Karneval

Umsonst und draußen – zwei Wochen lang Party in Rio

Karneval in Rio und keine Eintrittskarte? Kein Problem. Neben den offiziellen Paraden gibt es auch den Straßenkarneval, der mindestens ebenso viel Spaß verspricht.

Natürlich muss man sie einmal im Leben gesehen haben – die offizielle Karnevalsparade im Sambódromo, wo 60.000 Menschen beim Wettbewerb der Samba-Schulen mitfiebern. Zumal wenn – wie in diesem Jahr – Brasiliens Supermodel Gisèle Bündchen auf den Wagen mitfährt. Aber wie wäre es, statt passiv auf den Tribünen zu sitzen, sich auch mal unter das ausgelassen feiernde, tanzende Volk zu mischen?

Dazu besteht beim Carnaval de Rua, dem Straßenkarneval Gelegenheit, einem riesigen Parallelevent, bei dem um die 300 Musikgruppen mitmachen. An den verschiedensten Orten der Stadt, vom Zentrum über Copacabana bis Ipanema und Leblon treten sie auf und verwandeln mehrere Wochen lang Straßen, Strände und Plätze in eine riesige Party. Ein Blick ins Internet genügt , um zu wissen, wo gerade welche Bands auftritt.

Mal sind es sogenannte Bandas wie die bereits seit 1918 existierende Cordão de Bola Preta mit Hunderten von Musikern, die Marchinhas, bekannte Karnevals-Hits zum Besten geben, die jeder mitsingen kann. Oder es sind Blocos, die jedes Jahr ihren eigenen Song kreieren und mit anderen Liedern variieren. Einige beschränken sich auf Percussion-Instrumente und trommeln, was das Zeug hält. Andere haben alle möglichen Instrumente und lautstarke Sänger aufzubieten. Oft proben sie monatelang ganz diszipliniert, um beim Karneval nach allen Regeln der Kunst wider den tierischen Ernst anzuspielen. Dass es dabei nicht um eine verbissene Leistungsschau, sondern um Spaß geht, beweisen allein schon die Namen: „Banda dos Inválidos“ – Invalidenband, „Sympathie ist fast Liebe“, „Imperium der Verrückten“, „Vereinigung der Untreuen“, „Die Gladiatoren von Copacabana“, „Himmel auf Erden“, „Müder Hund“ und „Globale Erwärmung“ heißen sie. Oder auch: „E pequeno mas vai crecer - Er ist klein, aber wächst“.

Der Fantasie scheinen keine Grenzen gesetzt, wobei nicht alle gleichermaßen gut sind. Zu den Favoriten gehört unter anderen die traditionsreiche Banda de Ipanema, die an mehreren Tagen am Strand des gleichnamigen Stadtteils entlang zieht. Und vor allem der Bloco das Carmelitas: Hier verkleiden sich die Musiker als Nonnen und spielen im Viertel Santa Teresa mit ohrenbetäubendem Trommelwirbel auf die Karmeliterinnen des dortigen Klosters anspielen. Ort und Termin ihrer Auftritte werden wie ein Staatsgeheimnis gehütet. Doch sobald es jemand lüftet, spricht es sich wie im Lauffeuer herum, und die Straßen des liebenswerten Wohnviertels auf dem Hügel füllen sich schneller als die Biergläser in den umliegenden Kneipen.

Jedes Viertel hat seine Lieblingsband, und jede Band ihre Fangemeinde, die sie enthusiastisch unterstützt. Oft warten die Zuschauer schon lange vor dem angekündigten Beginn des Freiluftkonzerts, um sich einen guten Platz zu sichern. Familien, alte Leute, junge Pärchen und feierlustige Männergruppen mischen sich mit Drag Queens und Touristen. Die einen in freizügiger Badebekleidung, die anderen in originellen, mitunter aus altem Hausrat und Plastiktüten improvisierten Kostümen. In Zweifelsfall ersteht man bei ambulanten Verkäufern ein Krönchen oder eine Teufelsmaske. Da präsentieren sich Dickbauchige mit zarten Bikini-Oberteilen und Federboas über der tätowierten Schulter, andere kommen mit Teufelshörnern, als Hexen, Babys oder Prinzessinnen verkleidet. Gewiss, nicht alles ist schön und geschmackvoll. Aber darf jeder ausleben, wonach ihm der Sinn steht. Und wie es aussieht, haben alle Spaß. Singen, tanzen, stillen ihren unbändigen Lebenshunger – und den Durst mit reichlich kühlem Bier.

Während die offiziellen Karnevalsparaden nur an zwei Tagen – am 6. und 7. März – stattfinden, dauern die tollen Tage des Straßenkarnevals wesentlich länger. Sie beginnen vereinzelt schon Wochen im voraus und erreichen ihren Höhepunkt am Karnevalsfreitag, der in Brasilien als offizieller Karnevalsbeginn gilt. Ab dann mischen noch über Aschermittwoch hinaus jede Menge Blocos die verschiedenen Stadtviertel auf. Manchmal geht es schon früh am Morgen los, wenn keiner damit rechnet und viele noch im Bett liegen. Die meisten Bands spielen indessen nachmittags um vier, wenn die Leute vom Strand kommen, oder in den Abendstunden.

Erst bleiben sie ein oder zwei Stunden an einer Stelle, dann ziehen sie gefolgt von ihren Fans durch die Straßen. Da wird so mancher Anwohner um seinen Schlaf gebracht. Zumal durch die Umzüge immer wieder der Verkehr zum Stillstand kommt und sich zu der Musik noch ein ebenso lautes Hupkonzert gesellt. Manchmal mag man sich ob des Lärmpegels die Ohren zuhalten.

Aber auch sonst dürfen die Zuschauer nicht allzu zimperlich sein. Da kann es einem schon mal passieren, dass einem jemand unversehens einen dicken Kuss auf die Wange drückt, in den Po kneift oder bei der Hand nimmt, um gemeinsam Samba zu tanzen. Auch sollte man keine Platzangst oder eine allzu empfindliche Nase haben, wenn es immer voller und heißer wird und sich die Horde von Feierlustigen in eine einzige schwitzende Fleischmasse zu verwandeln scheint. Im Zweifelsfall hält man sich etwas abseits und sieht dem Treiben von der Terrasse eines nahen Cafés oder Restaurants aus zu.

So chaotisch der Straßenkarneval auf den ersten Blick erscheinen mag – auch hier gibt es ähnlich wie im Sambódromo eine perfekt funktionierende Organisation. Während die Polizei viele Straßen und Plätze sperrt, sorgt ein Riesenheer von ambulanten Verkäufern für das leibliche Wohl der Passanten. Die einen mit mobilen Verkaufsständen, die anderen mit schweren Kühlboxen, gefüllt mit Eis, Getränken oder Kokosnüssen, die kurzerhand geköpft und mit Strohhalm versehen zur besten Alternative zu Caipirinha werden. Dazwischen schieben sich Kinder durch die Menge, um sich ein bisschen Geld mit Erdnüssen oder anderen Snacks zu verdienen.

Immer mit dabei sind auch die Müllsammler, die die leeren Dosen, kaum dass sie auf den Boden fallen, in Plastiksäcken verschwinden lassen, um sie zu Recyclingstellen zu tragen. Hört ein Bloco auf zu spielen, rücken schließlich in Windeseile Putzkolonnen an, um den Restmüll zusammenzufegen. Das einzige, was immer noch fehlt, sind ausreichende Toiletten. So gehört es zu den unschönen Begleiterscheinungen des Straßenkarnevals, dass viele ihre Blase gleich am Strand oder in einer Grünzone entleeren – nach dem Motto „Wo eine Palme steht, steht auch ein Mann“.

Natürlich sind Ereignisse wie der Carnaval de Rua auch beliebtes Terrain der Taschendiebe. Die gut gefüllte Brieftasche, das iPhone und die Spiegelreflexkamera sollten deshalb ebenso zuhause bleiben wie die Rolex-Uhr oder der beim Juwelier erworbene neue Ring mit Edelsteinen. Es reicht, sich ein paar Scheine in die Tasche zu stecken, vor allem Kleingeld für die ambulanten Verkäufer. Ansonsten braucht man nur bequeme Schule – und eine gehörige Portion gute Laune.