Südtirol

Eppan wird zum Wallfahrtsort für Fußballfans

Eppan in Südtirol ist zu einer Art Wallfahrtsstätte geworden. Denn hier bereitet sich die deutsche Nationalmannschaft auf Südafrika vor.

Foto: REUTERS / Reuters

Wie ein Adlerhorst thront Hocheppan auf einem senkrechten Felssporn über dem grünen Etschtal. Die mauerumgürtete Burg wurde im frühen 12. Jahrhundert von Graf Ulrich II. von Eppan erbaut. Der Adelige und seine Nachkommen nutzten die günstige Lage für ihre Eroberungs- und Beutezüge. Bald gehörten die Grafen von Eppan zu den mächtigsten Tiroler Adelsgeschlechtern, indem sie von hier oben die Verbindungswege zwischen Trient und dem Brennerpass kontrollierten. Doch dann kam es, wie es kommen musste. Von ihren Erfolgen beflügelt, wurden die Eppaner Grafen übermütig. Ihre Taten wurden immer kecker. 1158 raubten sie eine vorbeiziehende päpstliche Gesandtschaft aus. Als sie dann auch noch zwei hohe kirchliche Würdenträger gefangen nahmen, war das Maß voll. Es folgte eine Strafexpedition unter Heinrich dem Löwen, dabei wurde Hocheppan bis auf die Grundmauern zerstört. Wenig später erlosch das Geschlecht der streitbaren Ritter.

Wenn man heute vor der Ruine von Hocheppan steht und den Blick schweifen lässt, erkennt man auf den umliegenden Hügeln zahlreiche Burgen und wehrhafte Adelsitze – insgesamt 120 sollen es in Eppan sein, so viele wie sonst in keiner anderen Alpengemeinde. Wie Menetekel der Vergänglichkeit, als steinerne Zeugen eines längst verblassten Ruhmes, zieren sie die Landschaft in den unterschiedlichsten Stadien des Zerfalls. Man könnte geradezu melancholisch werden bei ihrem Anblick, wenn man sich an die eigenen vergangenen Großtaten erinnert und sich nun trotz dieses schweren Rückschlages (der so böse gefoulte Kapitän Ballack) darauf vorbereitet, nach dem vierten Weltmeistertitel im Fußball zu greifen. Aber Fußballer neigen vermutlich nicht zum Pessimismus.

Joachim Löw und seine Männer werden sich überhaupt alle negativen Gedanken verboten haben, als sie zum letzten Trainingslager vor der WM in Eppan eintrafen. In der Gemeinde südlich von Bozen hält sich die Auswahl des Deutschen Fußballbundes zwölf Tage lang auf. Sie logiert im Ortsteil Girlan im Fünf-Sterne-Hotel Weinegg. Und dort wird Trainer Löw auch am 1. Juni die definitive Mannschaft bekannt geben, die mit ihm nach Südafrika fliegt.

Doch Eppan empfiehlt sich nicht nur wegen der vielen Trutzburgen und dem damit verbundenen strategischen Überblick. Die Herberge und die nahe Sportzone Rungg, wo man sich den letzten Feinschliff für den WM-Auftritt holen wird, liegen inmitten von Weinbergen nahe am Kalterer See: einem sonnenverwöhnten, südländisch anmutenden Flecken Erde, wo einige der besten italienischen Weine heranreifen. Man muss allerdings annehmen, dass die lokale Geschichte, Sonne und Wein nicht die wichtigsten Themenfelder beim hiesigen Aufenthalt der deutschen Fußballer sein werden. Das ist zwar schade, sie verpassen wirklich etwas – andererseits aber auch verständlich, wer Weltmeister werden will, muss bestimmte Opfer bringen.

Er sei überzeugt, in Eppan ideale Bedingungen für die WM-Vorbereitung zu finden, betonte Teammanager Oliver Bierhoff bei der offiziellen Vorstellung des Trainingslagers. „Wir sind sicher, dass die deutsche Nationalmannschaft in Südtirol die nötige Ruhe, ein ideales Klima, geeignete Einrichtungen und eine optimale Umgebung für ihre Vorbereitung auf die WM vorfinden wird“, sagte auch Südtirols Landeshauptmann Luis Durnwalder und hob den hohen Imageeffekt für die Gastgeberregion hervor. „Deswegen werden wir alles tun, damit sich die Spieler und Betreuer wohlfühlen.“

Die Sportzone mit den drei Fußballfeldern hat sich in diesen Tagen in eine profane Wallfahrtsstätte kurz vor dem Ansturm der Pilgermassen verwandelt. Zwischen Apfelbäumen, wo sonst Bauern mit ihren schlammverkrusteten Traktoren herumkurven, hängen Transparente. Würstchenbuden wurden eilig aufgebaut und neue Parkplätze für die Besucher angelegt. Dass man hier trotz strenger Abschirmung mit einem Massenauflauf rechnet, sieht man an den mobilen Gittern vor den Trainingsplätzen und Zuschauertribünen. Nebenan auf dem Platz, wo normalerweise die Dorfjugend kickt, stehen zwei riesige Zelte: eines ist für über 200 akkreditierten Journalisten, darunter soll sich auch ein koreanisches Fernsehteam befinden. „Das andere ist für die Spieler reserviert, wo sie nach dem Training ihre Sprüche klopfen können“, erklärt ein Arbeiter im Blaumann, während er am Zaun vor den Zelten ein schwarzes Nylonnetz als Sichtschutz aufhängt. Noch sei nicht geklärt, ob es ein Training vor angemeldeten Zuschauern geben werde. „Aber dort hinten auf der Böschung am Waldrand werden sich sicher Hunderte Zaungäste einfinden, darunter viele, die eigens herkommen, um einmal in ihrem Leben Klose und Lahm aus nächster Nähe zu sehen.“

Einige sind schon hier. Etwa diese Kleinfamilie aus Oberbayern: Vater, Mutter und der zwölf- oder 13-jährige Sohn, die mit Mountainbikes den steilen Waldweg von Girlan heraufgekurbelt sind. Nun stehen sie in ihren bunten Radlerklamotten und mit verschwitzten Gesichtern vor den Absperrgittern und versuchen einen Blick auf den grünen Rasen zu erhaschen, auf dem bald die deutsche Nationalelf mit ihren Übungen beginnen wird. Auf einem Blatt in Plastikfolie steht geschrieben, dass die Sportanlage Rungg vom 20. Mai bis zum 3. Juni gesperrt bleiben wird. „Wegen dem Trainingslager der deutschen Fußballnationalmannschaft“, liest der braun gebrannte Mann mit andächtiger Stimme vor. Die Mutter ergreift unterdessen die Gelegenheit, um Vater und Sohn vor einem riesigen Bild mit Joachim Löw und seiner Mannschaft zu fotografieren.

Das von Zypressen und Palmen gesäumte "Hotel Weinegg" bleibt während dem Trainingslager selbstredend für andere Besucher gesperrt. Doch die allermeisten, deren Buchungen storniert werden mussten, erzählt Hausherr Bruno Moser, hätten mit Stolz auf die Nachricht reagiert, dass statt ihnen nun die Nationalelf am Pool mit dem „einzigartigen Karibiksandstrand“ relaxen und ins „Weinegg – Wohlgefühl“ eintauchen werde. Sonst aber bewahrt Moser strengstes Stillschweigen.

Auch Barkeeper Bruno schweigt eisern auf die Frage, was er denn machen würde, wenn die Spieler so nahe an der Quelle zu den besten Vernatsch- und Lagreinweinen auf dumme Gedanken kämen. Er deutet lediglich an, dass er den Deutschen in Südafrika auch ohne Ballack gute Chancen einräume. Denn schließlich hätten die schon einmal vor einer WM in Eppan ihr Trainingslager aufgeschlagen. Das war 1990 vor der Meisterschaft in Italien – als die Jungs unter Franz Beckenbauer den Titel holten.