Oktoberfest

Israel entdeckt die weiß-blaue Gemütlichkeit

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Ruth Wenger

Foto: Carmellas

Nicht koschere Bratwürste mit Kartoffelsalat, Oktoberfestbier und Calamari: In Tel Aviv haben die ersten bayerischen Biergärten des Landes eröffnet. Auch wenn es keine Schatten spendenden Bäume gibt, ein kühles Weißbier im Freien ist in Israels liberaler Metropole sehr angesagt.

Strandpartys, coole Klubs und Bars - das Nachtleben in Tel Aviv boomt. Das junge Partyvolk in Israels liberaler Metropole weiß schon lange, dass es auf keinen Trend verzichten muss. Der neueste Import: Biergärten aus Bayern. Innerhalb kürzester Zeit haben in der 390.000-Einwohner-Stadt im Nahen Osten gleich zwei Gartenlokale eröffnet.

Seit in München angezapft wurde, fließt auch bei Daniel Zach bayerisches Bier aus dem Zapfhahn. Für seine Wiesnparty steckt der Koch nicht nur seine Kellner in Tracht, er lässt auch eigens das stärkere Oktoberfestbier aus München einfliegen. Vor einigen Monaten hat der 42-Jährige in der Nähe des lebhaften Carmel-Markts in der Fußgängerzone "Nachalat Binyamin" einen Biergarten eröffnet: den ersten in der 100-jährigen Geschichte der Stadt - und in Israel überhaupt.

Zach betreibt seit Jahren erfolgreich das renommierte "Carmella Bistro". Nun wehen weiß-blaue Fahnen vor dem schicken Restaurant in einer der ältesten Straßen Tel Avivs. Während die Gäste in der weißen Villa hochklassige Küche genießen, wird draußen auf einer Tafel für das bayerische Lebensgefühl geworben - mit frischen (und nicht koscheren) Bratwürsten und Paulaner Bier. Schatten spendende Kastanienbäume und Bierbänke sucht der Gast im "Carmella Beer Garden" allerdings vergeblich: Die Gäste sitzen zwischen Palmen an weißen Tischen und Stühlen aus Holz - eine mediterrane Biergartenvariante. Es muss ja nicht alles authentisch sein.

Daniel Zach war schon öfter auf dem Münchner Oktoberfest und ist auch dieses Jahr wieder auf der Wiesn. Er dachte, das Konzept passe hervorragend zum schwülen Wetter in Israel: "Die Kombination aus kühlem Weißbier und leichten Gerichten ist optimal", findet Zach, der mit der deutschen Küche aufwuchs - sein Vater Erwin kommt aus der Bundesrepublik. In seinem Biergarten tischt er neben Würstel mit Kartoffelsalat auch Calamari und die südländische Version des Obatzda auf: Ikra. Eine Fischrogenpastete, dekoriert mit Schalotten und Rettich. Seine Spezialität sind aber die hausgemachten Brezen. Zach hat die Kunst der richtigen Zubereitung in einer deutschen Traditionsbäckerei gelernt.

Der Biergarten und die Gerichte kommen bei den Israelis gut an. Viele junge Tel Aviver haben die bayerische Gemütlichkeit bereits auf Reisen kennengelernt und staunen nicht schlecht, dass sie nun auch in ihrer Heimat das Bier literweise bestellen können. "Ich war überrascht, als ich von dem Biergarten hörte", erzählt Shani Rozanes, die schon München und Berlin besucht hat. "Aber dann dachte ich: warum nicht? Wir Tel Aviver sitzen gerne draußen, das Wetter ist super, ein Biergarten passt also perfekt." Vor allem Weißbier ist in dem Gartenlokal nach bayerischem Vorbild der Renner. "Das ist nicht so bitter, das kommt dem Geschmack der Israelis entgegen", sagt Marco Santomauro von der Münchner Paulaner Brauerei.

Mit dem Erfolg und der Aufgeschlossenheit der Importeure hatte er im Vorfeld nicht gerechnet. Seit vier Jahren pflegt die Brauerei Geschäftsbeziehungen nach Israel, inzwischen zählt das Land im Nahen Osten zu den Top-15-Exportländern. "Das hat unsere Erwartungen bei Weitem übertroffen."

Dass deutsche Produkte in Israel im Kommen sind, bestätigt auch Yossi Ben-Odis. "Bis vor Kurzem waren exklusive Weine gefragt, jetzt sind es die Biere", erzählt der Sommelier, der schon öfter große Bierfestivals in Tel Aviv veranstaltet hat. Keine fünf Minuten vom "Carmella Beer Garden" entfernt, hat auch er vor wenigen Wochen hinter seiner Weinbar "Hatraklin" einen Biergarten aufgemacht. In schweren Steinkrügen, in denen der Gerstensaft kalt bleibt, serviert er fünf verschiedene Biersorten der Privatbrauerei Bischoff aus der Nordpfalz. "60 Prozent unserer Gäste sind Israelis", sagt Ben-Odis.