Asien

Birma – ein Land, so ganz anders als alle anderen

Birma ist als Reiseziel umstritten – weil die Militärjunta vor zwei Jahren einen Aufstand friedlicher Mönche niederschlug und weil der Süden vor einem Jahr von einem Zyklon verwüstet wurde. Momentaufnahmen aus einem Land, das es dennoch verdient, bereist zu werden.

Birma war jahrelang ein Geheimtipp. Nirgendwo sonst seien die Menschen noch so freundlich, die Reiserouten so untouristisch, das Leben noch so ursprünglich, priesen Asienfans die Vorzüge des Landes, das sich selbst Myanmar nennt. Birma ist tatsächlich anders. Nicht nur wegen seiner prachtvollen Pagoden und Tempel, seiner Bodenschätze und seiner Vielfalt an Landschaften und Menschen – offiziell gibt es 135 Volksgruppen.

Anders ist vor allem das Leben der Menschen dort, die seit 1962 vom Rest der Welt durch eine Militärjunta abgeschottet werden, was als traurigen Nebeneffekt besagte Ursprünglichkeit zur Folge hat. Oppositionsführerin Aung San Su Kyi, die seit 19 Jahren entweder in Haft sitzt oder unter Hausarrest steht, ruft deshalb dazu auf, das Land zu meiden. Nur die Isolation werde auf Dauer die Junta in die Knie zwingen, sagt „die Lady“, wie die Birmanen sie liebevoll nennen.

Doch diese Meinung ist im Land umstritten. Viele Menschen leben inzwischen vom Tourismus – in manchen Regionen wie Bagan bis zu 80 Prozent. Wenn die Einnahmen durch Touristen ausbleiben, leiden die Birmanen noch mehr, zumal die Regierung immer wieder willkürlich die Preise erhöht, was im September 2007 zu Mönchsprotesten führte, die die Regierung blutig niederschlagen ließ.

Seitdem ist Birma als Reiseziel noch umstrittener. Und dass vor einem Jahr ein Zyklon über dem Süden des Landes wütete und mehr als 140.000 Menschen tötete, wirkte sich ebenfalls negativ auf die Reisebilanz aus, auch wenn in Rangun kaum noch Spuren der Zerstörung zu finden sind: Stiegen die Zahlen zuvor jedes Jahr kontinuierlich an, 2007 kamen 280.000 Touristen, waren es 2008 bereits 30.000 weniger.

Darunter leidet nicht die Regierung, es sind die einfachen Menschen wie Thein Nyo. Der Schmuckverkäufer am Bogyoke-Aung-San-Markt in Rangun verkauft oft tagelang keine einzige seiner Jadeketten. „Seit vielen Monaten geht das schon so. Wenn sich nicht bald etwas ändert, muss ich mir etwas anderes suchen.“ Und nicht nur das Geld fehlt ihm, sagt er, auch der Austausch mit Ausländern, mit anderen Kulturen.

Wer also nach Birma reist, wird Menschen begegnen, die für jeden Kontakt zu Besuchern dankbar sind, und er wird Sehenswürdigkeiten entdecken, die längst Weltkulturerbestatus verdient hätten. Momentaufnahmen aus einem Land, das es verdient, bereist zu werden.

Rangun

Ein kleiner Prinz schaut ernst in klickende Kameras. Heute ist sein großer Tag. Er steht vor der Swedagon-Pagode, und die Perlen seines Longji, dem traditionellen Wickelrock, glitzern weiß im Licht der ersten Sonnenstrahlen. Kurz nach Sonnenaufgang herrscht auf der großen Plattform rund um Birmas wichtigste Pilgerstätte geschäftiges Treiben. Betende sitzen vor Buddhafiguren, Frauen und Männer fegen den Steinboden, weil das als gute Tat gilt, andere sitzen im Schatten einer der vielen Stupas und frühstücken. Wer früh am Tag die Swedagon-Pagode aufsucht, unter der der Legende nach drei Haar-Reliquien Buddhas vergraben liegen, kann erleben, wie sehr der Buddhismus für die Mehrheit der Birmanen ein Teil ihres Lebens ist.


Der kleine Prinz steht neben sechs anderen Kindern. Es sind keine echten Prinzen, sondern junge Novizen. Zwischen dem sechsten und zwölften Lebensjahr sollten buddhistische Jungen für mindestens eine Woche in einem Kloster leben. Dieser Höhepunkt im Leben eines jeden Buddhisten wird mit der Shin-Pyu-Zeremonie begonnen, dem prunkvollen Einzug ins Kloster. Mit ihren festlichen Kleidern zeigen die Jungen, dass sie die Nachfolge Buddhas antreten, der einst ein wohlhabender Prinz war.

Die Swedagon-Pagode ist das wichtigste Heiligtum des Landes, sie überragt mit ihrer goldenen Kuppel das südlich gelegene Zentrum der Stadt. Hier spiegelt sich die Vielfalt Birmas. Fischstände konkurrieren mit Obst- und Gemüsebergen. Der Duft indischer Garküchen vermengt sich mit dem von chinesischen Nudelsuppen, die neben Ständen mit birmanischen Snacks wie süßem Klebreis in Bananenblättern zu finden sind. Und nach jeder Mahlzeit sind Männer und Frauen, junge und alte zu beobachten, die ein in ein Blatt eingewickeltes Päckchen in die Backe schieben und es langsam zerkauen. Zerkleinerte Bethelnuss ist darin, die beliebte Volksdroge. Von Zeit zu Zeit spucken sie eine rote Flüssigkeit aus, die auf den Straßen wie Blutflecken wirken.

Mandalay

Der Flughafen von Mandalay ist groß und leer. Angestellte lehnen an geschlossenen Check-in-Schaltern, nur zwei lokale Airlines fliegen den einst als international geplanten und im Jahr 2000 fertiggestellten Flughafen an. Eine halbe Stunde dauert die Busfahrt vom Flughafen in die Stadt, er führt über eine Straße, die als eine der besten des Landes gilt – und dennoch alle ordentlich durchschüttelt.

In der 36sten Straße erschallt alle paar Meter aus den Häusern ein rhythmisches Klopfen. Hier gibt es die meisten Blattgold-Werkstätten. Mit einem groben Holzhammer hauen Männer auf ein Bündel ein, das so groß wie ein Portemonnaie ist. Sie sind „Goldschläger“, ein Traditionsberuf, der nur noch in Mandalay ausgeübt wird. Mehr als sechs Stunden werden sie ihre Lederbündel bearbeiten, in dem eng gepackt 24-karätiges Gold zwischen Lagen aus Bambuspapier liegt. So werden aus den Goldnuggets am Ende hauchdünne Goldblättchen, die die Gläubigen als Opfergaben an Buddhastatuen heften.

Eine Stadt in der Stadt ist der wieder aufgebaute Königspalast, der im Zweiten Weltkrieg bis auf die Grundmauern ausgebrannt war. Vier Quadratkilometer ist das Areal groß, auf dem einst die 130 auf hölzernen Palisaden errichteten Gebäude des Palastes standen, die Amitav Gosh in seinem berühmten Roman „Der Glaspalast“ so anschaulich beschreibt: „Zuerst kommen die Häuser der Beamten und Edelleute. Und dann stehst du vor einer Palisade aus riesigen Teakholzpfählen. Dahinter verborgen liegen die Wohnräume der königlichen Familie und ihrer Dienerschaft – Hunderte und Aberhunderte Zimmer, mit goldenen Säulen und blank glänzenden Böden. Und genau in der Mitte befindet sich ein riesiger Saal, wie ein großer funkelnder Lichtstrahl.“

Von diesem Glanz ist wenig geblieben. Heute wird ein Großteil des Geländes von der Armee benutzt. Nur ein Teil des Palastes ist wiederaufgebaut. Und doch lässt dieser erahnen, wie prachtvoll die Residenz einst gewesen sein muss.

U-Bein-Brücke

„Wo kommst du her?“ Junge Mönche wie Indaha, die am späten Nachmittag die U-Bein-Brücke überqueren, freuen sich über Kontakt zu Ausländern. Endlich könne er mal sein Englisch ausprobieren, sagt der 25-Jährige. Mönche und Liebespaare, Touristen und Einheimische schlendern die mit 1,2 Kilometern längste Teakholzbrücke der Welt im Süden Mandalays entlang, manche pausieren auf Holzbänken, andere beobachten die Fischer beim Einholen ihrer Netze.

Und wer des Englischen mächtig ist, wie Indaha, sucht das Gespräch. Die Sprache habe er in einem Kurs an seinem Kloster in Mandalay gelernt, erzählt er und auch, wie er am Computer ins Internet gehen könne. Die Klöster des Landes sind eine der wichtigsten Lehrstätten nicht nur für junge Novizen, sondern auch für Kinder armer Familien, die sich das Schulgeld nicht leisten können. Das Internet, sagt Indaha, sei allerdings leider oft furchtbar langsam: „Weil die Regierung es kontrolliert.“

Bagan

Kyiu Linn weiß viel über seine Heimat. Doch vor allem weiß er, dass er niemals von hier fort will. „Wer nicht in Bagan war, wird nie ein wahrer Birmane“, zitiert er eine alte Weisheit. Also könne er sich doch glücklich schätzen, hier zu leben. Kyiu Linn, 34, fährt mit seinem Einspanner Touristen durch seine Heimat. Und die ist tatsächlich einzigartig: Auf 40 Quadratkilometern erstreckt sich in einer ebenen, savannenartigen Landschaft ein riesiges Tempelareal. Neben Angkor Wat in Kambodscha und Borobudur in Indonesien gehört Bagan zu den beeindruckendsten architektonischen Leistungen Südostasiens. Zwischen dem 10. und 13. Jahrhundert wurden hier weit mehr als die noch heute existierenden 2230 Tempel und Pagoden errichtet. Gestiftet von Königen, aber auch von reichen Kaufleuten und Beamten, die damit nicht nur ihren tiefen Glauben demonstrieren wollten, sondern sich dadurch eine bessere Ausgangsposition für die Wiedergeburt versprachen.

Bis heute hat sich daran nicht viel geändert. Noch immer spenden Birmanen für Renovierungen heruntergekommener Pagoden – und Generäle lassen gar Tempelspitzen vergolden. Eine Wiedergutmachung für menschliche Grausamkeiten, etwa bei der Zwangsumsiedlung der Einheimischen aus Alt-Bagan 1990? Kyiu Linn mag dazu lieber nichts sagen. Er lächelt nur. In einer Nacht- und Nebelaktion hatte die Armee damals die Menschen aus ihren Häusern vertrieben, um fortan nur noch Touristen in teuren Hotels dort unterzubringen.

Wer nach Bagan reist, sollte auf einige der höchsten Monumente hinaufklettern, um bei Sonnenauf- oder -untergang das unvergessliche Panorama der Tempellandschaft zu genießen. Erst dort wird ihr wahres Ausmaß wirklich sichtbar, aber auch erst dort wird klar, dass dieses Land noch immer in einer furchtbaren Tradition steht: Den Regierenden war das Leben der Bevölkerung noch nie viel wert. All diese Monumente wurden einst von Zwangsarbeitern gebaut.

Anreise: Via Bangkok nach Rangun, etwa mit Thai Airways oder via Singapur mit Singapore Airlines. Von den birmanischen Gesellschaften gelten Air Bagan und Yangon Airways als sicher, abgeraten wird von Flügen mit Myanma Airways und Air Mandalay. Ein Visum ist erforderlich.

Veranstalter : Der Studienreisespezialist Studiosus hat 2009 vier Gruppen-Rundreisen nach Birma im Angebot (Beispiel: 15 Tage ab 2790 Euro, 21 Tage ab 3485 Euro). Weitere Birma-Veranstalter: Marco Polo, Gebeco, TUI, Dertour, FTI.

Auskunft : Indochina Services, Telefon 08151/77 02 22, www.indochina-services.com