"Shoppen"

Speed-Dating – Ein Mann fürs Leben in fünf Minuten

| Lesedauer: 8 Minuten
Günter Fink

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In "Shoppen" spielt Andrea Lüdke ("Großstadtrevier") eine Single-Frau beim Speed-Dating. Die Methode ist zur Partnersuche besser als ihr Ruf, findet sie.

Vor vier Jahren war die Filmkomödie „Shoppen“ ein Überraschungserfolg an den Kinokassen. Nun kommt die Story auf die Bühne beim Hamburger Theater „Komödie Winterhuder Fährhaus“ (Premiere am Freitag, dem 25. November 2011): Fünf Frauen und fünf Männer treffen sich zum sogenannten Speed-Dating.

Dabei haben sie jeweils fünf Minuten Zeit, ihr Gegenüber von den eigenen Vorzügen zu überzeugen, bevor sie zum nächsten Rendezvous-Partner wechseln.

Romantisch geht es da kaum zu, denn im Wettlauf gegen die Uhr müssen die Beteiligten knallharte Überzeugungsarbeit leisten – und treten in fast jedes Fettnäpfchen, das sich ihnen bietet. Die Hauptrolle der Singlefrau Susanne spielt Andrea Lüdke, 48, dem Fernsehpublikum als Polizistin Tanja König im NDR-„Großstadtrevier“ bestens vertraut. Ein Gespräch über Partnersuche, perfekte Männer und die Freuden des Familienlebens.

Morgenpost Online: Frau Lüdke, hat das Stück „Shoppen“ auch einen kritischen Ansatz oder handelt es sich nur um pure Unterhaltung?

Andrea Lüdke: Nein, auf keinen Fall. Das Thema Beziehung ist doch eines, was jeden Menschen bewegt. Dabei hat sich doch die Zeit im Zeichen von Blackberry, Internet, Chats und Handys gewaltig verändert. Man muss permanent wichtige Entscheidungen treffen, und das hat natürlich auch Auswirkungen auf das Leben.

Heute muss man so schnell agieren, dass die Gefahr besteht, dass einem die Verlässlichkeit abhanden kommt. Da, wo gestern noch dein Lieblingscafé war, ist morgen ein Drogeriemarkt und übermorgen eine Apotheke. Es ist ein täglicher Kampf, der die Arbeitswelt in das Privateste wirken lässt.

Morgenpost Online: Was halten Sie persönlich vom Speed-Dating?

Lüdke: Ich habe einem „S-D“ beigewohnt, natürlich nicht unter Echt-Bedingungen, denn das wäre nicht fair, da ich ja verheiratet und somit nicht wirklich verfügbar bin. Aber es war für mein Rollenstudium sehr aufschlussreich, an so einer Veranstaltung – es war im „Café Einstein“ –inkognito teilzunehmen und mit den Beteiligten zu reden.

Morgenpost Online: Ihr Eindruck?

Lüdke: Ich habe überhaupt nicht erwartet, so nette, entspannte und vor allem attraktive Leute zu treffen. Das war keineswegs Rudis Reste-Rampe, mit den letzten übrig gebliebenen Schnäppchen aus dem Schlussverkauf, wie im Stück und generell abwertend gelästert wird. Ich finde diese Methode der Partnersuche gar nicht so verkehrt.

Morgenpost Online: Inwiefern?

Lüdke: Es ist doch so: Ab einem gewissen Alter sind eben alle um einen herum plötzlich verheiratet oder leben in festen Beziehungen. Da hat man begrenzte Möglichkeiten, und die Zeit rennt einem davon. Ich habe großen Respekt vor dem Mut, sich dazu zu bekennen, dass man wirklich jemanden sucht.

Und mal ehrlich: Viele, die beruflich sehr engagiert sind, haben auch keine Lust, das Wochenende in irgendwelchen Bars abzuhängen, die nach 24 Uhr erst interessant werden. Ich finde Speed-Datings eine durchaus mögliche, interessante Variante – nur mit einem schlechten Image.

Morgenpost Online: Was würden Sie Ihrer ältesten Tochter, die 18 ist, entgegnen, wenn sie sagen würde: Mama, ich gehe zum Speed-Dating?

Lüdke: (lacht) Haben Sie meine Tochter gesehen? Der läuft doch sowieso jeder hinterher. Wenn sie 35 wäre und wahnsinnig unglücklich, dann würde ich ihr sagen: „Mach das!“ Wenn‘s funktioniert und hilft, her damit!

Morgenpost Online: Beim Speed-Dating geht es um Geschwindigkeit. Wie lange brauchen Sie, um einen Mann abzuscannen?

Lüdke: Alles, was mir gefällt, gefällt mir sofort – oder gar nicht. Also nicht lange... Als ich meinen Mann das erste Mal gesehen habe, ist er mir sofort aufgefallen. Da habe ich zu meiner Freundin gesagt: „Du, da pirsch ich mich mal ran. Da ist einer, der gefällt mir! Du musst heute Abend nicht mehr mit mir rechnen.“

Morgenpost Online: Worauf legen Sie bei einem Mann am meisten Wert?

Lüdke: Wenn er in seinem Körper zu Hause ist. Ich mag nicht so Theoretiker. Das heißt aber nicht, dass er nicht auch intelligent sein darf. Das Akademische ist nicht so mein Ding. Wenn ein Mann weiß, wo er steht und sich und mir nichts vormacht.

Ich stehe nicht auf diese eingesprungenen Rittberger, diese asketischen, durchtrainierten, durchgestylten Typen, die versuchen, nur ein Bild von sich zu erfüllen, und darüber den Moment vergessen, das Jetzt zu erleben. Mir ist wichtig, dass er nicht die Schauspielerin liebt, sondern mich als Mensch.

Morgenpost Online: Sind Sie eine Frau, die schnelle Entscheidungen liebt?

Lüdke: Ja, aber ich tue mich, seit ich Kinder habe, eher schwer damit. Warten und Zögern ist ja nicht sexy. Unsere Kultur fördert eher den leidenschaftlichen Daseinsentwurf. Wer schnell entscheidet, ist ein Held. Man gilt dann als ehrgeizig, tatkräftig und kreativ. Ich brauche oft etwas länger und gerate dadurch manchmal ganz schön in Stress.

Morgenpost Online: Im Juli 1989 sind Sie aus Ost-Berlin in den Westen geflohen. Wie lange hatten Sie sich zuvor mit der Entscheidung Zeit gelassen?

Lüdke: Ach, das war ein langwieriger, quälender Prozess, denn ich habe mich mit meinem Theater, dem Maxim Gorki Theater in Berlin, an das ich nach der Schauspielschule engagiert wurde, schon sehr identifiziert. Privat hatte ich keine erpressbaren Geiseln, denn meine Eltern waren tot und meine beiden Schwestern wollten auch die DDR verlassen.

Morgenpost Online: Haben Sie sich nicht darüber geärgert, dass Sie sich die Angst und den Stress Ihrer Flucht hätten ersparen können?

Lüdke: Nein. Überhaupt nicht. Ich bin ja in diesem Sperrgebiet und mit der Mauer groß geworden. Für mich war überhaupt nicht vorstellbar, dass so etwas wie der Fall der Mauer überhaupt passieren kann. Meine Großeltern wurden enteignet: Meine Eltern mehr oder weniger auch. Ich dachte eher, ich gehöre zu den letzten, die es schaffen, aus der DDR rauszukommen.

Wer behauptet, dass er das vorausgeahnt hat, der war, wie so manche Politiker im Westen, von einer derartigen Vision geprägt, wie ich sie gar nicht haben konnte. Während meiner Jugend war das alles nicht vorstellbar, zum Beispiel eines Tages frei reisen zu können. Davon habe ich schon als Kind geträumt, dass ich in den Nebel gehe, in ein unbekanntes Land…

Morgenpost Online: Es war also für Sie damals, im Alter von 25 Jahren, genau der richtige Zeitpunkt….

Lüdke: Das weiß ich nicht, mein Leidensdruck war sehr hoch und ich wollte lieber selber entscheiden, bevor das Leben für mich entscheidet. Ich möchte schon gerne am Steuer sitzen und mich nicht von irgendetwas überrumpeln lassen.

Morgenpost Online: Leider funktioniert ja das nicht immer. So haben sie mit 17 Ihren Vater und mit 23 Ihre Mutter verloren. Inwieweit hat Sie das geprägt?

Lüdke: Zu jener Zeit habe ich gearbeitet wie ein Artist ohne Netz. Wissen Sie, wenn alles schief geht, wenn man beruflich scheitert, man unglücklich verliebt ist, was auch immer, hat man normalerweise immer das Elternhaus als ein Nest, wohin man zurückkehren kann.

Dort, wo Du, egal was passiert, immer geliebt wirst. Und das hatte ich ja schon ganz früh nicht mehr. Ich war alleine. Mein Stuhl hatte keine Lehne. Und darum ist es heute mein größter Wunsch, meine Familie immer zusammenhalten zu können. Das ist mir sehr wichtig. Meine Familie ist mein Königreich, der Himmel, meine Startrampe und mein Kuschelnest. Mein Ein und Alles.

"Shoppen" im Hamburger Theater "Komödie Winterhuder Fährhaus", Premiere am 25. November, bis 15. Januar 2012, Karten unter Tel. 040/48068080