China

Macau und die unermüdliche Suche nach Glück

Einst ein bedeutender Handelsstützpunkt zwischen Asien und Europa, verlor Macau mit dem Aufstieg Hongkongs im 19. Jahrhundert an Bedeutung. Bis heute steht die chinesische Sonderverwaltungszone im Schatten des großen Nachbarn – dabei hat die Stadt einiges zu bieten, was Hongkong nicht hat.

Kommt die Sprache auf eine ehemalige Kolonie in China, fällt den meisten sofort Hongkong ein. Dabei ist die Metropole am Südchinesischen Meer nicht die einzige frühere europäische Besitzung an Chinas Küsten: Nur etwa 65 Kilometer entfernt liegt auf dem westlichen Ufer des Perlflussdeltas Macau. Und dort feiert man in diesem Jahr das zehnjährige Jubiläum seit der Übergabe der ehemals portugiesischen Stadt an China: Am 20. Dezember 1999 endete nicht nur das letzte Kapitel europäischer Kolonisation in Asien, sondern mit 442 Jahren auch das längste.

Einst ein bedeutender Handelsstützpunkt zwischen Asien und Europa, verlor Macau mit dem Aufstieg Hongkongs im 19. Jahrhundert an Bedeutung. Bis heute steht die Sonderverwaltungszone mit ihren 530.000 Einwohnern im Schatten des großen Bruders mit seinen sieben Millionen Einwohnern. Aus touristischer Sicht braucht sich Macau indes nicht zu verstecken – die Stadt hat einiges, was Hongkong nicht zu bieten hat.

Portugiesisch-chinesisches Erbe

Wer über den im Zentrum Macaus gelegenen Largo do Senado, den Senatsplatz, flaniert, kann für Momente fast vergessen, sich in China zu befinden. Denn anders als in Hongkong sind in Macau viele Gebäude nicht nur aus der chinesischen, sondern auch aus der kolonialen Vergangenheit erhalten. Das ehemalige Senatsgebäude aus dem 18. Jahrhundert und die Barockkirche Igreja de São Domingos sind nur zwei der Kolonialbauten, die dem Platz eine europäische Atmosphäre verleihen. Frisch renoviert und am Abend angestrahlt wirken sie fast wie Kulissen.

Biegt man aber in eine der vom Platz abgehenden Gassen ein, fühlt man sich schnell wie in einer anderen Welt. Viele Läden bieten ihre Waren auch auf der Straße an. Getrocknete Fische hängen neben bunt bedruckten T-Shirts, gerupfte, schwarzhäutige Hühner liegen neben Devotionalien, und gleich nebenan kämpfen kleine als Glücksbringer gehandelte Schildkröten verzweifelt um ihr eigenes Glück, indem sie versuchen, einer Plastikwanne zu entrinnen. Auch Durian wird auf der Straße angeboten. Wer zugreift, sollte aber wissen, dass die stachelige Riesenfrucht wegen ihrer starken Geruchsentwicklung in vielen Hotels verboten ist. Die meisten Menschentrauben bilden sich jedoch um die zahlreichen Stände, die getrocknete Fleischfladen verkaufen. Ob vom Schwein, Kalb oder Känguru und mit Pfeffer oder Honig angereichert – die Fladen, die es gleich auf die Hand gibt, erfreuen sich größter Beliebtheit.

Nicht weit vom Senatsplatz entfernt thront am Ende einer imposanten Freitreppe das Wahrzeichen der Stadt: Es ist die Anfang des 17. Jahrhunderts errichtete Jesuitenkirche São Paulo – zumindest das, was von ihr noch übrig ist. 1835 brannte sie aus, nur die Fassade der mächtigen Kirche blieb stehen. Auf ihr ist die Geschichte der Christianisierung Asiens dargestellt. Dabei zeigen die in Stein gearbeiteten Reliefs nicht nur christliche Motive wie die Muttergottes, sondern auch Drachen und asiatische Ornamente. Drachen tanzen jeden Sonnabend auch vor der Ruine, wenn chinesische Künstler ihr Können zeigen. Sonntags gibt es Folkloredarbietungen in portugiesischen Trachten zu sehen.

Auch vor dem A-Ma-Tempel wird getanzt. Der um einen Felsen gebaute Tempel aus dem frühen 16. Jahrhundert ist der taoistischen Göttin A Ma geweiht, der Macau seinen Namen verdankt. Paulus-Kirche und A-Ma-Tempel sind nur die beiden berühmtesten Beispiele unter zahlreichen Kirchen und Tempeln, die manchmal sogar direkt nebeneinander stehen. Unter portugiesischer Führung waren viele Chinesen zum Christentum übergetreten, was die hohe Anzahl christlicher Sakralbauten erklärt. Zudem war man sich in Macau schon früh seines kulturellen Erbes bewusst. Heute stehen etwa 20 Prozent von Macau unter Denkmalschutz, und die historische Altstadt zählt seit vier Jahren zum Unesco-Weltkulturerbe.

Macau profitiert vom Glücksspiel

Während Europäer besonders die einzigartige Mischung von portugiesischer und chinesischer Kultur fasziniert, zieht es Asiaten wegen etwas ganz anderem nach Macau: Sie kommen, um in den Kasinos der Stadt ihr Glück zu suchen. Denn Macau ist der einzige Ort in China, wo das Glücksspiel erlaubt ist. Die Aussicht auf Millionen lockt Millionen vor allem chinesische Spieler in die 33 Kasinos der Stadt. Allein im Jahr 2008 besuchten mehr als 30 Millionen Gäste die chinesische Sonderverwaltungszone, elf Prozent mehr als im Vorjahr. Um den Touristen in Zukunft eine noch schnellere Einreise zu ermöglichen, soll in den nächsten fünf Jahren zwischen Hongkong und Macau die zweitlängste Brücke der Welt entstehen. Mit dem Auto dauert die Fahrt dann nur noch 20 Minuten, während die Fähren etwa doppelt so lange brauchen.

Gespielt wird rund um die Uhr. Die Atmosphäre ist dabei erstaunlich leger. Man sieht Jugendliche in kurzen Hosen und Frauen mit Einkaufstüten, die sich schon mittags um die Spieltische drängen. Doch das für die Kasinos rentabelste Geschäft findet gar nicht in den für jedermann zugänglichen Spielhallen statt. Denn wer es sich leisten kann, zockt auf seiner Suite, statt sich unter das Volk zu mischen. Und da kann es schon mal vorkommen, dass in einer Nacht bis zu 50 Millionen Hongkong-Dollar (umgerechnet etwa fünf Millionen Euro) verspielt werden. Das spült reichlich Geld in die Kassen der Stadt, in der kaum jemand Steuern zahlen muss. Schon heute macht Macau doppelt so viel Umsatz wie Las Vegas.

Kein Wunder also, dass seit der Aufhebung des staatlichen Glücksspielmonopols im Jahr 2002 immer mehr große Hotelketten Resorts mit weitläufigen Shopping-Arkaden eröffnen. Alle Rekorde aber schlägt das 2007 eingeweihte „Venetian Macao Resort Hotel“ mit seinen 3000 Suiten und 12.000 Beschäftigten. Mehr als 750 Spieltische und über 3000 Spielautomaten machen das dazugehörige Kasino zum größten der Welt. Um mangelnde Auslastung braucht man sich hier keine Sorgen zu machen: Schon knapp sechs Monate nach der Eröffnung wurde der zehnmillionste Gast begrüßt.

Geld kann nicht nur im Kasino verloren werden, sondern auch in einem Shoppingcenter, das drei Mal so groß ist wie die größte Einkaufspassage in Hongkong. Gebummelt wird dabei in imposanter Kulisse. Denn nach dem Vorbild des „Venetian“ in Las Vegas wurden Attraktionen Venedigs wie Markusplatz und Campanile komplett nachgebaut – allerdings doppelt so groß wie in den USA. Man schlendert an Kanälen entlang, während „O sole mio“ schmetternde Gondolieri glücklich strahlende Paare durch das Wasser steuern, sich Touristen vor Renaissancefassaden fotografieren lassen und Italiener in Karnevalskostümen Opernarien trällern. Nur Tauben gibt es hier keine – wie auch, wo selbst der Himmel nur gemalt und alles komplett überdacht ist.

Der Bau solch gigantischer Resorts war nur aufgrund ehrgeiziger Landgewinnungsprojekte möglich. 60 Prozent der heute etwa 28,2 Quadratkilometer großen Fläche von Macau sind so entstanden. Dazu gehört auch der Cotai-Strip, der aus den beiden Inseln Taipa und Coloane eine einzige gemacht hat. Wer heute die Hoteltürme auf dem Cotai-Strip sieht, kann sich kaum mehr vorstellen, dass dort noch bis in die 80er-Jahre hinein Austern kultiviert wurden.

Und wie sehen die Einwohner Macaus diese Entwicklung? Laut Harald Brüning, Herausgeber der englischsprachigen Lokalzeitung „Macau Post Daily“, steht man dem Boom mit gemischten Gefühlen gegenüber. Denn trotz aller negativen Begleiterscheinungen entstünden auf diese Weise schließlich unzählige Arbeitsplätze. Das macht zufrieden und selbstbewusst: „Heute ist Macau vielleicht noch das ‚Las Vegas Asiens', doch eines Tages wird Las Vegas das ‚Macau des Westens' sein“, erklärt denn auch strahlend eine Hotelangestellte auf dem Cotai-Strip.

Mutprobe auf dem Macau-Tower

Auf aufgeschüttetem Land steht auch der Macau-Tower im Süden der Halbinsel. Mit 338 Meter Höhe war das markante, wenn auch nicht unbedingt schöne Bauwerk zum Zeitpunkt seiner Eröffnung im Dezember 2001 der zehnthöchste Turm der Welt. Verglaste Aufzüge bringen Besucher in Sekundenschnelle auf 219 Meter Höhe. Dort befindet sich ein Drehrestaurant für bis zu 220 Gäste. Direkt darüber gibt es eine Aussichtslobby mit in den Boden eingelassenen Glasplatten. Die sehen zwar stabil aus – doch wer einen Blick in die Tiefe riskiert, kommt ins Grübeln, ob sich ein Gang über das Glas wirklich lohnt.

Dabei ist das noch die harmloseste Übung. Denn in 233 Meter Höhe wartet ein Nervenkitzel ganz anderer Art. Beim Skywalk X spaziert man, von Seilen gesichert, auf einem geländerlosen Steg einmal um den Turm herum. Wer das geschafft hat, sollte auch kein Problem mehr damit haben, danach aus 233 Meter Höhe bei Sky Jump oder Bungee Jump in die Tiefe zu springen. Es gibt keinen anderen Ort auf der Welt, an man sich aus einer solchen Höhe in dieses Abenteuer stürzen kann.

Wem das noch nicht reicht, der kann sich im „Mast Climb“ üben. Dabei gilt es, die letzten hundert Meter bis zur Spitze des Turms über eine direkt am Mast angebrachte Leiter zu erklimmen. Am Ende wartet eine Plattform, auf der gerade mal eine Person Platz findet. Zur Belohnung gibt es die denkbar exklusivste Aussicht über Macau und das Perlflussdelta. Bei gutem Wetter reicht der Blick bis nach Hongkong – das zwar größer ist, einen solchen Turm aber nicht besitzt.

Die Reise wurde unterstützt vom Fremdenverkehrsamt Macau.