Mittsommernacht

Smaland – Schweden aus dem Bilderbuch

Die Heimat von Pippi Langstrumpf bietet Wälder und Holzhäuser, Glaskunst und Glashütten. Und dieser Tage geht die Sonne hier nicht unter.

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Da hilft kein Schloss Gripsholm und kein Birgitta-Kloster in Vadstena, da hilft kein Michelin-Stern und kein Luxushotel: Nach Schweden fahren die Leute der Elche, der Stille und des einfachen Lebens wegen. Hütte am See, Dickmilch mit frisch gepflückten Heidelbeeren, unendliche Wälder. Klingt nach Klischee? Mag sein, aber was ist verkehrt an diesen Zutaten für einen ruhigen Landurlaub? Nichts. Zumal gerade jetzt, in den Tagen rund um die Mittsommernacht, wenn die Sonne nicht oder nur für ein paar Stunden untergeht. In ganz Schweden wird der Midsommar groß gefeiert, in diesem Jahr am 25. Juni. Man pilgert aufs Land und feiert mit Familie und Freunden, und natürlich wird im ganzen Land die schwedische Flagge gehisst, die normalerweise zum Sonnenuntergang eingeholt wird, nicht aber am Mittsommertag, da flattert sie auch über Nacht am Mast.

Unter den schwedischen Landschaften gibt es freilich eine, die noch typischer ist als alle anderen: Smaland im Süden des Landes. Die Gegend ist vor allem wegen Astrid Lindgren der Prototyp des Bilderbuchschwedens: Die berühmte Kinderbuchautorin war hier zu Hause, ihre Heimat floss in ihre Werke ein. Deshalb weiß jeder, der „Die Kinder aus Bullerbü“ gelesen hat oder „Pippi Langstrumpf“, wie Smaland aussieht, auch wenn er noch nie dort war.

Und noch etwas spricht für Smaland: jener Teil der Provinz, der Glasriket genannt wird, Glasreich. Die Stadt Växjö (mit ihrem Glasmuseum) und die Gegend östlich davon sind Schwedens Zentrum der Glaskunst. Hier gibt es seit im Umkreis von 80 Kilometer 15 Glashütten, in denen traditionelle Glasbläser am Werk sind und wunderbare Trinkgläser und Leuchter, Vasen und Skulpturen herstellen, die weltweit als Musterbeispiel für schwedisches Design gelten.

Der Grundstein für das Glasreich wurde gelegt um 1630, als ein Halbbruder des schwedischen Königs den aus Deutschland stammenden Glasbläser Paul Gaukunkel anwarb. Smaland war damals bitterarm, aber von zwei Dingen hatte es reichlich: Wasser und Wald. Beides brauchte man für eine Glashütte – das Holz, um die Brennöfen, das Wasser, um die Schleifereien zu betreiben. In Trestenhult entstand die neue Glashütte, sie stellte alle möglichen Formen von grünlichem Gebrauchsglas her.

Das Glas war ein voller Erfolg, aus einer Glashütte wurden viele, aus einem deutschen Glasbläser eine ganze Kolonie. Bald wurden die Glashütten der wichtigste Brotgeber in Smaland, die Gegend zwischen Växjö und Nybro wurde zum Glasreich. Über 100 Glasbläsereien entstanden damals.

Eine der heute bekanntesten wurde 1742 gegründet: die Glashütte in Kosta, die sich mit der Hütte in Boda zu Kosta Boda zusammenschloss, später von Orrefors übernommen wurde und heute unter der Bezeichnung Orrefors Kosta Boda AB firmiert. Kosta Boda ist eine weltberühmte Designer-Adresse, geprägt von Künstlern wie Olle Brozen, Anna Ehrner, Kjell Engman, Ulrica Hydman-Vallien. Die Liebhaber der Glaskunst – und nun wird es touristisch – kommen aus aller Welt in den Smaländer Wald. Um die Kunstwerke zu bewundern, aber auch, um mundgeblasenes Glas zu kaufen, das es im Fabrikverkauf zu ausgesprochen attraktiven Preisen gibt. Zum Teil ist die Ware „zweite Wahl“, aber was heißt das schon? Es geht nicht um den Sprung in der Schüssel. Die Abweichungen in Form und Farbe, die bei der Fertigung entstehen, machen die Stücke, Gläser, Miniaturen, Vasen und Schalen erst zu individuellen Kunstwerken. Schließlich wird hier Glas in Handarbeit hergestellt. Besucher können den Glaskünstlern, und das ist die zweite Attraktion des Kosta-Boda-Imperiums, bei der Arbeit zusehen – nah an der Hitze der Brennöfen. Glasblasen ist eine faszinierende Fertigkeit – und die alten Fabriken, umgeben von Ausstellungs- und Museumshallen, historischen Arbeiterhäusern, Cafés und Spielplätzen, sind nicht minder faszinierend.

Die neueste Attraktion in Kosta ist das im vergangenen Sommer eingeweihte „Kosta Boda Art Hotel“, das erste Glashotel Schwedens. Zugegeben: Das ist nicht das klassische Holzhaus, das die Schweden-Puristen – siehe oben – so lieben. Aber ein Hingucker, den es so nur in Schweden gibt, ist es schon. 100 Tonnen wurden beim Bau verwendet, allein sechs Tonnen für die 248 Glasstäbe, die die Hotelfassade schmücken. 1000 mundgeblasene Glaskunstwerke sind im Hotel verteilt, 107 Glaswaschbecken zieren die Zimmer.

Der Glasleuchter von Bertil Valliens in der Hotel-Lobby wiegt 800 Kilo, das Restaurant (ohne Glastische) ist hervorragend, ebenso die Glasbar (alles durchsichtig). Die Zimmerpreise starten bei 177 Euro, das ist nicht wenig, aber man kann es sich gönnen, schließlich spart man beim Gläser-Vasen-Schälchen-Einkauf im benachbarten Outlet.

Wem das Kosta-Boda-Imperium zu groß, zu fein, zu rummelig ist, der wird anderswo fündig – bei einer Rundreise durch das Glasreich. Und entdeckt dabei das ursprüngliche Schweden, sprich Wälder, Seen, Elche – und weitere Glashütten. Immerhin 15 davon haben die Industrialisierung der Glasproduktion überlebt, dazu viele kleine Glasstudios, wo in alten Schwedenhäuschen mit angeschlossenem Café Glaskünstler ihrer Arbeit nachgehen. Die größeren Hütten werden in der Broschüre des Glasreiches mit typischen Produkten vorgestellt. Viele haben ein kleines Museum, das man besichtigen kann. Man muss nicht alle, aber sollte einige sehen: beispielsweise Pukeberg, bekannt für moderne Formen , oder die Hütte Rosdala , die sich auf gläserne Lampen und Lampenschirme spezialisiert hat. Wem je Omas Stehlampe heruntergefallen ist, der findet hier Ersatz für jeden zerbrochenen Schirm der vergangenen 150 Jahre.

Und wem es nach weiterer Schwedenromantik verlangt, der begebe sich zum Katthult-Hof bei Vimmerby . Es ist dies ein typisch schwedisches Gehöft mit rot gestrichenen Holzhäusern, in dem Anfang der 70er-Jahre die TV-Serie „Michel aus Lönneberga“ gedreht wurde. Seither ist der Hof ein Wallfahrtsort für alle, die Sehnsucht nach Schweden haben. Das kann man gut verstehen.