Gotteshauses, während der grauhaarige Organist ein Stück zum Besten gibt, das wie eine merkwürdige Symbiose anmutet aus Bach und Queen, aus "Jesu, meine Freude“ und Freddie Mercurys Stück "Who Wants To Live Forever“.

Hat man sich auf diesen in Kalkutta allgegenwärtigen Synkretismus, die Vermischung religiöser Ideen zu einem neuen Weltbild, erst einmal eingelassen, weicht die Verstörung alsbald ungeahntem Entdeckerglück und ästhetischem Genuss.

Ein ungewöhnlicher Architektur-Mix

Denn selbstverständlich sind die überall präsenten Museen und Wohnhäuser aus britischer Zeit – erstere sind liebevoll gepflegt, während aus Letzteren bereits Bäume wuchern – nicht etwa im simplen Kolonial-, sondern im sogenannten Raj-Stil erbaut, in einer Mischung aus Gotik, Renaissance, viktorianischen und hinduistischen Elementen, die hier ab Ende des 18. Jahrhunderts von Londons experimentierfreudig-jungen, nach Indien gesandten Architekten erfunden worden war.

Dagegen erinnert das weitläufige, 1921 eingeweihte Queen Victoria Memorial (geöffnet Dienstag bis Sonntag, 10 bis 16.30 Uhr) nicht nur mit seinem weißen Marmor und der Kuppel an eine Mischung aus Maharadscha-Palast, Petersdom und Louvre. Im Park davor lagern orange gewandete Pilger der Göttin Schiwa, während auf dem Plateau eines riesigen, verzierten Steinquaders auf einem Stuhl die Skulptur der ehemaligen "Königin von England und Kaiserin von Indien“ thront, knöchellang der Rock und in den Händen Weltkugel und Zepter.

Welch unermessliche Macht von einst – doch dann am Hugli-Ufer welche Einkehr und Stille im Belur-Math-Schrein aus spielerisch gestaltetem Sandstein, dessen Inneres nicht zufällig einer Kirche gleicht (geöffnet täglich, 6.30 bis 11.30 und 15.30 bis 18 Uhr). Der Religionsreformer Ramakrishna (1836–1886) erkannte nämlich selbst Jesus als göttlich an und übernahm zudem vom Christentum auch den Gedanken der Nächstenliebe und Hilfe. So kümmert sich bis heute die nach ihm benannte Mission um die sozial Benachteiligten der unteren Kasten und unterhält einige Schulen und Waisenhäuser.

Besucht man andere, traditionellere Hindu-Stätten wie etwa den berühmten Kalighat-Kali-Tempel (täglich geöffnet von 5 bis 13.30 und 15 bis 22 Uhr), ist von solcher Verantwortlichkeit schon weniger zu spüren, doch sollte man sich auch hier vor schnellem Urteil hüten. Gewiss, freitagabends fahren die Reichen der Stadt zum prestigeträchtigen Dinner in der Luxusfestung des Hotels "Oberoi“ vor, während draußen unter den Kolonnaden bettelnde Kinder drängeln.

Aber genießt man es nicht auch selbst, sich hier bei einem Cocktail am von Palmen umgebenen Swimmingpool von den Gerüchen, Geräuschen und visuellen Zumutungen der Megametropole zu erholen und später die nächtliche (und sichere) Nehru Road in Richtung des "Park Hotel“ entlangzulaufen, das gleich ein halbes Dutzend Lounge-Bars und Diskotheken beherbergt? Hat man auf dem Weg dahin die unter Marktständen ausgestreckten Obdachlosen nicht schon verdrängt oder in die eigene Stadtwahrnehmung integriert?

Umso eindrucksvoller der Protest gegen dieses Elend, Ort geworden in den zahlreichen von Mutter Teresa gegründeten Häusern. Doch auch hier, wie etwa im Nirmal-Shishu-Bhawan-Waisenhaus (geöffnet Freitag bis Mittwoch von 8 bis 11.30 und 15 bis 17.30 Uhr), wartet eine Überraschung: Denn nichts da von weiß gekalkten Wänden und verbitterten Nonnen. Im Gegenteil.

Knallbunt ist es, Jesus-Bilder werden von Micky-Maus-Porträts flankiert, durch die Räume dringt aus Kassettenrekordern fröhlicher Hindi-Pop, und das Jauchzen der Kinder (deren Schicksal der Oberschicht von Kalkutta bis heute herzlich egal ist) wirkt ebenso wenig aufgesetzt wie das Lächeln der jungen katholischen Nonnen, die aus aller Welt hierher nach Kalkutta gekommen sind, um zu helfen.

Ja, es ist etwas Gutes und Heiteres an diesem Ort, und dass es hier (fast) ebenso laut zugeht wie draußen auf den überfüllten Straßen, spricht eigentlich nur erneut für diese unglaublich vitale Stadt. Der Indien-Reisende, der sich vorurteilsfrei auf all dies einlässt, wird jedenfalls reich belohnt.

Die Reise wurde unterstützt von Qatar Airways .

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