Winter

In New York sorgt der Schnee für gute Laune

| Lesedauer: 9 Minuten
Sebastian Moll

Wenn Manhattan unter einer weißen Decke verschwindet, weicht die Hektik aus New York. Statt des üblichen Lärms herrscht eine ungewohnte Stille. Die Menschen genießen die verschneite Stadt, die sich nun von ihrer erhabensten Seite zeigt – und entspannen zwischen Schlittschuhbahn und Dampfbad.

Das Erste, was auffällt, ist die Stille. Du wachst morgens auf, und es hupt kein Taxi unter dem Fenster. Der Dauersoundtrack der Stadt, jener stete Pegel aus Presslufthämmern, Sirenengeheul und Motorenbrummen, ist plötzlich abgedreht. Nur die U-Bahn rattert noch im Zehnminutentakt vorbei und lässt den Asphalt erzittern. Ansonsten liegt New York unter einer nahezu schalldichten Decke, die all den Lärm, der eigentlich zu dieser Stadt gehört wie die Freiheitsstatue, einfach verschluckt.

New York wird über Nacht zu einem anderen Ort, wenn der Schnee fällt. So wie Anfang Februar, als ein mächtiges Sturmtief die Ostküste hinaufzog und Stadt für Stadt unter seiner weißen Ladung begrub: Washington, Philadelphia, Boston – für jede Metropole hatten die Wolken 30 bis 80 Zentimeter dabei. Die erste Welle ging noch haarscharf an New York vorbei. Die zweite Front, zwei Tage später, erwischte auch Manhattan mit voller Wucht.

Mit einem Mal verwandelt sich dann der eilige Stechschritt der Menschen in ein unbeholfenes Stapfen und Trippeln. Der Verkehr erlahmt, nur noch ein paar Taxifahrer sind dann unterwegs, in der Hoffnung, verzweifelten Fahrgästen das Doppelte des gewöhnlichen Fahrpreises abknöpfen zu können. Der hektische Beat der Stadt wird jäh unterbrochen. Niemand hat mehr dringende Geschäftstermine. Man findet sich damit ab, dass die Dinge warten müssen.

Anstatt sich in Anzüge zu zwängen und in Büros zu hasten, ziehen die New Yorker dann Stiefel an und gehen hinaus, um ihre Stadt in diesem verzauberten Zustand zu erleben. Im Central Park etwa, wo Kinder auf Plastikschalen die Hänge hinabrutschten und Ski-Langläufer vor der Kulisse der Skyline vorbeigleiten; wo sich Männer zu einem Football-Spiel im Schnee treffen, weil man sich und den Gegner heute so herrlich hemmungslos auf den weichen Untergrund schmeißen kann; wo man sich unter warmen Decken per Pferdedroschke durch die weiße Winterlandschaft kutschen lassen kann.

Die Eislaufbahn im Central Park ist an solchen Tagen hoffnungslos überfüllt. Deshalb spazieren wir lieber die Fifth Avenue hinunter zum Bryant Park. Direkt hinter dem neoklassizistischen Prunkbau der Public Library liegt die schönste Schlittschuharena von Manhattan. Die Stadt drängt hier förmlich an die Bande des Karrees. Man fühlt sich so mittendrin, wie man es nur sein kann, aber statt sich durch die Fußgängermassen kämpfen zu müssen, schwebt man auf dem Eis durch die Traumkulisse und kann sich ganz dem Genuss der verschneiten Stadt hingeben, die sich von ihrer erhabensten Seite zeigt.

Links dräut wie eine gotische Kathedrale das „Bryant Park Hotel“, jener mysteriöse und etwas bedrohliche 20er-Jahre-Bau aus goldumrandetem schwarzem Backstein. Hinten thront die angestrahlte Library, rechts das brandneue Gebäude der Bank of America, der zweithöchste und vielleicht interessanteste Wolkenkratzer der Stadt mit seinen fließenden Konturen und abgeschrägten Kanten. Die Büroetagen rundum bilden schmale Neonlichtstreifen, die unbeabsichtigt festlich in die glasklare Winterdämmerung glühen. Und bei jeder Runde, die man dreht, erhascht man für einen Moment einen Blick auf das bunt beleuchtete Empire State Building, das hinter dem „Park Hotel“ hervorlugt.

Nach spätestens einer Stunde jedoch pfeift der Winterwind so streng vom Hudson zwischen den Hochhäusern hindurch, dass nicht nur die Füße kalt sind; höchste Zeit also, sich aufzuwärmen. Wir winken ein Taxi heran, das uns in die extravaganteste Kaminstube Manhattans bringt, die „Library“ im „Hudson Hotel“. Designer Philippe Starck hat hier eines seiner typischen inkongruenten Interieurs geschaffen: Die altenglische Täfelung und die riesige Feuerstelle suggerieren antike Landhausgemütlichkeit. Moderne Elemente wie die überdimensionale Aluminium-Glocke über dem Billardtisch und der verschnörkelte Barockspiegel durchbrechen das Konzept – und verstören auf grandiose Weise. „The Library“ ist einer der spannendsten Räume von New York, frei zugänglich und obendrein gut geheizt.

Aufwärmen kann man sich an eisigen New Yorker Tagen aber auch ganz anders. Die East 10th Street Nummer 268 ist auf den ersten Blick ein gewöhnliches Mietshaus im alten osteuropäischen Einwanderer- und heutigen Szeneviertel East Village. Hinter der gedrechselten Eingangstür im Hochparterre verbirgt sich ein wundersamer Mikrokosmos: ein 120 Jahre altes russisches Bad, Relikt aus einer anderen Ära – der Zeit, als die Männer der russisch-jüdischen Gemeinde sich hier wöchentlich trafen, um zu baden und die Geschicke der Nachbarschaft zu besprechen. Es hat sich hier scheinbar nichts verändert seitdem – die Umkleidekabine mit den rostigen Stahlschränken, der karge Eingangsbereich, die Wellblechverschläge, hinter denen man sich massieren lässt, das winzige gekachelte Dampfbad. An der Rezeption begrüßt einen ein kleiner bärtiger Mann mit einem schweren russischen Akzent, nimmt Wertsachen unter Verschluss und teilt Handtücher aus.

Rund um das Eisbecken im schmalen Keller des dreistöckigen Hauses sitzen orthodoxe Juden mit Locken und Bärten. Dazwischen mischt sich die neuere Bevölkerung des Viertels – Jungvolk mit großflächigen Tattoos und nicht mehr ganz so junge Yuppies, die seit 15 Jahren das Viertel besiedeln. Man zwängt sich gemeinsam in die enge Sauna, lässt sich von einer der ebenso kräftigen wie strengen russischen Masseurinnen mit einer Seifenlauge abreiben und sitzt nachher zusammen an der spärlich eingerichteten Bar bei einem süßen russischen Bier.

An solchen Wintertagen hat man das Gefühl, dass die Stadt sich nicht bloß auf die widrigen Umstände eingestellt hat. Sie werden vielmehr mit offenen Armen begrüßt, mitunter sogar gefeiert. Die gute Laune der New Yorker im Schnee ist ein perfektes Beispiel für jenen amerikanischen Optimismus, der aus allem das Beste macht; an Tagen wie diesen spürt man ihn besonders. Auch am Times Square, wo seit Jahren schon der „Naked Cowboy“ spielt und posiert und sich mit Touristinnen fotografieren lässt. Stets ist er nur mit Unterhose, Hut und Stiefeln bekleidet, auch jetzt, bei Minusgraden. Gerade bei Schnee ist er ein beliebtes Motiv – bis zu 300 Dollar bekommt er an solchen Tagen pro Stunde in seine Stiefel gesteckt. Dafür zittert er sich gern durch den Vormittag und springt nur gelegentlich in einen Coffeeshop, um sich aufzuwärmen.

Am nächsten Tag rattern wir mit der U-Bahn zu dem New Yorker Winterritual – dem Polar Bear Swim auf Coney Island. Seit 1903 steigen hier an jedem Wintersonntag die Mitglieder des Eisbären-Klubs am berühmtesten New Yorker Strand in den Atlantik. Es ist ein strahlend klarer Tag am Meer, der Himmel ist tiefblau, die Sonne lässt die geschlossene Schneedecke glitzern. Die rund 50 Polarbären, die heute hierhergekommen sind, sind euphorisiert. In Bikinis und Surfshorts wälzen sie sich im frischen Schnee, bevor es unter lautem Geschrei in die Fluten geht.

„Wenn es schon Winter ist in New York, dann will ich den auch mit voller Intensität am eigenen Körper spüren“, sagt einer, „und was kann intensiver sein, als bei zehn Grad unter null im Atlantik zu baden?“ Hinterher sitzen die Polar Bears und ihre Freunde in der „Freak Bar“, dem Café des Coney Island Museums an der Surf Avenue, bei Kaffee und Bagels zusammen und schlottern gemeinsam. Draußen räumt ein Schneepflug die Straße frei. Morgen muss die Stadt wieder funktionieren, aber erst ist noch ein paar Stunden lang Winter. Die U-Bahn nach Manhattan, sagt jemand, fahre momentan nur unregelmäßig, eine Linie sei komplett ausgefallen. Man nimmt es zur Kenntnis und bestellt sich noch einen Kaffee. Einer der Polarbären hat eine Gitarre mitgebracht und fängt an zu singen. Heute muss niemand mehr irgendwohin.

Anreise: Nonstop von Deutschland zum Beispiel mit Lufthansa, Air Berlin, Singapore Airlines, Continental, United Airlines.

Adressen: Kamin-Bar „The Library“ im „Hudson Hotel“, 356 West 58th St., www.hudsonhotel.com ; Schlittschuhlaufen: Bryant Park, täglich von 10 Uhr morgens bis Mitternacht (bis Ende Februar), Schlittschuhverleih 12 Dollar; Dampfbad: Turkish and Russian Baths, 268 East 10th St., Eintritt 30 Dollar, Massagen ab 30 Dollar, geöffnet täglich von 12 bis 22 Uhr, www.russianturkishbaths.com ; Coney Island Polar Bears: Die Polar Bears schwimmen von November bis April täglich jeden Sonntag um 13 Uhr am Strand von Coney Island im Atlantik, anschließend Brunch im „Freak Café“ an der Surf Avenue, www.polarbearclub.org

Auskunft: New York City & Company, www.nycgo.com