September

Texas ist wirklich nichts für Vegetarier

Texas ist doppelt so groß wie Frankreich, die Schweiz und die Beneluxstaaten zusammen – es muss also mehr zu bieten haben als pure Cowboyromantik und saftige Steaks. Es scheint, nirgends ergänzen sich moderne Großstädte und der Wilden Westen besser als hier.

Europäer haben fest eingebrannte Stereotype im Kopf, wenn sie an Texas denken. Cowboys, Rancher, Rednecks und Hinterwäldler sind die gängigsten. Dabei ist Texas, der Lone Star State, ein Land im Aufbruch. Die Klischees müssten daher heißen: wiederbelebte Innenstädte, Kultur und – immer noch – Cowboys. Denn ganz ohne Cowboyhüte und Bullenreiten schafft es tatsächlich kein Tourist, durch den zweitgrößten Bundesstaat der USA zu reisen.

Wir beginnen unsere Tour in Houston, das einst Landeshauptstadt war, als sich Texas im 19. Jahrhundert von Mexiko loslöste und für neun Jahre eine eigene Republik war. Houston liegt ungefähr 80 Kilometer vom Golf von Mexiko entfernt und ist mit seinen fünf Millionen Einwohnern die größte Stadt in Texas und viertgrößte Metropole der Vereinigten Staaten. Es steht vor allem für eines: die Nasa. Und das spätestens seit Neill Armstrong bei der Landung auf den Mond den Satz „Houston, the Eagle has landed“ Richtung Erde schickte.
In der Tat ist das Space Center Houston, von dem aus das gesamte bemannte Raumfahrtprogramm der Nasa geleitet wird, eine der Hauptattraktionen der Stadt. Es gibt aber noch mehr zu sehen. Kemah zum Beispiel, Houstons Distrikt an der Bucht von Galveston, wo mit dem Kemah Boardwalk ein Vergnügungsviertel direkt am Wasser entstanden ist. Hier können Einheimische und Besucher einkaufen, Riesenrad fahren, Stachelrochen füttern und herrliche Steaks essen (zum Beispiel im „Salt Grass Steakhouse“). Vegetarier haben in Texas keinen leichten Stand. Dieses Klischee hat auch weiterhin Bestand.

Houston macht auf Kultur

Zurzeit erlebt Houston den für US-Städte, deren Innenstädte vormals reine Geschäftszentren waren, typischen Wandel. Sie alle wurden und werden aufwendig wieder belebt. In Houston soll das mit Themenrestaurants, Bars und dem Baseballstadium Minute Maid Park erreicht werden. In Downtown Houston findet sich zudem der zweitgrößte Theaterdistrikt der USA (nach dem Broadway) mit der Houston Grand Opera und dem Houston Symphony Orchestra und Houston Ballet.

Außerdem haben sich luxuriöse Boutiquehotels in Downtown niedergelassen, wie zum Beispiel das „Hotel Icon“ und das „Alden Hotel“, beide ausgestattet mit Designmobiliar und Gourmetköchen (und freiem Internetzugang, was in den USA auch in Fünfsternehotels durchaus nicht üblich ist).

Doch allen Revitalisierungsbemühungen zum Trotz: Die Hauptklientel sind noch immer Geschäftsleute. Und – das muss gesagt werden – auf den Straßen in Downtown passiert nach 19 Uhr so gut wie nichts mehr. Also weg hier.

Von Houston ist es mit dem Flugzeug nur ein kurzer Sprung nach Dallas, und Dallas, wenn auch kleiner als Houston, ist ohne Zweifel die kosmopolitischste Stadt in Texas. Insofern ist es wieder ungerecht, dass Dallas im Ausland vor allem für zwei Dinge berühmt ist: als Kulisse der gleichnamigen Fernsehserie und als der Ort des Attentats auf US-Präsident Kennedy am 22. November 1963.

Ein Besuch auf der Southfork-Ranch darf nicht fehlen

Um beiden Themenbereichen gerecht zu werden, empfiehlt sich erst ein Besuch auf der Southfork-Ranch der TV-Familie Ewing (selbst wenn die meisten Szenen in Kanada gedreht wurden). Anschließend sollten Sie im Sixth Floor Museum im früheren Texas School Book Depository Building vorbeischauen, wo das Leben und Wirken John F. Kennedys sowie das Attentat dokumentiert sind. Ein schlichtes Kreuz auf der Elm Street markiert die Stelle, wo der erste Schuss traf. Auch wenn man kein Zeitzeuge oder Kennedy-Verehrer ist, stockt einem hier der Atem.

Kulturinteressierte können sich außerdem die Kunstsammlungen des Dallas Museum of Art, des Nasher Sculpture Center und der Crow Collection of Asian Art anschauen, die nebenbei ein eindrucksvolles Zeugnis für die amerikanische Tradition des Mäzenatentums sind. Speziellere Interessen werden im West Village, Dallas’ schickstem Stadtteil, befriedigt: Mit einem jungen urbanen Publikum und Läden wie Cowboy Cool, wo die Cowboyausstattung ihre ironische Auferstehung feiert.

Wer es traditioneller mag, dem sei empfohlen, in Dallas im „Mansion of Turtle Creek“ abzusteigen, einem der besten Hotels in Texas (auch die „Dallas“-Stars logierten hier). Das in den 20er-Jahren im Pseudo-Renaissancestil für einen Baumwollmagnaten erbaute Anwesen hat immer noch die Aura einer Privatresidenz, mit liebevoll restaurierten Holzschnitzereien, Marmorfußböden, Kassettendecken und Buntglasfenstern. Der Service ist hervorragend, das Restaurant, „The Sheppard King Mansion“, ebenfalls.

Fort Worth lebt den Cowboymythos

Bei günstigen Verkehrsverhältnissen fährt man von Dallas eine gute halbe Mietwagenstunde nach Fort Worth. Und diese 35-Meilen-Fahrt Richtung Westen lohnt sich unbedingt, denn in Fort Worth taucht der Besucher in eine völlig andere Welt ein. Übrigens ist Texas, wie der größte Teil der USA, ein Landstrich, für dessen Erkundung Sie unbedingt einen Wagen mieten sollten. Das Auto, meist ein riesiger Pick-up-Truck, hat in der texanischen Mentalität weitgehend das Pferd ersetzt. Und auch wenn man nur auf den Freeways und Highways unterwegs ist, fallen einem die vielen Kapellen am Straßenrand auf: Denken Sie daran, Sie befinden sich in der Peripherie des Bible Belt, also des Bibelgürtels, beziehungsweise in jener Gegend der USA, wo evangelikaler Protestantismus ein integraler Bestandteil der Kultur ist.

Aber wir waren bei Fort Worth, das auch „Cowtown“ genannt wird, was in Texas kein abschätziges Wort ist. Es drückt nur aus, dass, wenn Dallas die moderne Seite des Lone Star State verkörpert, Fort Worth für den Cowboymythos zuständig ist. Dieser lebt besonders in den Stockyards, dem historischen Distrikt mit seinen Saloons und Restaurants, der Texas Cowboy Hall of Fame und dem Livestock Exchange Building, wo fast jedes Wochenende Rodeos stattfinden. Natürlich immer mit den klassischen Disziplinen Bullenreiten, Kälberfangen und dem beliebten Schafetreiben für Kinder.

Neben diversen Shops für den durchschnittlichen bis gehobenen Wildwestbedarf findet sich in den Stockyards auch Leddy’s, der traditionsreichste Cowboyausstatter in ganz Texas. Dort kann man handgefertigte Stiefel aus feinsten Materialien und die legendären Stetson-Hüte kaufen. Leddy’s ist übrigens, zusammen mit vielen anderen Geschäften, Mitglied im texanischen Tax-Free-Programm. Denn ein weiterer Pluspunkt für Texas ist, dass es als einer der wenigen US-Bundesstaaten den ausländischen Touristen die Umsatzsteuer auf Einkäufe zurückerstattet.

Im weltgrößten Honky Tonk

Abends nach dem Rodeo geht jeder in Fort Worth auf einen Drink zu „Billy Bob’s“, dem weltgrößten Honky Tonk. Ein Honky Tonk ist die sehr texanische Form einer rustikalen Schenke, aber „Billy Bob’s“ ist noch viel mehr als das. Es bietet auf über 9000 Quadratmetern neben Billard und Spielautomaten Country-Livemusik und Rodeoturniere auf mechanischen Bullen.

Wem auch das noch nicht genug Cowboyleben ist, der muss die Wildcatter Ranch besuchen. Ungefähr zwei Autostunden von Dallas entfernt, offeriert diese auf einem malerischen Hochplateau im Palo Pinto Hill Country gelegene Anlage dem gestressten Städter authentische Wildwesterfahrung, ohne schmutzige Hände zu bekommen (es sei denn, Sie wollen schmutzige Hände). Die Besucher beziehen eine mit Satellitenfernsehen ausgerüstete Luxusversion einer Hütte mit fabelhaftem Ausblick ins Tal des Brazos-Flusses. Und nachdem Sie den in den USA üblichen Haftungsausschluss unterzeichnet haben, können Sie sich für alle möglichen Abenteuer anmelden. Vom Kanufahren übers Präriereiten bis zum Fischen. Wobei das Personal der Ranch sich darum kümmert, dass die Fischteiche stets so voll sind, dass jeder Gast etwas fängt, und die Pferde so friedlich, dass sie sicher niemanden abwerfen.

Nach einem langen, aufregenden Tag treffen sich Touristen und Einwohner im „Wildcatter Steakhouse“, wo es die besten handgeschnittenen Steaks in ganz Texas gibt, und das will was heißen.

„Wildcatter’s“ liegt mitten im Herzen des ländlichen Texas, ein Ort, zu dem man nur mit dem Auto gelangt. Unser Navigationssystem lotste uns vom Freeway auf den Highway und auf staubige Pisten, die durch verschlafene kleine Ortschaften führen. Vorbei an Trailer Parks und Wellblechhütten mit Gerümpel im Vorgarten. Oft sind die Autos größer als die Häuser, und genauso oft sahen wir Schilder wie „Keep Out“ oder „Beware of Dog“. Aber als wir an einer Kreuzung mitten im Nichts anhielten, vor dem Café einer Tankstelle, vor dem nur riesige Trucks standen, begrüßte man uns im Lokal fröhlich mit „How ya’ll doin’“ und erklärte uns freundlich den Weg. Immer für eine Überraschung gut dieses Texas.