High Speed

Wenn die Eisenbahn das Flugzeug überholt

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Eberhard von Elterlein

Foto: picture-alliance / gms / PA

Bahnfahren wird europaweit attraktiv: Schon 2020 wird die Bahn auf knapp der Hälfte der wichtigsten Hochgeschwindigkeitsstrecken in Europa schneller sein als das Flugzeug. Im Visier hat man bei Europas Bahnen dabei vor allem Strecken mit besonders hohem Passagieraufkommen.

Zum 1. April meldete Easyjet eine kleine Sensation. „In 45 Minuten von Berlin nach Hamburg“, versprach der Billigflieger. Sie sei auf der neuen Strecke 90 Minuten schneller als die unter Bauarbeiten leidende Bahn. Die braucht derzeit 135 Minuten (vorher 90). Einfache Flüge gebe es ab 18,99 Euro inklusive Nebenkosten, warb Easyjet. Eine einfache ICE-Fahrt ohne Bahncard kostet 68 Euro, Sparangebote beginnen bei 29 Euro.

Ein klarer Preis- und Zeitvorteil für den Billigflieger, aber nur in der Theorie, denn die Ankündigung war ein Aprilscherz – zwischen Hamburg und Berlin ist die Bahn konkurrenzlos schnell, sodass eine Flugverbindung hier keine Chance hat. Und das gilt in Europa mittlerweile auf immer mehr Strecken: Die Bahn ist auf Strecken von zwei bis drei Stunden schon jetzt die attraktivere Alternative zum Flugzeug, und mit der Liberalisierung des Personenzugverkehrs 2010 wird sich dieser Trend ausweiten, denn dann kann jeder Zugbetreiber eines EU-Mitgliedslands EU-weit Bahnverbindungen anbieten. Für die Verbraucher bedeutet das im Idealfall niedrigere Preise, besseren Service und ein größeres, vor allem attraktiveres Streckennetz.

Bereits vor zwei Jahren haben sich sieben europäische Bahnen zum Railteam ( www.railteam.de ) zusammengeschlossen: Deutsche Bahn, SNCF (Frankreich), SNCB (Belgien), NS Hispeed (Niederlande), ÖBB (Österreich), SBB (Schweiz) und Eurostar (Großbritannien/Frankreich/Belgien). Diese Bahnallianz hat ein europäisches Hochgeschwindigkeitsstreckennetz aufgebaut, das mittlerweile 100 Städte verbindet. Es reicht von Hamburg bis Marseille und von London bis Wien. Schon heute verbinden mehr als 5000 Kilometer Hochgeschwindigkeitsstrecken viele wichtige europäische Städte. Dieses Netz soll bis 2010 auf 6000 Kilometer erweitert und bis 2020 sogar verdreifacht werden. Nach dem Vorbild der Fluglinienallianzen werden im Railteam zudem Servicestandards und Bonusprogramme angeglichen, und es stehen Bahnhof-Lounges für die Vielfahrer der Partner offen.

Wie attraktiv das Bahnfahren europaweit wird, belegt eine aktuelle Studie der Beratungsgesellschaft Boston Group Consulting: Danach dürften Reisende bis 2020 auf knapp der Hälfte der wichtigsten Strecken in Europa ihr Ziel schneller mit dem Zug erreichen als per Flugzeug. „Bei Reisen zwischen Geschäftszentren, die durch Hochgeschwindigkeitszüge in weniger als drei bis vier Stunden verknüpft werden, ist der Zug künftig überlegen“, sagt Martin Köhler, Tourismus- und Reiseexperte der Boston Consulting Group.

Im Visier hat man bei Europas Bahnen dabei vor allem Strecken mit besonders hohem Passagieraufkommen – die versprechen hohe Profite und sind deshalb auch bei den Fluggesellschaften begehrte Rennstrecken.

In der Tat. Nehmen wir die Strecke Paris–Brüssel. Air France fliegt sie fünfmal täglich und benötigt dafür mindestens 75 Minuten. Unter www.airfrance.com fand sich das beste Angebot bei 485 Euro (hin und zurück). Brussels Airlines (www.brusselsairlines.com) fliegt einmal am Tag in 60 Minuten ab 330 Euro (hin und zurück). Hier ist die Bahn bereits jetzt eine interessante Alternative: Denn der Thalys fährt bis zu 24-mal täglich in 82 Minuten zwischen Paris Nord und Bruxelles Midi, also von Zentrum zu Zentrum, Karten kosten unter www.thalys.com ab 25 Euro (einfach).

Eine weitere äußerst beliebte Strecke im Railteam-Netz ist London–Paris. Der Eurostar (www.eurostar.com) bietet bis zu 17 Fahrten zwischen den Innenstädten beider Metropolen, sie dauern jeweils 135 Minuten. Der Preis für die einfache Fahrt beginnt bei 75 Euro. Air France und British Airways fliegen jeweils bis zu neunmal täglich zwischen London-Heathrow und Paris Charles de Gaulle. Die 70-minütigen Flüge von Air France starten bei 61 Euro (einfach). British Airways nimmt für die 75 Minuten zwischen London und Paris ab umgerechnet 74 Euro pro Strecke. Rechnet man die jeweils etwa dreiviertelstündige Fahrt mit dem Taxi (je 45 bis 50 Euro) zwischen Flughafen und Innenstadt hinzu, liegt die Bahn sowohl zeitlich als auch preislich vorn.

Aber auch außerhalb des Railteams tut sich etwas. So benötigt der spanische AVE zwischen Madrid und Barcelona nur noch gut zweieinhalb Stunden. Zwischen den beiden Städten verkehren täglich 17 AVE-Züge. Der Preis für die einfache Fahrt beginnt bei 40 Euro. Iberia fliegt bis zu 14-mal täglich die 70 Minuten von Madrid-Barajas zum Aeroport de Barcelona. Der einfache Flug startet bei 35 Euro. Rechnet man die jeweils etwa 30-minütigen Taxifahrten (je circa 20 Euro) zum Bahnhof beziehungsweise in die Innenstadt dazu, liegen hier Flug und Bahn bereits jetzt zeitlich gleichauf.

Doch das ist erst der Anfang: „2010 wird Spanien weltweit das längste Hochgeschwindigkeitsnetz haben“, kündigte Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero an. Momentan hat das Land ein Netz von 1500 Kilometern. 2010 sollen es 2230 Kilometer sein, der derzeitige Spitzenreiter Japan (2090 Kilometer) wäre dann überholt.

Auch das Railteam hat große Pläne: Alle 26 Thalys-Züge erhalten derzeit ein neues Zugleit- und Sicherungssystem. Das ermöglicht dann das Fahren auf den für Ende 2009 geplanten Hochgeschwindigkeitstrassen in den Niederlanden und Belgien. Dann verkürzt sich unter anderem die Fahrzeit von Köln nach Brüssel auf rund eine Stunde und 45 Minuten. Den Flugverkehr wird diese Änderung allerdings nicht betreffen: Denn der ist auf dieser Strecke längst eingestellt.