Ortsbegehung

Nach den Anschlägen – in Bombay ist man trotzig

Bombay war ab 26. November vorigen Jahres Schauplatz einer beispiellos brutalen, mehrtägigen Terrorattacke, bei der 165 Menschen starben. Unser Autor Marko Martin hat sich heute, rund 100 Tage nach den Anschlägen, in der indischen Metropole und ihren Luxushotels umgesehen – und war überrascht.

Foto: dpa

Die Verwunderung, ja Überraschung angesichts der gestellten Frage ist nicht gekünstelt, und entsprechend deutlich und einmütig fällt die Antwort aus: „Aber ja doch, gewiss! Was dachten Sie denn?“


Gleich zweimal hatte der Bombay-Besucher seine Fangfrage gestellt – zuerst im „Trident Nariman Point“, das zur Kette der Oberoi-Hotels zählt, dann am Pool des legendären „Taj Mahal“-Hotels gegenüber dem nicht minder berühmten Gateway of India. „Nach den Terrorattacken Ende November 2008: Beschäftigen Sie noch weiterhin muslimische Angestellte in Ihren Luxusherbergen?“ Doch weder Birgit Zorniger, die resolute Schwäbin und Vizechefmanagerin des „Taj“, noch die in ihrem grünen Sari behände heranwandelnde Kanan Udeshi von den Oberoi-Hotels hatten auch nur eine Sekunde gezögert, um womöglich den Bedarf an politischer Korrektheit taktisch gegen den Wunsch nach Sicherheit abzuwägen. „Aber ja doch!“, hieß es unisono und spontan.

Bombay war ab 26. November vorigen Jahres Schauplatz einer beispiellos brutalen, mehrtägigen Terrorattacke. Pakistanische Islamisten hatten mehrere Luxushotels, ein jüdisches Zentrum, den Hauptbahnhof, ein Kino und ein Café in der Zwölf-Millionen-Metropole überfallen. Sie machten gezielt Jagd auf Ausländer und ermordeten 165 Menschen, Inder und Touristen.


Wer heute, rund 100 Tage danach, nach Bombay kommt, um den Auswirkungen von „26/11“ nachzuspüren, ist angenehm überrascht – die vorherrschende Geisteshaltung ist tolerant, eine Art demokratisch-multiethnischer Trotz à la New York und London, nach dem Motto: Jetzt erst recht!

„Als wir jenen Teil des Hotels bereits am 21. Dezember wiedereröffneten, der durch die Anschläge am wenigsten in Mitleidenschaft gezogen worden war, geschah das nicht mit einer Party, sondern mit einer religiösen Feier der Toleranz. Alle waren sie da, Muslime und Hindus, Sikhs, Buddhisten und Juden, Christen und die Jainas, die solch konsequente Vegetarier und Lebensschützer sind, dass sie nicht einmal Kartoffeln und Zwiebeln essen: Beim Herausreißen dieser Erdfrüchte könnten nämlich kleine Würmchen und noch winzigere Organismen verletzt werden“, sagt Frau Udeshi vom „Trident“.


Sie ruckelt landestypisch den Kopf horizontal hin und her, um Zustimmung zu ihren eigenen Worten zu signalisieren, und der Besucher denkt: Na bitte! Bombay bleibt sich selbst treu, diese Multikulti-Stadt, die hier im 18. Jahrhundert auf engstem Raum als Aufschüttung zwischen sieben ehemaligen Inseln entstanden war. Zunächst als Ilha da boa vida („Insel des guten Lebens“) der Portugiesen, dann als Bombay der Engländer, schließlich als Mumbai der Hindus, die die Stadt 1997 zu Ehren ihrer Göttin Mumbadevi umbenannt hatten.


Es war gerade dieses Mehrdeutige, Verwirrende und Heterogene, was die in pakistanischen Geheimlagern ausgebildeten Terroristen in ihrem pseudoreligiösen Wahn zu vernichten trachteten, als sie nachts an der Cuffe Parade im Süden der Metropole an Land setzten und schwer bewaffnet in die Lobby des „Trident“ eindrangen, Menschen niedermähten und dann das ungleich berühmtere Nebengebäude des „Oberoi Mumbai“ stürmten: 32 ermordete Hotelgäste, ein 40-stündiges Gefecht mit indischen Spezialtruppen – und danach Verwüstungen an Versorgungssystemen und Wasserleitungen, die eine Wiedereröffnung des „Oberoi“ wohl erst in vager „naher Zukunft“ zulassen.


Im direkt benachbarten „Trident“, dessen Mitarbeiter damals unter Lebensgefahr so viele Gäste retteten wie möglich – sie im Lift in die obersten Stockwerke fuhren, sich mit ihnen in den Zimmern oder dem Küchentrakt des hoteleigenen „India Jones“-Restaurants verbargen –, spielt inzwischen wieder dezente Pianomusik in der glitzernden Lobby, schlendern westliche Gäste in Turnschuhen, Tops und Jeans neben blendend weiß gekleideten Scheichs aus den Golfstaaten umher.


„Selbstverständlich sind die meisten Sicherheitsvorkehrungen unsichtbarer Art“, sagt Kanan Udeshi, jetzt wieder ganz professionelle Managerin, „Personal und Umfeld werden effektiv gecheckt, und wir arbeiten mit internationalen Securityfirmen zusammen, die ausreichend Erfahrung auf diesem Gebiet besitzen.“ Landestypisches Kopfgeruckel, konziliantes Lächeln, Ende der Durchsage – muss man als normaler Gast mehr wissen?


Immerhin gibt es auch für sicherheitsbewusste Freunde des Sichtbaren genug zu sehen: Da sind etwa die Piepdetektoren in den Händen des Personals, nachdem man bereits die Detektorentür am Eingang und die von Polizisten gesäumten Absperrungen an der Straßenseite passiert hat. Und da ist die Gepäckkontrolle: Jedes Stück wird schon vor dem Hotel durchleuchtet. Die hier logierenden Gäste scheinen sich davon nicht gestört zu fühlen, und sie scheinen Vertrauen in die verschärften Sicherheitsvorkehrungen zu haben. Beide Häuser sind dem Augenschein nach gut belegt – sowohl das „Trident“ wie das „Taj“ sprechen von 65 Prozent Zimmerauslastung.


Welche Atmosphäre aber herrscht in der Stadt selbst? Man kann sie wie eh und je durchstreifen, ohne Angst oder ein Gefühl der Bedrohung, zu Fuß oder per Taxiungetüm der Marke Ambassador, ein Nachbau des uralten Fiat 1100, in dem die Fahrt höchstens 60 Rupien kostet, etwa einen Euro. Und ja, auch die muslimischen Quartiere, wo es 1992/93 noch blutige Ausschreitungen gegeben hatte, sind kein touristisches Sperrgebiet. Hier herrscht das gleiche Gewusel wie in den hinduistisch geprägten Vierteln, will heißen: Hier findet die exakt gleiche Aufführung des 24-Stunden-Tohuwabohu-Balletts statt: aus Moscheebesuchern und Elefantentempelpriestern, aus Ochsenkarren- und Rikschafahrern, Scherenschleifern, bettelnden Eunuchen und schnurrbärtig-schwarzhaarigen Kleinhändlern, die einen freundlich, jedoch nie penetrant in ihr nach Curry, Safran oder was auch immer riechendes Kabuff zu locken versuchen.

Ein Zickzackweg für alle Sinne zieht sich von Crawford Market hinauf nach Mahim, von Churchgate hinüber nach Chor Bazaar – verschlungen wie ein Satz aus einem typischen Salman-Rushdie-Roman. Wen man hier auch immer fragt: Von Bedrohung, von Rache, von Hass keine Spur; ein Terrortrauma gibt es nicht, auch wenn jeder auf der Straße bereitwillig über die Attacken spricht. Die Einheimischen sind sich dabei jener neuralgischen Punkte durchaus bewusst, an denen die Idee des wuseligen, toleranten Bombay zu Tode gebracht werden sollte: In den drei Hotels, im jüdischen Zentrum im Nariman House, im Traveller-Café „Leopold“ sowie am Victoria Terminus, jenem größten Bahnhof Asiens mit seiner pompösen, kolonialbarocken Außenarchitektur und täglich Hunderttausenden Passagieren – viele der Terroropfer dort waren übrigens indische Muslime.

Seltsam jedoch und ein wenig schade, dass der Gesprächs- und Erinnerungshunger draußen auf der Straße offenbar kein Äquivalent findet im gedämpften Inneren der beiden wiedereröffneten Luxushotels. Ob im „Trident“ oder im „Taj“: Mit welchem Liftboy, Zimmermädchen, Frühstückskellner oder Rezeptionisten man auch spricht – alle hatten sie angeblich an jenem bewussten Novemberabend frei, kamen zu spät zur Arbeit, waren krank oder besuchten ihre bettlägerigen Eltern. Wer bitte aber hat dann die vielen Gäste gerettet?

„Wir schauen eben nach vorn“, sagt Managerin Zorniger forsch, während sich der Besucher gerade umdreht, um vom palmengesäumten Pool des „Taj“ auf jenen von Korbsesseln flankierten, marmornen Säulengang zu schauen, über den Ende November die Mörder gerannt waren, um von hinten in den 1903 erbauten Palast mit der weit sichtbaren roten Kuppel einzudringen, um Zimmertüren aufzuschießen und Feuer zu legen.

Das existenzielle Schaudern darüber hat nichts zu tun mit billigem Voyeurismus. Nichts davon ist inzwischen mehr sichtbar – weder an der verspielten Außenfassade, die nach wie vor bis spät nach Mitternacht ein dankbares Fotomotiv für Einheimische und Indienbesucher gleichermaßen abgibt, noch im Inneren, wo jedoch auf der teppichbelegten Wandeltreppe ab der zweiten Etage plötzlich eine Sperre installiert ist.


„Von unseren zwölf Bankettsälen ist vorläufig nur einer geöffnet, der stark in Mitleidenschaft gezogene Palast ist bis auf Weiteres geschlossen, aber die 278 Luxuszimmer im angeschlossenen, 1972 erbauten ‚Taj Tower' stehen bereit.“ Zahlen und Fakten, zweifellos ebenso korrekt wie jene „Wir schauen nach vorn“-Erinnerungspolitik des Managements, das im Foyer hinter einer Glaswand einen „Tree of Life“ präsentiert, neben dem in einer kleinen Stele die Namen der ermordeten Opfer eingraviert sind.


Im „Taj Tower“ steht seit der Wiedereröffnung nach den Anschlägen auf jeder Etage ein Wachmann. Meiner, auf Etage 16, ist von einer überraschenden Herzlichkeit: „Oh hello! Have a nice and safe day, Sir!“ Vom luxuriös gestalteten Zimmer blickt der Gast hinunter auf das 1911 zu Ehren von King George V. und Queen Mary errichtete Gateway of India, vor dem nachts die blauen Innenlichter der wartenden Taxis blinken, die Karbollämpchen an den Gestellen der Snackverkäufer, die Blitze der Touristenkameras. Und der Gast fühlt sich wohl bei dieser Betrachtung von Innen und Außen, von Stadtleben und Ausnahmezustand, von Realität und Schein. Einerseits.

Andererseits: Im Fernsehen läuft gerade ein Werbespot für die indische Armee, doch wie da im Bollywood-Rhythmus schmucke Burschen samt Bajonett eine Freitreppe herunterschweben, in Zeitlupe Kopfsprünge ins azurblaues Wasser veranstalten oder auf kurz geschnittenem Rasen Kricket spielen, möchte man nur hoffen, dass derlei Bühnenzauber nicht alles ist, was Indien im Kampf gegen den Terrorismus unternimmt.

Und der Alte mit der doppelläufigen Flinte, der am nahe gelegenen Colaba Causeway vor dem Eingang des „Café Leopold“ hin und her schlurft? Hinter ihm kündet eine zersprungene Spiegelglasscheibe noch immer vom damaligen Horror, während es sich an den Tischen mit den rot-weiß karierten Decken längst wieder westliche Esoterikfreunde mit Rastalocken bei einem Glas Kingfisher-Bier bequem gemacht haben. Man fragt sich auch hier: Was ist Verdrängung und was ist Beschweigen, was ist passiver, jedoch nicht uneffektiver Widerstand gegenüber den Absichten der Terroristen?

Das große Bombay verweigert sich den einfachen Antworten. Aber verhalten sich die Reisenden nicht ähnlich? Befragt nach Massenstornierungen angesichts der Novemberereignisse, hatte man bei Fluggesellschaften wie Emirates, Lufthansa oder Air India nur mit dem Kopf geschüttelt: Nein, keine relevanten Rückgänge, abgesehen von der üblichen Flaute angesichts der Weltwirtschaftskrise. So gesehen haben die Mörder von Bombay nicht gewonnen, sie haben es nicht vermocht, den Mythos der Millionenstadt zu zerstören. Und geradezu beruhigend piepen die Sicherheitsdetektoren des „Taj“ im Schatten der weithin sichtbaren, gigantischen Kuppel.

Die Reise erfolgte mit Unterstützung von Emirates, Taj Hotels und Oberoi.