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Das segelnde Klassenzimmer

Nach dreijähriger Vorbereitung sticht morgen das „Ocean College“ in See. Bei dem Schulprojekt sind 14 junge Berliner und Brandenburger dabei

Das Lichterspiel, das die untergehende Sonne über die Havel wirft und auf die Gesichter der beiden Jugendlichen zaubert, ist atemberaubend. Je länger der Sonnenuntergang dauert, umso farbenfroher wird er. Fasziniert blicken Paula Schütze und Tobias Martin hinaus auf das Gewässer. Es sind die letzten Tage vor der großen Abreise – und bald schon werden die beiden Jugendlichen solch einen schönen Sonnenuntergang fast täglich erleben können.

Noch einmal waren die beiden 14- und 16-jährigen Berliner Schüler auf dem Wannsee segeln, doch nun tauschen sie Hauptstadtfluss und Optimist sowie J-24 gegen die Weiten des Ozeans. Morgen gehen sie an Bord der "Regina Maris", eines Drei-Mast-Schoners. Gemeinsam mit 34 anderen Heranwachsenden, davon 14 aus Berlin und Brandenburg, stechen sie im Rahmen des Berliner Schulprojektes "Ocean College" für ein halbes Jahr in See.

Ihre Reiseroute führt von Amsterdam über Lissabon zu den Kanarischen Inseln. Nach den Kapverden wird der Atlantik überquert. Über Zwischenhalte in der karibischen Inselwelt geht es nach Costa Rica, wo ein langer Landaufenthalt geplant ist. Nach der Yucatán-Halbinsel bildet Kuba den Wendepunkt der Reise, bevor es nach den Bermudas über den Nordatlantik zu den Azoren geht. Von hier aus führt die Route über Irland und England nach Hamburg.

Neben dem Bordalltag und der Bordgemeinschaft, in die die beiden Jugendlichen eingebunden sind – dazu gehören das Wachegehen, die Schiffshygiene oder die Küchenarbeit – steht während der Reise fester Schulalltag auf dem Programm. Ihr Klassenzimmer an Land tauschen Paula Schütze und Tobias Martin sozusagen mit einem Klassenzimmer auf See. Die Verbindung von Schule und seemännischer Ausbildung, diverse Landprojekte sowie ortsbezogner Unterricht bilden die Kernelemente des Törns. Das Schiff, auf dem die Jugendlichen unterwegs sind, ist ein Traditionssegler. Er bietet Raum für Unterricht, eine Messe, in der sich alle treffen können, und viel Platz an Deck.

All dies klingt nach großem Abenteuer – und das ist es auch. Dabei sind Paula Schütze und Tobias Martin schon in den Niederlanden, in Italien oder vor Mallorca gesegelt. "Auf so einem großen Schiff und dann noch für so lange Zeit war ich allerdings noch nie unterwegs", sagt Paula Schütze. Die Neuntklässlerin erhofft sich von der Reise das Kennenlernen vieler neuer Freunde und neuer Kulturen. "Ich freue mich besonders auf den Atlantik, da ich die Vorstellung, kein Land zu sehen, sehr cool finde. Natürlich freue ich mich aber auch auf die vielen Landprogramme", sagt sie. Nur vor einem starken Sturm auf hoher See hat sie ein wenig Angst.

Genau darauf fiebert ihr Mitsegler Tobias Martin hin. "Das möchte ich mal hautnah erleben", sagt er. "Ich bin beim Segeln zwar schon mit einer Menge Starkwind und Unwetter konfrontiert worden. Jedoch denke ich, dass ein Sturm auf dem Atlantik damit nicht zu vergleichen ist und eine spannende wie auch beängstigende Erfahrung sein wird." Der Schüler einer elften Klasse erhofft sich viele wichtige Erfahrungen.

"Erfahrung" – dieses Wort fällt während des Treffens beim Berliner Yacht-Club, wo die beiden Jugendlichen Mitglied sind, immer wieder. Und dies nicht nur von ihnen, sondern auch von ihren Müttern. Ulrike Alberg, Mutter von Paula Schütze, sagt: "Es wird für Paula bestimmt eine ganz besondere Erfahrung, für so lange Zeit mit anderen auf so engem Raum zusammenzuleben." In der gesamten Familie habe das Projekt großen Rückhalt. Auch in der Schule, auf die Paula geht, stieß es auf Zustimmung: "Die Erdkundelehrerin etwa war sofort begeistert. Sie sagte, in diesen sechs Monaten lernt man mehr, als in einem ganzen Jahr an der Schule. Der Törn sei wie eine große Exkursion." Andrea Martin, Mutter von Tobias, ergänzt: "Das wird eine prägende Erfahrung und ist ein gut investiertes Jahr." Obwohl sie und ihr Mann mit Segeln sonst nichts am Hut haben, haben auch sie das Projekt sofort unterstützt.

Kein Wunder, das Konzept hinter "Ocean College" ist ausgefeilt: "Die Schüler bekommen im Laufe des Törns immer mehr Aufgaben und Verantwortung an Bord übertragen. Die Schule auf dem Schiff bietet ihnen ideale Lernbedingungen, um zu selbstständigen jungen Erwachsenen heranreifen zu können", erläutert Johan Kegler, Lehrer für Sport, Geschichte und politische Bildung und Initiator des Projektes, der selbst mit an Bord sein wird. Eigentlich wollte er schon im vergangenen Jahr in See stechen, doch fehlten ihm damals ein paar Teilnehmer – nun geht es jedoch nach vielen Hürden endlich los.

Seekrankheit und Müdigkeit, das kontinuierliche Arbeiten im Team und wechselseitige Übernahme von Verantwortung werden für die Jugendlichen in den kommenden sechs Monaten zu den ständigen Begleitern und Herausforderungen gehören. Kegler war während der Planung des Hochsee-Schulprojektes in den vergangenen drei Jahren vor allem eines wichtig: "Lerninhalte sind am Lehrplan orientiert und werden jeweils auf die kulturelle Umgebung abgestimmt." Das bedeutet: Die Schüler sehen sofort, warum sie etwas lernen und welchen praktischen Bezug es hat.

Theoretisches Wissen direkt anwenden

"Einwanderungspolitik der EU auf den Kanaren, Meeresbiologie, Sklavenhandel und Astronomie in Verbindung mit Navigation während der Atlantiküberquerung, die Kultur der Maya und Ökologie im Regenwald in Belize, die Kubakrise auf Kuba und die Landung der Alliierten in der Normandie sind Beispiele für ortsangepasste Unterrichtsinhalte", erläutert er. Dafür hat Kegler allerhand externe Referenten gewinnen können, die Teilabschnitte mitsegeln – etwa einen Mikrobiologen und Berufschullehrer für Biotechnologie und Biologie. Rüdiger Stöhr engagierte sich im Schülerwettbewerb "Jugend forscht" und begleitete zum Beispiel Schüler bis zum Bundeswettbewerb. Der promovierte Biologe ist aktuell für den Verein "OneEarth – OneOcean" tätig und wird an Bord der "Regina Maris" mit den Schülern Wasserproben nehmen und auf ihren Mikroplastikgehalt untersuchen. Von den Schülern wird das Plastik auf die chemische Zusammensetzung untersucht. Das Ergebnis fließt dann in eine Datenbank ein, wo es der Öffentlichkeit in Form einer Plastikmüll-Weltkarte zugänglich gemacht werden soll.

"Mit diesem Konzept des Unterrichts vor Ort wird es vielfach möglich, theoretisches Wissen direkt anzuwenden. Das rotierende System aus Wache, Backschaft, Reinschiff und Schule hat zur Folge, dass der Unterricht in Kleingruppen mit maximal zehn Schülern stattfindet, was eine sehr individuelle Betreuung ermöglicht", sagt Kegler. So bleibt auch noch genügend Zeit, um den Törn selbst in allen Facetten zu genießen – täglich wunderschöne Sonnenuntergänge inklusive.

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