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Einhand über den Atlantik

In zwei Wochen startet die „Mini Transat“ von Frankreich in die Karibik. Für Berliner Segler hat die Regatta eine besondere Bedeutung

„Zweimal pro Nacht werde ich bestimmt aufstehen und auf den Race-Tracker schauen, wo Lina gerade ist.“ Franz Rixgens hat zwar nicht direkt Angst um seine Tochter, kalt lässt ihn die bevorstehende Reise aber nicht. Wie auch: Nur wenige Tage noch, dann wird sich die 22-Jährige auf das bislang größte Abenteuer ihres Lebens einlassen – dann startet sie bei der „Mini Transat“, einer Regatta, die in zwei Etappen von La Rochelle in Frankreich über Gran Canaria in die Karibik führt. Solo, auf kleinen Booten vom Typ Mini Class 6.50, kaum größer als ein VW-Bus.

Es ist das Ziel der Medizinstudentin, als erste deutsche Seglerin die Ziellinie der Transatlantik-Regatta zu überqueren. Sie gilt als die härteste Einhand-Regatta in der Offshore-Klasse Mini 6.50: Die etwa 4000 Seemeilen, rund 7000 Kilometer, von Frankreich über den Atlantik in die Karibik werden allein auf nur 6,50 Meter langen Booten und ohne moderne Kommunikationsmittel gesegelt. Franz Rixgens, selbst Segler, hat seine Tochter bei ihrer Vorbereitung begleitet. „Mehrfach waren wir mit unserer Familie in Frankreich, haben gemeinsam den Rumpf des Schiffes abgeschliffen, haben Probetörns unternommen, haben über alle Eventualitäten gesprochen“, sagt er. Nun aber, wo es tatsächlich losgeht, steigt auch bei dem dreifachen Familienvater die Anspannung. „Ich habe zwar volles Vertrauen in Linas Segel-Fähigkeiten – aber auf einer so großen Reise kann eben immer etwas passieren“, sagt er. Sicher: An Bord gibt es eine Notfallausrüstung – dazu zählen Peilsender oder eine Rettungsinsel. Dennoch: Gerade der Atlantik ist eine Hexenküche und als solche seit jeher gefürchtet.

Dass man eines Tages an diesem Punkt stehen würde, war indes abzusehen. „Schon seit ihrer frühen Jugend ist Lina vom Meer fasziniert, zog es sie hinaus in die Welt“, sagt Rixgens. Von Oktober 2009 bis Mai 2010 war Lina Rixgens bereits Teilnehmerin an dem Projekt „High Seas High School“ auf einem Gaffelschoner und bewältigte mit anderen Jugendlichen mehr als 14.000 Seemeilen auf einem Traditionsschiff von Hamburg nach Mittelamerika und zurück.

Seine Tochter beschreibt Rixgens als abenteuerlustig, aber auch sehr zielstrebig. So ließ sie sich nicht durch Schwierigkeiten von ihrem Vorhaben abbringen, an der „Mini Transat“ teilzunehmen, die bereits große internationale Seglernamen wie den bekannten deutschen Hochseesegler Boris Herrmann hervorgebracht hat – dazu zählte etwa ein notwendiger Qualifikationstörn von La Rochelle nach Irland und zurück über rund 1000 Seemeilen. „35 Knoten Wind und drei bis vier Meter hohe Wellen waren bei diesem Törn an der Tagesordnung“, erinnert sich der Vater. Später schrieb Lina Rixgens selbst: „Es war ein harter und anstrengender Törn, der mich um viele Erfahrungen reicher gemacht hat, mich noch mehr mit dem Boot verbunden und mir noch stärker vor Augen geführt hat, welche Schwierigkeiten das Einhandsegeln birgt.“

Doch auch das Finanzielle war alles andere als einfach. „Rund 100.000 Euro kostet das gesamte Projekt“, sagt Vater Franz Rixgens. Klinken putzen und Sponsorensuche, eigenhändige Arbeiten am Boot, um Geld zu sparen – es gab eine Menge Hürden, die die junge Seglerin zu nehmen hatte. „Es gibt bei so einem Projekt so viele Kleinigkeiten, an die man denken muss, der organisatorische Aufwand ist enorm“, so Rixgens weiter. Richtig glücklich wird er erst sein, wenn er seine Tochter nach rund drei Wochen Solo-Überfahrt dann in der Karibik in die Arme schließen kann – Franz Rixgens und seine Frau Petra Oelschlägel fliegen dazu nach Martinique. „Für uns ist das alles ein riesiges Familienabenteuer.“

Lina Rixgens selbst ist unterdessen in La Rochelle mit den letzten Vorbereitungen für ihren großen Trip beschäftigt – die erste Etappe, die am 1. Oktober startet, wird rund acht bis zehn Tage dauern. „Ich bin schon aufgeregt“, sagt sie, auch wenn sie ihr Boot mittlerweile gut kennt. „Mein Ziel ist es zunächst einmal, gut auf Gran Canaria anzukommen.“ Auch die Biskaya, die sie auf ihrem Weg dorthin durchqueren muss, ist schließlich für manchen Herbststurm gut. Auch hier können sich Wellen auftürmen, die ihren Mini GER 732, ein Serienboot vom Typ Pogo 2 aus dem Baujahr 2008, kräftig durchschütteln können.

Unterwegs für einen Berliner Segelklub

In Berlin wird man diese erste Etappe, aber auch später die Atlantik-Überquerung vor allem in einem Verein gespannt verfolgen – im Verein Seglerhaus am Wannsee. Denn für diesen Klub geht die junge Kölnerin an den Start. Hier in Berlin sind viele Sponsorengelder aufgebracht worden, um das Abenteuer überhaupt erst zu ermöglichen. Frank Butzmann, Geschäftsführer des Klubs, sagt: „Wir wollen damit zeigen, dass wir nicht nur bei olympischen Seglern, sondern auch bei Offshore-Seglern gut aufgestellt sind. Die junge Seglerin ist für uns auch ein Aushängeschild, und wir fiebern mit, dass alles gut klappt, sie vor allem aber wohlbehalten zurückkehrt.“

Überhaupt führen manche Stränge der französischen Segel-Veranstaltung direkt in die Hauptstadt. Mit Jörg Riechers ist schließlich ein zweiter Deutscher bei der „Mini Transat“ dabei, dessen Verbindungen nach Berlin reichen – Riechers ist Mitglied im vor wenigen Monaten gegründeten „Offshore Team Germany“. Er hat bereits eine lange Offshore-Segelvita. 2009 gewann er als erster Deutscher eine große Einhandregatta in der Class Mini. 2010 setzte er seine Siegesserie in der Class Mini fort und fing parallel an, Class 40 zu segeln, um sich auf die berühmte Route du Rhum vorzubereiten. Die Regatta beendete er als bester Deutscher aller Zeiten auf dem sechsten Platz.

Zu diesem Team, das das Hochseesegeln wieder attraktiv machen will, zählen aber auch die Berliner Robert Stanjek und Jens Kuphal als Manager. „Wir haben eigens für die ‚Mini Transat‘ ein Boot vom Typ Mini Class 6.50 entworfen. Das Rennen ist nun erster Teil einer Strategie für alle weltweiten Rennen, an denen wir später teilnehmen wollen“, sagt Riechers. Er glaubt, dass bei der Regatta durchaus ein Platz auf dem Podium im Bereich des Möglichen liegt.