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Das beste Weihnachtsgeschenk

Das Berliner Schulprojekt „Ocean College“ hat es über den Atlantik geschafft. Aus Jugendlichen sind Seefahrer geworden – die auf hoher See sogar das Kommando übernahmen

Palmen, Strand und türkisfarbenes Wasser, so weit das Auge reicht. Die Temperatur liegt bei 28 Grad, die Sonne scheint, ab und zu zieht ein Wölkchen vorbei. Statt Plätzchen und Dominosteinen gibt es Kokosnüsse und frisches Obst: Auch so kann man Weihnachten verbringen. Keine Frage: Auf Dominica, einem Inselstaat in der Karibik, lässt es sich aushalten. Dieser einhelligen Meinung sind jedenfalls die jungen Segler der „Regina Maris“, eines Dreimastschoners, der vor wenigen Tagen in der Hauptstadt Dominicas, Roseau, festgemacht hat. Für die Teilnehmer des Berliner Schulprojektes „Ocean College“, das in Amsterdam gestartet war, ist die deutsche Hauptstadt nunmehr so weit weg wie ein anderer Planet.

Und dies nicht nur wegen der gänzlich anderen Weihnachtsstimmung. Und auch nicht wegen der reinen Entfernung von rund 5000 Seemeilen, die das Schiff seit seinem Start mittlerweile zurückgelegt hat – sondern weil das Bezwingen eines Ozeans auf eigenem Kiel eben etwas ganz Besonders ist. Unter Seglern heißt es: „Man kommt als anderer Mensch drüben an.“ Erst recht gilt dies wohl, wenn man sich dieser Herausforderung in der Pubertät stellt.

An Bord des Schiffes kann man hiervon nun ein Seemannslied singen: Zwei Wochen dauert die Überquerung des Atlantiks – zwei Wochen, in denen die 32 Schüler täglich aufeinander angewiesen sind, in denen auf der einen Seite Bordroutine und auf der anderen Seite täglich neue Eindrücke unter einen Hut zu bringen sind. Mitte Oktober sticht die „Regina Maris“ in See, segelt zunächst nach Brest in Frankreich und Vigo in Spanien. Ende November beginnt die Überquerung des Atlantiks. Jetzt, da sich alle Teilnehmer des Projektes – Schüler wie Lehrer – die Sonne auf den Bauch scheinen lassen, verblassen manche anstrengenden und herausfordernden Stunden.

Rückschau, Mitte Oktober: Riesige Wellen schlagen über das Deck, zwei Drittel der 15- bis 17-jährigen Schüler liegen seekrank in ihren Kojen. Das Schiff stampft im englischen Kanal durch die See. An Schlaf ist kaum zu denken. Das Abenteuer ist von der Realität eingeholt worden: Kochen, Putzen und Am-Steuer-stehen wechseln einander ab. Ständig schaukelt alles, man ist nie wirklich allein und man hat kaum Platz für die eigenen Sachen – mancher fragt sich, worauf er sich da eingelassen hat. Ein paar Tage später werden nachts plötzlich alle aus ihren Betten geholt. Der Kapitän ist stocksauer: Der Küchendienst hat den Abwasch nicht ordentlich erledigt, obendrein gibt es gleich noch eine Standpauke zum sparsamen Umgang mit Süßwasser an Bord. Erschöpft wanken alle zurück in ihre Betten, und der eine oder andere wünscht sich jetzt nach Hause.

Keine Frage: Wer will, dass man auf all seine Empfindsamkeiten Rücksicht nimmt, der ist auf einem Schulschiff falsch. Die ersten Tage sind hart. Wer zuvor auf ein lockeres Abenteuer gehofft hatte, dem zerplatzen nun die Illusionen wie Seifenblasen. Zwei Wochen nach der Abfahrt schreibt Johan Kegler, Organisator der Reise und Lehrer an Bord, an die Eltern: „Jetzt haben wohl endgültig alle verstanden, worauf sie sich hier eingelassen haben.“

Nachlässigkeiten bestraft das Meer sofort

Egal ob es nass oder kalt ist: Beginnt die eigene Nachtschicht am Steuer, so muss man raus. Segel sind zu setzen oder einzuholen – egal ob man darauf nun Lust hat oder nicht. Und der Abwasch ist erst dann erledigt, wenn die letzte Tasse verstaut ist. Was daheim die Eltern hinterher geräumt haben, knallt einem hier an den Kopf. Nachlässigkeiten bestraft das Meer sofort, und die „Regina Maris“ ist ein unnachgiebiger Lehrmeister. Kurzum: Nichts und niemand schleift einen Charakter so schnell wie die See.

„Klassenzimmer unter Segeln“, „Schule an Bord“ – das ist schnell dahingeschrieben. Es dauert jedoch einige Zeit, bis man ankommt im Gleichklang der See, bis man sich innerlich verabschiedet hat vom Land, bis das Schiff zur Heimat wird, Routine jegliche Sperenzchen austreibt. Bis die Berliner Teilnehmerin Paula von Bord schreiben kann: „Wir sitzen an der Reling und essen Joghurt, als plötzlich zwei Wale neben uns auftauchen. Eigentlich ist das aber schon keine große Attraktion mehr, weil sie zum Alltag dazugehören.“ Immer öfter wird nun zu mitgebrachten Musikinstrumenten gegriffen – und schließlich beginnt nach rund zwei Wochen auch der Schulunterricht. Nicht mehr die klassische Schüler-Lehrer-Beziehung steht im Vordergrund, weil sich diese aufgrund der großen Nähe an Bord ohnehin fast auflöst, sondern die Projekte an sich.

„Weil man als Lehrer mit viel kleineren Gruppen arbeitet, sind die Erfolge unmittelbarer. Außerdem kann man sich auch neben der Unterrichtszeit einzelne Schüler nehmen und nacharbeiten“, schreibt Johan Kegler. Andererseits ist die Lehrerrolle an Bord weiter gefasst, weil die Schüler auch mit anderen Themen zu einem kommen. Moritz Otto Hoffmann, Lehrer für Deutsch, Geografie und Latein, ergänzt: „Ich kann mit den Kindern viel individueller arbeiten, als es auf dem Festland möglich ist.“ Und dann passiert es sogar, dass sich die Schüler gegenseitig Nachhilfe geben. „Plötzlich hat man alles erreicht, was man will“, sagt Johan Kegler.

Das Schiff wird rund 300 Seemeilen vor Dominica komplett an die Jugendlichen übergeben: Ein Kapitän wird ausgewählt, ein Bootsmann, ein Steuermann, ein Koch, ein Arzt und ein Maschinist. Zwei Tage führen die Jugendlichen das Schiff quasi allein über den Atlantik. Der Kapitän, Hannah, ist erst 15 Jahre alt. In ihrer Bewerbung verglich sie sich mit Kapitän Jack Sparrow aus dem Film „Fluch der Karibik“. Sie schrieb: „Nachdem wir auf Dominica gestrandet sind, kannst du sagen, dass ich der schlechteste Käpt’n der Welt bin, von dem du jemals gehört hast.“ Hannah wurde genommen – es ist das perfekte Weihnachtsgeschenk.