Spanien

Unterwegs auf den Spuren des Ritters „El Cid"

| Lesedauer: 10 Minuten

Spanien feiert in diesem Jahr die Entstehung des Heldenepos „El Cantar del Mío Cid" vor 800 Jahren. Für Urlauber bietet das einen guten Grund, auf den Spuren des Ritters „El Cid" zu reisen – und ein ihnen oft unbekanntes Spanien zu erkunden.

„Ich soll Ihnen vom Cid erzählen?“ Die Augen des Wirtes Javier Alonso leuchten. Zwar hat er die Geschichte des spanischen Ritters Rodrigo Díaz de Vivar (1043-1099), auch „El Cid“ genannt, bereits Tausende Male erzählt. Doch er freut sich immer wieder, von dem Ritter berichten zu können. Schnell kramt er einige mittelalterliche Landkarten hervor und breitet auf dem Tisch einen Familienstammbaum des Ritters aus, der bis zur heutigen Königsfamilie Spaniens reicht.

Nervös schaut Javier Alonso sich um. Zwischen Gemälden, Schwertern und Ritterrüstungen, die sein Restaurant schmücken, fällt sein Blick auf ein altes Schriftstück, das in einem Rahmen an der Wand hängt. „Das ist eine Kopie der ersten Seite des „El Cantar del Mío Cid„“, sagt er und beginnt aus der berühmten Heldengeschichte zu zitieren.

Nicht alle Heldengeschichten fanden auch so statt

Bei dem Epos handelt es sich um eine Abschrift des Originals aus dem Jahr 1207. Die Ursprünge der Geschichte vermuten Forscher zwar bereits in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts. Dennoch feiern acht spanische Provinzen mit Konzerten, mittelalterlichen Festen, Ritterspielen, Theatervorführungen und Ausstellungen noch bis zum Ende des Jahres ihren „Cid“ und seine Abenteuer, die er zwischen Burgos und Alicante erlebt hat oder zumindest erlebt haben soll. „Denn nicht alle Heldengeschichten im Epos haben sich auch wirklich so abgespielt“, erklärt Alberto Luque vom „Consorcio del Cid“.

Die Vereinigung, in der die Regionen Burgos, Soria, Guadalajara, Saragossa, Teruel, Castellón, Valencia und Alicante versammelt sind, hat zum Jubiläumsjahr eine rund 2000 Kilometer lange Reiseroute erarbeitet. Auf dem „Camino del Cid“ können Besucher auf den Spuren des Ritters wandeln. Und selbst wenn nicht alle Dörfer vom „Cid“ erobert oder betreten wurden, so sind sie dennoch einen Besuch wert.

Das Heldenepos verherrlicht den „Cid“ zu Unrecht immer wieder als Verteidiger der Christenheit und Bezwinger der maurischen Besatzer Spaniens. „El Cid war aber kein Ritter ohne Furcht und Tadel wie König Artus oder Richard Löwenherz, sondern ein lange Zeit im Dienste maurischer Fürsten stehender Söldner, der auch christliche Herrscher beraubte“, sagt Alberto Luque. „Wie es auch immer gewesen sein mag, eines steht fest: Alles fing hier in Vivar del Cid, dem Geburtsort des Ritters, an“, setzt Javier Alonso ein und beginnt zu erzählen.

Der Name „El Cid“ stamme aus dem arabischen „as-sayyid“ und bedeute so viel wie „der Herr“. „El Cid“ ist Alonsos Hobby, seine Leidenschaft und sein Geschäft. Dort, wo heute sein Restaurant „El Molino del Cid“ („Die Mühle des Cid“) steht, beginnt nicht zufällig die Touristenroute. „Die Mühle gehörte einst dem Cid, dem als Kleinadeliger das Dorf gehörte und damit auch alle Mühlen, die Einnahmequelle aller spanischen Adeligen im Mittelalter.“

Gebäck in Form des "Cid"-Schwertes

Nur wenige Meter vom Restaurant-Museum entfernt liegt das Kloster des Klarissen-Ordens, in dem 1596 die einzige Kopie des Heldenepos’ gefunden wurde. Manchmal zeigen die Nonnen Besuchern auch die alte Holztruhe, in der das Exemplar aufbewahrt war. Sie machen es umso lieber, wenn Gäste mit dem Kauf von Selbstgebackenem zum Unterhalt des Klosters beitragen. Das Gebäck hat die Form des „Cid“-Schwertes und von Tränen, die der „Cid“ laut der Legende vergossen hat, als Kastiliens König Alfons VI. ihn 1081 verbannte. Das war die Strafe unter anderem für Eroberungszüge in muslimisch besetzten, aber dem König freundlich gestimmten Gebieten. Außerdem hatte der „Cid“ zuvor Alfons’ Bruder und Rivalen Sancho im Kampf um die Krone unterstützt.

Seine erste Nacht auf dem Weg ins Exil verbrachte der „Cid“ in Burgos, einer Stadt, die fest mit der Geschichte des Ritters verbunden ist. Er und seine Gemahlin Jimena liegen heute in der Kathedrale von Burgos begraben. „Doch eigentlich gehören die Gebeine in unser Kloster“, sagt Pater Jesús aus dem nur wenige Kilometer entfernten Kloster San Pedro de Cardeña. Dort, wo der „Cid“ auf dem Weg ins Exil auch seine Töchter vor Alfons VI. in Sicherheit brachte, war der Leichnam Jahrhunderte lang beigesetzt. Der betagte Mönch zeigt Besuchern die dafür verwendeten Steinsärge. Seine Geschichten über das Gezerre um den Leichnam des heutigen Nationalhelden sind beinahe so interessant wie die Abenteuer des Ritters selber.

Bevor der „Cid“ sich als eine Art Raubritter weiter in Richtung Saragossa begab, machte er auf seiner Reise auch in Santo Domingo de Silos Rast. Hier befindet sich eines der schönsten und wichtigsten Klöster Spaniens. Fünf Mal täglich finden sich die Mönche in der Klosterkirche zu ihren Gesängen zusammen, die durch die Aufnahmen der Deutschen Grammophon weltweit bekannt geworden sind.

Der Weg in die Verbannung führte den „Cid“ außerdem zu Festungen wie denen in Burgo de Osma oder Gormaz, wo er Unterschlupf fand oder zumindest gefunden haben soll. Heutige Besucher sollten sich diese mittelalterlichen Wehranlagen und Dörfer auf keinen Fall entgehen lassen. Die Kalifen-Festung in Gormaz etwa war einst Schauplatz vieler Schlachten zwischen Christen und Mauren. Trotz ihrer enormen Dimensionen und den weiten Ausblicken auf die kastilische Landschaft sind die Burgen nicht von Touristen überrannt. Oftmals begleiten nur ein paar Schwalben, die in den Burganlagen nisten, die Besucher.

Über dem Kircheneingang hängt ein ausgestopftes Krokodil

In Berlanga de Duero kann man sogar sicher sein, alleine die Burg besuchen zu können, in der auch der „Cid“ einige Nächte weilte: Der Burgschlüssel muss im Rathaus abgeholt werden – Gäste können sich also wie der Burgherr selbst fühlen. Bevor es anschließend weiter geht zu den mittelalterlichen Dörfern Medinaceli und Sigüenza, sollten Reisende aber auch einen Blick in Berlangas Kirche werfen. Dort hängt über dem Eingang ein ausgestopftes Krokodil. Der Mönch Tomas von Berlanga, der im 16. Jahrhundert Bischof von Panama war und die Galápagosinseln entdeckte, hat es einst aus der Neuen Welt in sein Heimatdorf gebracht.

Ab Atienza und seiner imposanten Festung, die der „Cid“ wegen der Stärke seiner Gegner wohlweislich umging, führt die Reiseroute in die ehemals muslimischen Gebiete. In Molina de Aragón, einem Schmelzkegel der christlichen, muslimischen und jüdischen Kultur, verbrachte der „Cid“ einige Tage in der heute noch stehenden Burg des Kalifen Abengalbón. Hier lohnt sich ein Besuch im Naturpark Alto Tajo sowie im zwischen Felsklippen versteckten Kloster der Jungfrau de la Hoz.

Langsam geht die hügelige Landschaft Kastiliens in die raue Bergwelt Aragóns und die Bergausläufer Teruels über – Regionen in Spanien, die nur selten von ausländischen Touristen besucht werden. Halb verlassene Steindörfer, in denen es nach Feuerholz riecht, säumen die wilde Gebirgslandschaft mit dichten Pinienwäldern. Von hier aus begannen der „Cid“ und seine Mannen mit der Eroberung Valencias und der Levante-Küste. Versteckte Bergdörfer wie Albarracín, Rubielos de Mora oder Mirambel bezaubern auf der Route mit ihrer Lage und ihren mittelalterlichen Gassen. Albarracín gilt dabei als eines der schönsten Dörfer der iberischen Halbinsel.

Nach schweren Niederlagen der Kastilier gegen die maurischen Fürsten kam es ab 1086 zur Annäherung zwischen dem „Cid“ und König Alfons VI. Nach und nach übernahm der Ritter die Schutzherrschaft über das formal mit Kastilien verbündete maurische Fürstentum Valencia. Von 1089 an machte der „Cid“ Valencia und die nördliche Region des heutigen Castellón dann zum Bollwerk gegen die erneut vom Süden vordringenden maurisch-almoravidischen Heere. Nachdem die Mauren 1092 Valencia kurzzeitig besetzen konnte, nahm der „Cid“ die Stadt 1094 wieder ein und drängte die Almoraviden gen Süden. Dann herrschte er bis zu seinem Tod am 10. Juli 1099 als oberster Richter.

Wer sich abseits der Touristenhochburgen Valencia und Alicante auf die Spuren des „Cid“ begibt, wird mit dem Besuch von Burgen wie Sax und Villena belohnt, die schon vor dem Jahr 1100 verwunschen zwischen Apfelsinen- und Weinplantagen empor ragten. Oder er entdeckt nach der Fahrt durch schöne Schluchten mittelalterliche Dörfer wie Bocairent.

Ob auch der „Cid“ auf dem Weg nach Alicante durch die Altstadt und über die verträumten Steinbrücken Bocairents gezogen ist, weiß man nicht. Sicher ist hingegen, dass er auf dem Eroberungszug in den maurischen Süden das Weihnachtsfest 1088 im Palmenpark von Elche verbracht hat. In der Stadt, die erst 1265 von den Mauren zurückerobert wurde, befindet sich mit bis zu 300 000 Bäumen heute noch die größte Ansammlung von Palmen in ganz Europa. Der Palmenhain wurde im Jahr 2000 sogar zum Unesco-Welterbe ernannt. Zu Zeiten des „Cid“ sollen in Elche sogar bis zu zwei Millionen gestanden haben.

( dpa/heg )