Arizona

Waffen in Bars erlaubt – Tombstone atmet auf

Der Tourismus ist als Einnahmequelle für Tombstone wichtig. Doch: Selbst nachgespielte Schießereien in Wildwest-Kostümen locken immer weniger Besucher in Arizonas legendäre Westernstadt. Nun aber gibt es Hoffnung, denn in dem US-Staat ist das Tragen von Schusswaffen in Bars wieder erlaubt.

Es ist nicht überliefert, wer Wyatt Earp am 26. Oktober 1881 kurz vor Mittag weckte. Und ihm, dem Deputy Marshall, sagte, dass sein Erzfeind Ike Clanton, bewaffnet mit einem Revolver und einem Gewehr, die Bars in der Allen Street unsicher mache und wüste Drohungen gegen Doc Holliday ausstoße. Sicher ist, dass es verboten war, Waffen in der Stadt zu tragen. Die Brüder Morgan, Virgil und Wyatt Earp verhalfen dem Gesetz zu seinem Recht, als sie Ike Clanton stellten, ihn niederschlugen und den wütend Wimmernden zum Gericht schleppten, wo man ihm seine Waffen sowie 25 Dollar Bußgeld abnahm.

Die Rache musste kommen. Bald darauf lagen drei Männer tot und zwei schwer verwundet im Staub des O.K. Corral. Die Schießerei der Earps und Doc Hollidays mit den Clantons und McLaurys an jenem Mittwoch dauerte keine 30 Sekunden. Das reichte, Tombstone ein ewiges, elendes Leben zu geben als die Stadt, die zu hart ist, um zu sterben: „The town too tough to die“. Das traurige Überlebensmotto steht seit 129 Jahren unter dem Schriftzug des Lokalblatts mit dem doppelt toten Namen „The Tombstone Epitaph“. Tombstone bedeutet Grabstein und Epitaph Grabschrift. Es soll ein Witz sein.

Eigentlich müsste die Zeitung den Mittwoch, 30. September 2009, zum Todestag Tombstones ehrenhalber erheben: Seit jenem Tag dürfen die 138.350 Bürger Arizonas mit einer Erlaubnis, eine verborgene Schusswaffe zu tragen, auch mit der Waffe am Mann in Bars und Restaurants verkehren. Endlich. Wer verstünde nicht die Erleichterung jedes wehrhaften Bürgers im Westen. In Tombstone hätten die Gebrüder Earp mithin heute keinen Vorwand mehr, Ike Clanton über den Kopf zu schlagen und die Schießerei am O.K. Corral zu provozieren. Die Stadt namens Grabstein wäre nach Ende der Boomzeit ihrer Silberminen, als sie auf 10.000 Einwohner anschwoll, vergessen, sie hätte ohne die Legende nie überlebt.

Der Waffenbund National Rifle Association (NRA) hatte lange für ein Ende der Verbannung verdeckter Waffen aus Orten, wo Alkohol ausgeschenkt wird, geworben. Und in 41 Staaten hat er es geschafft. Wenn der Besitzer einer Bar oder eines Restaurants aus irgendeiner Überempfindlichkeit heraus keine Schusswaffen in seinem Etablissement wünscht, muss er nun gut sichtbar ein von Staats wegen vergebenes, einheitlich gestaltetes Schild, „No firearms allowed“ mit einem rot durchgestrichenen Revolver, am Eingang und in den Räumen anbringen.

Handelt ein Bewaffneter in Arizona der Waffenächtung eines Kneipiers zuwider und lässt sich erwischen, drohen ihm 500 Dollar Geldstrafe und bis zu 30 Tage Haft. Trinken dürfen Bewaffnete in den Bars übrigens nur Alkoholfreies.

Die NRA hat fürsorglich erwirkt, dass man straffrei ausgeht, wenn das Verbotsschild nicht lesbar ist, der Bewaffnete nicht aus Arizona stammt oder das Verbot erst einen Monat alt ist. Für Arizonas rund 5800 Bars und Restaurants sind mehr als 1300 Verbotsschilder auf Anfrage verschickt worden; wie viele online heruntergeladen wurden, ist nicht bekannt, die entsprechende Behörde hat anderes zu tun, als mitzuzählen. Die NRA hat freilich nichts anderes zu tun, als das nächste Verbot anzugreifen: nämlich mit offen am Gürtel oder in einem Holster getragener Waffe in eine Bar zu dürfen. Noch immer müssen diese nicht minder gesetzestreuen Bürger draußen bleiben und Durst leiden.

Im „Chrystal Palace“ zu Tombstone, wo Wyatt und Doc gerne ihr Glück bei Spiel und Whisky suchten, hängt ein unübersehbares Schild „All weapons allowed“. Nicht erst seit dem 30. September, aber seit den Zeiten Wyatt Earps hat sich hier eine Menge getan. Waffen gehören hier zum gespielten Lebensgefühl. In dem Ecksaloon, zwei Blocks vom O.K. Corral, treten die Bedienungen in historischen Kleidern auf, eng geschnürt, mit aufwallendem Busen. Die Eichentheke mit einem Wandaufbau mit Spiegeln für Flaschen und Gläser stammt aus den 60er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Etliche der Schusswaffen, die Kunden hier verdeckt tragen dürfen, sind historische Schießeisen eines Cowboys. Ob sie scharfe Munition enthalten, ist Spekulationssache.

„Verdeckt“ ist das Stichwort, das John am Billardtisch benutzt, um die Misere der Stadt zu fassen. Später korrigiert er sich auf kastriert, „no balls“. John beklagt, dass der Erlebnispark Tombstone steril geworden sei und jugendfrei und langweilig. Bei den nachgestellten Schießereien werde keine Munition mehr verwendet, die einen anständigen Feuerstoß und Schwefeldampf ausstoße. Selbst die Sprache der besten „re-enactors“ von Schurken, Revolverhelden und Desperados sei inzwischen so bereinigt, dass ein Cowboy kaum noch „You sorry son of a bitch!“ brüllen dürfe. Himmel, zischt John, man habe im Tombstone des alten Westens gehurt, gesoffen, geflucht und geschossen, da mochte es noch so verboten sein. Wie könne die Stadt nur so verkommen, dass sie werde wie jede andere. „Dann können wir bald auch alle mit Helm Motorrad fahren wie die ,sissies' (Weichlinge) in Kalifornien.“

John hat recht. Ein respektables Tombstone ist geschäftsschädigend. Die Tourismusumsätze, 370 Jobs in der De-facto-Museumsstadt mit 1570 Einwohnern, sind im ersten Halbjahr um 14 Prozent abgesackt. Tombstone ist nicht mehr voll und nicht mehr rund um die Uhr geöffnet, selbst beim „Rendezvous der Gunfighter“ im September nicht. Dann treffen sich die Laienschauspieler der Wild Bunch, Shady Ladies und der Paso Del Norte Pistoleros. Aber die choreografierten Schießereien locken weniger Schaulustige. Und selbst die werbenden Ladenbesitzer aus anderen Teilen Tombstones, die in historischer Ausstattung herumstelzten und Zettel verteilten, wurden von einem Verbot der Stadt in die Verbannung geschickt. Es gibt für die Touristen nur noch ihresgleichen für das Foto. Wer will sich schon alleine in Shorts im Westen sehen?

Ein ehrenwertes, blutarmes Tombstone ohne Sünde, Gefahr, Gesetzlosigkeit ist lachhaft. Hoffnung stiftet der Polizeibericht („Marshal's Log“) für das erste Drittel des Septembers. Dort findet sich neben allerlei „Tier-Problemen“, „Park-Problemen“ und einem Selbstmord am 8. September um „19.52,21“ Uhr der Eintrag: „Shots fired“. Schüsse sind gefallen. Niemand wurde offenbar getroffen.