London

Selbstversuch – ein Monat im Flughafen Heathrow

Eigentlich wollte er nur eine Woche bleiben, doch dann verbrachte der Schriftsteller Alain de Botton einen ganzen Monat im Londoner Flughafen Heathrow – und zwar gern. Das Ergebnis des Experiments ist eines der besten Bücher, die je über das Fernweh und die Sehnsucht geschrieben wurden.

Es ist so einfach, Flughäfen zu hassen. Man steht am Check-in-Schalter hinter lärmenden Großfamilien, läuft auf feuchten Socken durch den Metalldetektor, gibt Geld für schlechten Capuccino aus und wartet im flackernden Neonlicht auf die verspätete Abendmaschine. Kein Ort eignet sich besser für übellaunige Zivilisationskritik.

Welcher deutsche Schriftsteller käme auf die Idee, ein Terminal als Ort des Glücks zu betrachten? Botho Strauß würde sich vermutlich weigern, eine Woche in Berlin-Tegel zu verbringen – und falls er es doch täte, käme im besten Fall ein Hassgesang dabei heraus. Man muss schon einen Flug nach London buchen, um einem Denker zu begegnen, der zwischen Duty-free-Shops und Info-Monitoren euphorische Gefühle entwickelt.

In Heathrow möchte sich Alain de Botton, dessen neues Buch „Airport“ von der Zwischenwelt der Flughäfen handelt, lieber nicht treffen. Verständlich, denn der in Zürich geborene Brite hat dort für eine ganze Weile gelebt. Botton, der ein paar philosophische Bestseller über Proust, das Glück und das Reisen geschrieben hat, war „Writer-in-Residence“ im Flughafen – ganz so, wie manche Autoren hierzulande als Stadtschreiber nach Troisdorf oder Bergen-Enkheim ziehen. Aus der einen Woche, die er im Flughafenhotel "Sofitel" und im neuen Terminal 5 verbringen sollte, wurde ein Monat. Das Ergebnis des Experiments ist eines der besten Bücher, die je über das Fernweh und die Sehnsucht geschrieben wurden.

Beide Gefühle gehören zur Grundausstattung jedes anständigen Intellektuellen, denn am Ende sind Bücher immer nur ein Ersatz für die Welt – ganz so, wie die Anzeigetafel auf einem Flughafen auf Städte wie Nizza oder Bangalore nur verweist. In Bottons heller Erdgeschosswohnung im Londoner Norden – weißer Teppich, Glastische – stehen Werkausgaben von Schopenhauer, Cioran und Nietzsche in den Regalen. Hat er die Bücher in Heathrow vermisst? „Es gab da einen Überwachungsraum für das Gepäcksystem, darin stand eine riesige Bibliothek. Ich fragte nach, wofür all die Bücher da sind. Es waren die Bedienungsanleitungen für die Maschinen.“

Das ist genau der Punkt, an dem ein Philosoph normalerweise abschaltet. Im Reich der Infrastruktur fühlt sich der Geist unwohl. Aber Bottons Begeisterung fängt genau hier an – immerhin hat er als Kind schon Flugzeugmagazine und gedruckte Flugpläne gelesen. „Das waren Texte, mit denen man träumen konnte.“ Das gilt auch für sein eigenes Buch, das zu einer Hymne auf die Technik und ihre Mysterien geraten ist, einem auserzählten Gedicht über den komplexen Irrsinn eines Großflughafens.

Vielleicht kann so ein Werk nur in England entstehen, der einstigen Weltmacht, deren stolze Schiffe nicht allein mit Waren, sondern auch mit großen Hoffnungen beladen waren. Wenn Botton in „Airport“ die „delfinähnlichen Leiber“ der vor Terminal 5b aufgereihten British-Airways-Flotte beschreibt, dann schwingt diese alte britische Seefahrerpoesie mit.

Aber das Verrückte an Bottons Selbstversuch ist ja, dass er am Boden klebte – und das an einem Ort, der Luftverbindungen in jeden Winkel der Erde unterhält. Ist es nicht trostlos, als unbewegter Beobachter unter lauter Fernreisenden herumzulaufen – und nie zum Gate zu müssen, wenn ein Flug aufgerufen wird? „Wegfliegen ist kein Privileg mehr“, sagt Botton. „Mit Easyjet kommt jeder jederzeit in 28 Länder. Ich finde es viel toller, Zeit am Flughafen zu verbringen. Das ist das eigentliche Tabu.“

Tatsächlich gehörte Botton in Heathrow fast zum Personal – ähnlich wie Tom Hanks, als der in Steven Spielbergs „Terminal“ am New Yorker Flughafen JFK strandet. Als offizieller Flughafenschreiber bekam er ein richtiges Namensschild und höchste Sicherheitsstufe, was ihm Zugang zu Kontrollzimmern und Katakomben verschaffte.

Er lernte Angestellte an den Schaltern und Schuhputzer kennen, er wusste, ob eine Durchsage von Margaret oder Juliet stammte, und weil ihn das Schild an seiner Brust als Schriftsteller auswies, schütteten ihm Wildfremde ihr Herz aus: Männer auf dem Weg zur Zweitfrau, Prostituierte an der Hotelbar, Niedriglohnkräfte im Catering-Gebäude. Botton lebte im Rhythmus des Flughafens, er wachte mit dem Triebwerklärm auf und flanierte nachts übers verlassene Rollfeld. Bald empfand er – als Kind eines Bankers zwischen England und dem Kontinent aufgewachsen – den Transitraum als spirituelle Heimat. „Es ist mir peinlich, wie sehr ich es dort mochte. Und wie traurig ich war, als es dann vorbei war.“

Glaubt man Botton, geht es den meisten Passagieren so: Am Mobiltelefon beschweren sie sich über die Verspätung, aber insgeheim genießen sie es, für ein, zwei Stunden ein Niemand im Nirgendwo zu sein, aus allen Kontexten herausgelöst. Botton vergleicht das mit den Pilgerfahrten im Mittelalter, wo jeder Aufenthalt und jedes Hindernis die Erfahrung nur vertiefte. „Ich weiß nicht, warum die Flughäfen diese spirituelle Dimension nicht ausspielen. Sie setzen uns in Glaskästen und speisen uns mit CNN ab.“

Überhaupt hat der Flughafen für Botton einen religiösen Überbau. Das hochelegante Terminal 5, von Richard Rogers gebaut, bezeichnet er als Kathedrale. „Außer ein paar Technikern weiß niemand, wie ein Flughafen funktioniert. Wir verstehen es nicht, aber wir glauben trotzdem daran.“

Aber natürlich ist der Mann Philosoph genug, technologische Wunder durch Vergleiche aufzulösen: „Ein bisschen ist ein Flughafen wie ein lebender Organismus. Es gibt die ruhigen, klimatisierten Lounges: Das ist der reine Gedanke. Und es gibt die unsichtbaren Gepäckbänder: Das sind die Gedärme.“ Bei den Speisekarten im "Sofitel" denkt er an japanische Haikus aus der Edo-Zeit, und das Gesicht der CNBC-Moderatorin auf dem Fernsehmonitor erinnert ihn an die Karmeliterinnen.

Aber er ist eben nicht nur der leicht weltfremde Intellektuelle, der staunend durch fachfremdes Terrain läuft und sich der Albernheit seiner Rolle durchaus bewusst ist, wenn er mit erfahrenen Piloten und Airline-Chefs redet. Botton hat wirklich einen Sinn für die Materie, er begeistert sich für den Unterschied zwischen X12- und X13-Schrauben und denkt sich in die hochkomplizierte Tätigkeit des Towers hinein, die durch jede kleine Unregelmäßigkeit gestört wird. „Einmal blieb ein Turkish-Airlines-Flug auf der Startbahn liegen und sorgte den halben Tag lang für Ausfälle“, erzählt er. „Als Passagier hätte ich mich darüber wahnsinnig aufgeregt, aber ich bin in Heathrow sehr nachsichtig geworden.“ Bottons milde Weisheit wirkt ein bisschen so, als hätte er Gott beim Verwalten der Welt über die Schulter schauen dürfen.

Aber muss man als Geistesmensch nicht unbedingt kritisch sein, gerade wenn es ums Fliegen geht, um Kerosin und – sowieso – um die Ausbeutung billiger Arbeitskräfte? Botton hat all diese Fragen von seinen Freunden zu hören bekommen, und manche wunderten sich sogar, dass sein Buch kein investigatives Kapitel über das Gepäckchaos bei der Eröffnung von Terminal 5 enthielt. „Ich wollte das Buch mit einem kindlichen Enthusiasmus schreiben“, sagt Botton. „Enthusiasmus ist immer gefährlich in der modernen Welt.“

Man könnte Botton vorwerfen, dass seine Erfahrungen ziemlich untypisch waren. Schließlich ist Terminal 5 nicht irgendein Terminal, sondern das Terminal schlechthin – traumhafte Architektur, tolles Design, perfekter Service. Herr Botton, es gibt so viele schrammelige Flughäfen auf dieser Welt, so viele hässliche Plastikbänke und verlorene Rollkoffer. Darf man von all dem schweigen?

Der Philosoph lächelt ein leicht spöttisches, britisches Lächeln. „All das gibt es. Aber es gibt ja auch schlechte Bücher. Deshalb sind Bücher noch lange nicht schlecht.“