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Wo Kindern „Seebeine“ wachsen

Das Berliner Schulprojekt „Ocean College“ ist wieder zurück. Sowohl für den Veranstalter als auch für die Mitsegler endet damit eine lange Reise

„Stimmt es, dass Du den Äquator überquert hast?“ Neptun stellte diese Frage gebieterisch – doch Tobias konnte kaum antworten. Er lag auf dem Boden des Schiffes und erwartete die nächste Dusche aus dem Feuerwehrschlauch. „Ja, ich sehe, dass das stimmt“, beantwortete sich Neptun die Frage selbst und eine weitere Ladung Wasser ergoss sich über den Berliner. „Und wie ich sehe, muss ja noch jede Menge Landdreck abgewaschen werden.“ Eine dritte Dusche folgte, dann das Abschrubben mit alter Linsensuppe sowie eine erneute Dusche. Anschließend war Tobias nicht mehr eine Landratte, sondern eine Sardine, wie Neptun bestimmte.

Äquator-Taufe stammt aus der Zeit der Entdeckerreisen

Es ist ein altes Seefahrer-Ritual: Wenn man zum ersten Mal auf dem Schiff den Äquator überquert, gibt es eine sogenannte Äquatortaufe. Der Brauch hat seinen Ursprung in der Zeit der Entdeckungsreisen der Portugiesen, die beim Überschreiten des Äquators ihre Gläubigkeit durch eine Taufe bekräftigen wollten. Lange Zeit hatte der Aberglaube geherrscht, die Region sei zu heiß, um sie durchqueren zu können und eine Expedition in die südliche Hemisphäre müsse unweigerlich tödlich enden.

Tobias Martin, Schüler aus Berlin, kann sich an dieses Ritual noch genau erinnern – rund zwei Monate war er damals mit dem Berliner Schulprojekt „Ocean College“ bereits auf See, hatte sich längst eingelebt, doch die Äquatortaufe war dann doch noch einmal ein ganz besonderer Moment. „Damals ist mir klar geworden, dass ich den Atlantik tatsächlich aus eigener Kraft überqueren würde“, sagt er.

Seit knapp einer Woche ist der Berliner wieder zurück in der Hauptstadt. Ein anstrengendes, forderndes halbes Jahr liegt hinter ihm. Mehr als 11.000 Seemeilen hat er gemeinsam mit 33 anderen Schülern auf dem Drei-Mast-Schoner „Regina Maris“ rund um den halben Erdball zurückgelegt. Ungezählte Wachgänge liegen hinter ihm, stundenlanges Rudergehen, vielfaches Segelsetzen und -einpacken – und dazwischen immer wieder Lernen. Neun Standardfächer – etwa Mathe und Physik, Deutsch, Geschichte und Geografie – haben die 14- bis 17-jährigen Schüler gebüffelt, oft übermüdet und geschlaucht. Das Berliner Projekt „Ocean College“, bei dem Schüler ihr Klassenzimmer für eine begrenzte Zeit mit einem Schulschiff tauschen, hat seine Feuerprobe bestanden. Im Oktober vergangenen Jahres war das Schiff in Amsterdam mit 34 Schülern und fünf Lehrern an Bord gestartet.

„Ich bin froh, es mitgemacht zu haben. Nun reicht es aber erst einmal auch“, sagt Tobias Martin. Er müsse die gesamte Reise sacken lassen. Der 17-jährige Schüler, Mitglied im Berliner Yacht-Club, sagt, dass er vor allem Stressresistenz gelernt habe: „Man lernt an Bord eines Schiffes, Dinge gelassener zu nehmen, wenn man sie ohnehin nicht ändern kann.“ Musste er etwa wieder aus den Federn, um zu helfen, ein Segel einzupacken, obwohl er gerade erst eine lange Schicht am Ruder hinter sich gebracht hatte, so nahm er dies irgendwann stoisch hin. „Es half nichts, sich ständig darüber aufzuregen.“

Tobias Martin, der aktuell eine J-24 segelt und künftig im Berliner Yacht-Club als Segeltrainer arbeiten will, hofft, dass ihm diese antrainierte Stressresistenz dann auch hier zugutekommen wird. „Man hat viel über gemeinschaftliches Leben gelernt, schließlich war man an Bord nie für sich allein“, ergänzt Paula Schütze, ebenfalls aus Berlin. Der 14-jährigen Schülerin hat die Reise sehr gefallen – vor allem das Kennenlernen fremder Kulturen und anderer Lebensweisen.

Die erste Auflage des Projektes geht damit zu Ende. Gab es zuvor mit dem „High Seas High School“-Projekt der Hermann-Lietz-Schule aus Spiekeroog sowie dem Projekt „Klassenzimmer unter Segeln“ der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg zwei ähnlich gelagerte Projekte in Deutschland, so hat sich mit dem „Ocean College“ aus Berlin nun ein drittes etabliert. Im Jahr 2014 hatte der Berliner Lehrer Johan Kegler erstmals versucht, mit den Schülern in See zu stechen, damals war das Projekt wegen einer zu geringen Teilnehmerzahl jedoch gescheitert. Doch Kegler, zuvor Lehrer an einer Berliner Privatschule in den Fächern Geschichte, Sport und Politische Bildung, gab nicht auf. Er gründete eigens eine Firma, rührte unablässig die Werbetrommel, führte viele Elterngespräche, bot einen Auswahltörn an – und im Oktober vergangenen Jahres ging es dann schließlich los.

Vor allem eines ist Kegler während der Projektierung stets wichtig gewesen: „Lerninhalte haben wir am Lehrplan orientiert, diese aber gleichzeitig jeweils auf die Umgebung abgestimmt.“ So wurden die Lerninhalte an Bord mit konkreten Beispielen unterfüttert – etwa dem Sklavenhandel, der Astronomie oder Meeresbiologie. Unter anderem gab es ein Projekt, das sich dem Thema „Plastik im Meer“ widmete. Hintergrund: Die Schüler sollten sofort sehen, warum sie etwas lernen und welchen praktischen Bezug es hat. An diesem Ansatz will Kegler unbedingt festhalten und ihn für kommende Reisen weiter ausbauen.

Nach der ersten großen Reise ist Kegler somit zufrieden, zeigt sich aber auch selbstkritisch. „Bei der nächsten Reise wollen wir manches auch anders machen.“ Dazu zähle etwa, künftig noch deutlicher zu machen, dass es sich nicht um eine verlängerte Klassenfahrt handele. Im Gegenteil: „Nun gibt es für alle Teilnehmer ganz reguläre Zeugnisse, wir haben keine Noten verschenkt.“ Besonders schön sei gewesen, zu sehen, wie mancher Teilnehmer an Bord über sich hinausgewachsen sei. „Wir hatten etwa einen Jungen dabei, der in seiner Schule als lernbehindert galt und gemobbt wurde. Er legte an Bord eine unglaubliche Entwicklung hin, sodass er bald eine Stütze des gesamten Projektes wurde.“

Kegler, der, abgesehen von einer kurzen Pause, den ganzen Törn mit an Bord war, denkt, dass sein Ansatz durchaus aufgegangen ist, auch wenn – wie er sagt – Pädagogen ja immer das Problem hätten, dass sie nie ganz genau wüssten, ob Ihre Ideen später fruchten: „Man kann nie sagen, was die Jugendlichen bewusst oder unterbewusst für ihr Leben mitnehmen werden.“ Paula Schütze und Tobias Martin sind nun jedenfalls erst einmal wieder zurück. Schon seit Anfang dieser Woche gehen sie wieder in ihre normalen Klassen, eine Zurückstufung ist nicht erfolgt, da die Lehrpläne an Bord mit jenen an Land abgestimmt waren.