USA

Auf den Spuren der Sioux und Siedler am Missouri

Der Missouri im Mittleren Westen Nordamerikas ist mit 3725 Kilometern der längste Nebenfluss des Mississippi. Er durchquert einzigartige, aber beinahe vergessene Gegenden, die sich in den vergangenen hundert Jahren weitaus weniger verändert haben als die meisten anderen Regionen der USA.

Es herrscht vollkommene Stille am Ufer des Missouri, der sich durch die Great Plains schlängelt, die großen Ebenen im Mittleren Westen Nordamerikas. Majestätisch und träge zieht er seine Bahn, und kein Laut stört das anhaltende Schweigen des grenzenlosen Graslandes, das sich an beiden Ufern bis zum Horizont erstreckt. Auf einem Hügel grast eine Bisonherde. Es könnte eine Szene aus einem Westernklassiker sein.

Der Missouri entspringt aus drei Quellen in den Rocky Mountains und mündet bei St. Louis in den Mississippi. Er ist mit 3725 Kilometern der längste Nebenfluss des Mississippi. Sein Name entstammt der Sprache der Sioux, die an seinen Ufern jagten, und bedeutet "Ort der großen Kanus".

Im 19. Jahrhundert zogen die ersten weißen Siedler vom Missouri aus durch die Great Plains nach Westen. Nachdem Präsident Thomas Jefferson 1803 von Napoleon das riesige Territorium westlich des Mississippi für eine Handvoll Dollar erworben hatte, befahl er sogleich eine Forschungsreise, die bis heute ein fester Bestandteil des Pioniermythos der Vereinigten Staaten geblieben ist. Die "Lewis and Clark Expedition", benannt nach Jeffersons persönlichem Adjutanten Meriwether Lewis und dem Armeeleutnant William Clark, bereitete die Eroberung der Prärie und des gesamten Westens vor. Ganz auf sich allein gestellt, ohne Kontakt mit den damals schon zivilisierten Regionen der USA, lediglich ihren eigenen Entscheidungen unterworfen, erkundeten sie vom Missouri aus die noch unentdeckten Regionen des Kontinents.

Auf dem Weg von St. Louis zur Pazifikküste und retour legten sie mehr als 12.000 Kilometer zurück. Nach genau zwei Jahren, vier Monaten und neun Tagen waren sie wieder an ihrem Ausgangspunkt angelangt. Es war das größte Abenteuer, das der Missouri River erlebt hat, denn die Expedition folgte dem großen Strom von seiner Mündung bis weit hinein in die Rocky Mountains. Doch es ist ein Abenteuer, von dem außerhalb der Prärie nur selten erzählt wird. Mit ihrer Expedition begann der Krieg gegen die Ureinwohner Nordamerikas, die indianischen Stämme. Anschließend zogen weiße Siedler durch die Great Plains nach Westen, um 1865 ließen sich viele am Missouri nieder. Sie schossen die Bisonherden ab und verdrängten die Indianer bis 1890 in Reservate.

Am Ufer des Missouri liegt einsam das Grab eines der größten Sioux-Häuptlinge, Tatanka Iyotanka, besser bekannt als Sitting Bull. Er war Stammeshäuptling und Medizinmann der Hunkpapa-Lakota-Sioux, ein Mann der Prärie und des Missouri River. Eine Büste auf dem Grabstein bei Mobridge im Bundesstaat South Dakota erinnert an diesen indianischen Widerstandskämpfer, dessen Leben eine Abfolge tragischer Ereignisse war. So einsam, wie er hier am Fluss seine letzte Ruhe gefunden hat, so allein war Häuptling Sitting Bull auch sein ganzes Leben lang.

Das offizielle Amerika hat ihm nie verziehen, dass er die Schlacht am Little Bighorn 1876 strategisch vorbereitete, in der die amerikanische Armee unter ihrem hochmütigen General George Armstrong Custer eine blamable Niederlage erlitt. Andererseits verstanden viele Krieger aus seinem eigenen Stamm nicht, dass er schließlich Frieden mit den weißen Widersachern schließen wollte.

So wurde der einst so stolze Häuptling der Prärie nach Jahren des Exils und der Demütigung von beiden Seiten verachtet und bekämpft. 1890 wurde Sitting Bull von indianischen Polizisten im Dienste der amerikanischen Armee erschossen.

Mit ihm, so scheint es, trauert auch noch immer der Missouri River auf seinem einsamen Weg durch den Mittleren Westen der Vereinigten Staaten. Er durchquert einen einzigartigen, aber beinahe vergessenen Teil des großen Kontinents, der sich zwischen den Rocky Mountains, der kanadischen Grenze und dem Mississippi erstreckt. Montana, North Dakota, South Dakota, Nebraska, Kansas und Missouri - die Staaten der Great Plains haben den Anschluss an die wirtschaftliche Entwicklung in anderen Teilen des Landes verloren. Abgesehen von Omaha und Kansas City sind an den Ufern des Flusses keine großen Städte entstanden.

Die Great Plains im Herzen Nordamerikas haben sich in den vergangenen hundert Jahren weitaus weniger verändert als die meisten anderen Regionen Nordamerikas, sie befinden sich in vieler Hinsicht sogar auf dem Weg zurück zu ihren Ursprüngen. Ob in den Reservaten der Indianer oder auf den Farmen weißer Siedler - überall sind Landwirtschaft und Viehzucht noch die wichtigsten, manchmal einzigen Einkommensquellen.

In den nördlichen Regionen verlassen viele Einwohner ihre Dörfer, denn ihre Farmen sind nicht mehr rentabel. Sie gehen in die großen Städte. Mancher Ort hat in den letzten 20 Jahren die Hälfte ihrer Einwohner verloren.

Für Besucher und ein wenig Geld in den Kassen sorgen neuerdings die Kasinos in den indianischen Reservaten. In Mobridge, nur wenige Kilometer vom Grab des Häuptlings entfernt, haben die Nachfahren Sitting Bulls in dem Standing Rock Reservation das "Grand River Casino" eröffnet. Wie viele andere Indianer in Nordamerika erhoffen sie sich davon eine Verbesserung ihrer Lebensumstände. Manche halten es zudem für eine späte Genugtuung, dem "weißen Mann" auf diese Weise sein Geld abzunehmen.

Doch so groß sind die Kasino-Einnahmen an diesem abgelegenen Ufer des Missouri River nun auch wieder nicht, sodass sich die erhofften Auswirkungen nur ansatzweise einstellen. 70 Prozent der Bewohner im Reservat sind weiterhin ohne Arbeit. Das schnelle Geld allein durch Glücksspiel scheint nicht die Musterlösung aller indianischer Probleme zu werden.

Gleichzeitig verwandelt sich mit der Abwanderung der Farmer das unbewirtschaftete Ackerland wieder zur Prärie und wird Bisons, Wapiti-Hirschen und Pronghorn-Antilopen überlassen. Das Meer aus Gras, auf dem der Blick nur dort eine Grenze erkennt, wo sich der Missouri hindurchschlängelt, erscheint heute wie damals fast unberührt.

Es ist eine Landschaft für Träumer, Nostalgiker und, wer weiß, eines Tages vielleicht auch wieder für Abenteurer. Würde Sitting Bull heute hier entlangreiten, er könnte sich problemlos zurechtfinden.

Obwohl viele der wichtigsten Konflikte des Wilden Westens am Missouri ausgetragen wurden, haben sich die Schriftsteller mit ihren Geschichten und auch Hollywood mit seinen Filmen auf ein anderes Territorium konzentriert. Die berühmten Western spielen vorwiegend im Südwesten, wo sich Landschaften wie das Monument Valley fotogener präsentieren als die Hügelketten und Ebenen mit dem wogenden Gras der Great Plains.

Anklänge an die Prärie bringt der Western "Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses" von 2007 nach dem Bestseller von Dee Brown, der vom Massaker an den Lakota-Indianern am Wounded Knee erzählt. Das ist eine weitere traurige Prärie-Geschichte.

Anreise: Mit KLM ( www.klm.de ) über Amsterdam nach Minneapolis, weiter nach Sioux Falls oder Pierre. Von dort mit dem Mietwagen weiter ins Sioux-Land am Missouri. Die Region lässt sich hervorragend individuell erkunden, es gibt überall Motels. Unterkünfte im Internet über http://hotel-guides.us/missouri

Auskunft: Rocky Mountain International, Scheidswaldstr. 73, Frankfurt/Main, Tel. 069/25 53 82 30, www.rmi-realamerica.de