Skitour bei -40 Grad

Russlands eisiger Norden ist nur was für Harte

An der Grenze zu Karelien im Norden Russlands liegt der Nationalpark Kenosero. Sowohl im Sommer als auch jetzt im Winter machen sich Touristen auf den Weg in die tiefste Provinz, um sich alte Holzkirchen anzuschauen und Stille zu genießen. Selbst Frost, Wind, Mangel an Komfort bringen keinen zum Stehen.

Stas wischt sich den Schweiß von der Stirn ab und nimmt das Beil. Er hebt es hoch und senkt mit einem Ruck nieder. Doch das Beil gleitet aus der Hand und verschwindet irgendwo im Schnee. Überall ist es dunkel, der Mond ist noch nicht aufgegangen, aber der Himmel ist von Sternen übersät – ein unmittelbares Zeichen dafür, dass es nach einem Schneesturm in dieser Nacht richtig kalt wird.

Vergeblich tastet Stas im Schnee nach dem Beil herum. Doch irgendwie muss der Holz gehackt werden, sonst gibt es kein Abendbrot und kein Tee. Das Wasser ist mit dem dicken Eis bedeckt und stattdessen wird Schnee geschmolzen. Sogar der Wodka ist fast so gut wie eingefroren.

Stas' Frau Tanja und ihr zwölfjähriger Sohn Petja versuchen, so viel Schnee wie möglich auf das Zelt und um das Zelt herum zu legen, damit sie in der Nacht nicht einfrieren. Denn außer dicken Schlafsäcken mit Daunen haben sie nichts, was in der kalten Winternacht Wärme spenden konnte.

Plötzlich stößt Stas Hand den Beilgriff – sie sind gerettet! Sie haben an diesem Abend eine trockene Kiefer gefällt, obwohl es im Nationalpark verboten ist. Aber was tun, wenn der Förster auf dem Plan den falschen Campingplatz markiert hat? Er sollte auf dem Platz alles vorbereiten, das Holz in Stapel legen. Das hat er vermutlich gemacht, aber anderswo.

Stas, seine Frau mit dem Kind und seine Freunde wandern auf breiten Langlaufschiern im Nationalpark Kenosero im Archangelskgebiet, der auf dem See Kenosero liegt. Die Wanderer überwinden auf Eis täglich zehn bis 15 Kilometer mit Rucksäcken und allem Nötigen. Sie übernachten in Zelten und kochen auf Feuer.

Das Ziel dieser spektakulären und gefährlichen Wanderung sind alte Holzkirchen in den teilweise verlassenen Dörfern auf den Ufern von Kenosero. Im Winter fällt in der Region so viel Schnee, dass die Fortbewegung nur auf Eis möglich ist.

Bei der Einreise in den Nationalpark wurde ihre Gruppe registriert und die Route mit dem Förster besprochen. Die Besonderheit bestand darin, dass das Eis nicht überall begehbar war – der Förster malte die Wege und Campingplätze auf den Plan. Die schmalsten Abschnitte zwischen den Ufern wurden angekreuzt und für verboten erklärt: Die Wasserströmung in diesen Stellen ist so stark, dass das Eis sogar bei mehr als 30 Grad unter Null zu dünn bleibt.

Auch an breiten Eisflächen besteht die Gefahr, knöcheltief ins Wasser zu geraten, aber aus einem anderen Grund. Ungeheure Wassermengen drücken von unten aufs Eis und der Schnee von oben. Dadurch entstehen ganz dünne Ritzen und das Wasser sickert durch. Geraten sie hier ins Wasser, werden sie nass und bleiben im Schnee stecken. Den Schnee kann man nur am Feuer auftauen.

An einem Tag stand Stas mitten auf dem Eis und von unten kam Wasser. Alle lockerten die Skibindung und die Trageriemen am Rucksack für den Fall, dass jemand ins Wasser fällt. Aber alle kamen wohlbehalten ans Ufer.

Am Tag nach der frostigen Übernachtung rief er bei der Verwaltung des Nationalparks an. Dort erfuhr er, dass die Temperatur in der Nacht bis -40 Grad fiel und am Tag wurde es nur um fünf Grad wärmer. Die Gruppe möge bitte möglichst schnell Schutz finden, hieß es.

Sie standen auf einer Insel und hatten keinen anderen Ausweg, als fürchterlichem Frost den See zu überqueren. Drei Regeln wurden an dem Tag überlebenswichtig: gut essen, sich warm anziehen und sich bewegen. Einige Stunden später kamen sie in einem Dorf an, wo nur zwei bewohnte Häuser standen, und fanden dort Unterkunft.

Was lockte sie eigentlich im Winter so weit weg von Moskau? Der Nationalpark Kenosero existiert seit 1991. Einzigartige Natur des russischen Nordens, alte Kultur der Einheimischen – das alles lädt uns Russen auf eine Tour ein. Doch es scheint, dass der Park nicht auf die Besuche von Wanderern vorbereitet sei, besonders auf die von privaten Gruppen ohne offizielle Reisebegleitung, die sich den eigenen Weg aussuchen.

Vom Nationalpark bis zum nächsten Bahnhof sind rund 180 Kilometer, doch kein Bus fährt dahin und Touristen sind auf sich selbst angewiesen. Mit Taxifahrern ist schwer zu verhandeln: die nächste Tankstelle ist etwa 80 Kilometer entfernt.

Doch fragt man Stas, ob er die gefährliche Wanderung wiederholen würde, antwortet er ohne zu zögern "Ja". Denn was ist eine Reise ohne Abenteuer wert?

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Die Region auf Google Maps.

Linktipps für den Kenosero Nationalpark:

www.pomorland.info
www.deu.artesru.ru/kargopol
www.barentsphoto.com/kenozero