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Mit Seehamstern gegen Plastikmüll

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Oliver Klempert

Immer mehr Wassersportler kämpfen gegen die Verschmutzung der Weltmeere

Frank Schweikert ist unermüdlich. Immer wieder lichtet er Anker auf seinem gelben, weithin sichtbaren Segelschiff, sticht in See für eine gute Sache. „In diesem Jahr werden es 25 Jahre“, sagt er, „Zeit zu feiern.“ Mittlerweile war er schon in der Karibik unterwegs, im Mittelmeer und natürlich auf der Nord- und Ostsee. Doch nach Feiern ist ihm nicht zumute – zu ernst ist das Thema, für das der Biologe und Journalist regelmäßig aktiv wird, für Aufmerksamkeit wirbt und dafür mit seinem Forschungs- und Medienschiff „Aldebaran“, einem Segelschiff vom Typ Sonate Ovni 43, um die Welt segelt. Sein Thema lautet: wissenschaftliche Untersuchung des Zustandes der Meere, ein wichtiger Punkt darunter ist der hohe Verschmutzungsgrad des Wassers durch Plastik und die anschließende Kommunikation.

Auch die gesamte Nahrungskette ist betroffen

Das Schiff ist mit einem kompletten Nass- und Trockenlabor ausgerüstet: Sammelgefäße, Glaskolben, Kescher und Sammelnetze, diverse Aquarien oder ein Planktonnetz, mit dem kleinste Schwebeteilchen aus dem Wasser gefiltert werden können, zählen dazu. „Ein Großteil des Plastikmülls wird über die Flüsse ins Meer gespült, häufig sind es die Reste der letzten Grillparty, achtlos weggeworfene Einwegverpackungen und Zigarettenkippen oder schlicht der Abrieb von Autoreifen“, sagt Schweikert. Es ist ein Thema mit vielen Facetten, sind doch die gesamte Tierwelt sowie die Nahrungskette betroffen – an deren Ende der Mensch steht.

Aufgrund seiner geringen Größe birgt vor allem sogenanntes Mikroplastik ein enormes Gefahrenpotenzial für das maritime Ökosystem und den Menschen. Unter Mikroplastik versteht man alle Plastikteilchen, deren Größe weniger als fünf Millimeter beträgt. „Inzwischen kann man die Partikel in der gesamten Nahrungskette und an jedem beliebigen Ort unserer Ozeane antreffen, sogar bei kleinen Lebewesen wie Muscheln, Krebse oder Plankton fressenden Fischen“, erklärt Schweikert. So hat die Meeresforschungsorganisation Algalita Marine Research Foundation 600 Fische untersucht. In jedem Tier konnten die Forscher mindestens zwei Plastikteile nachweisen, ein Fisch enthielt sogar 36 verschiedene Kunststoffe.

Mehr noch: Im Jahr 2050 könnte in den Meeren die Menge an Plastik die Menge der Fische übersteigen. Zu diesem erschütternden Ergebnis kommen Forscher der Ellen MacArthur Foundation in einer Studie, die das diesjährige Weltwirtschaftsforum in Davos beauftragt hatte. Derzeit gelangen jährlich rund acht Millionen Tonnen Plastik in die Ozeane.

Ellen MacArthur wurde 2001 als 24-Jährige berühmt, als sie bei der Vendée Globe den zweiten Platz belegte. Besser noch in Erinnerung ist die Britin als die schnellste Weltumseglerin auf ihrem Trimaran „B&Q“, als sie 2004 Einhand in 71 Tagen und 14 Stunden die damals schnellste Nonstop-Weltumsegelung hinlegte. Mittlerweile kümmert sich MacArthur jedoch um den Schutz der Meere – ebenso wie Frank Schweikert, vielleicht weil Wassersportler und Segler eine Spur besser wissen, wie es um die größte und wichtigste Naturressource der Welt bestellt ist – nämlich nicht allzu gut, wie Schweikert sagt: „Es ist nicht nur der sichtbare Dreck von der Plastiktüte bis zum Turnschuh, der dem Meer zu schaffen macht, sondern auch eine ganze Reihe von organischen Verbindungen wie beispielsweise Duftstoffe in Duschgels oder die Reste von Medikamenten, die sich in unseren Ozeanen anreichern und massiven Schaden anrichten und sich erst nach Jahrzehnten wieder abbauen.“

So gibt es für Schweikert und sein vierköpfiges Team stets viel zu tun. Aktuell plant der 53-Jährige seine neuesten Aktionen – auf dem Bodensee und der Müritz: Schülerteams erleben zusammen mit Forschern an Bord das faszinierende Thema Umwelt und Wasser. Die Ideen kommen von ausgezeichneten Schülern, die eine automatische Messboje, ein selbstfahrendes Forschungsboot oder einen selbstreinigenden Plastikfilter für die Waschmaschine entwickelt haben und diese Dinge an Bord ausprobieren.

Auch Segler werden zunehmend aktiv, wenn es um „ihre“ Ozeane geht: „One Earth – One Ocean“ heißt ein Umweltverein aus München, der im Rahmen der „Love your Ocean“-Initiative auf der Messe „Boot“ in Düsseldorf ihren „Seehamster“, einen Müllsammel-Katamaran mit absenkbarem Netz zwischen den beiden Rümpfen, vorstellte, mit dem der Müll aus dem Meer gefischt wird. Günther Bonin, Vorstand von „One Earth – One Ocean“, selbst Segler, sagt: „Von dem ‚Seehamster‘ gibt es bereits vier Stück. Und wir sind besonders stolz auf die große Schwester: ‚die Seekuh‘. Dieses Schiff ist zehn Meter breit und zwölf Meter lang und soll im Mai in Hongkong eingesetzt werden.“ 60 Prozent des Plastikmülls in den Ozeanen komme schließlich aus Asien. Dann fügt er hinzu: „Letztlich brauchen wir eine maritime Müllabfuhr.“

Dabei ist das Thema nicht neu. Schon seit Jahren machen Segler mit aufsehenerregenden Aktionen auf das Problem aufmerksam. So segelte David de Rothschild, Öko-Aktivist, Extremsportler und Spross der britischen Bankiersfamilie, 2010 mit einem selbst gebauten 20 Meter langen Katamaran, der fast ausschließlich aus 12.500 miteinander verschnürten, ausgedienten Plastikflaschen bestand, über den Pazifik. Von San Francisco ging es nach Sydney. Rothschilds Müllschiff-Idee trug den Namen „Plastiki“, in Anlehnung an das Floß „Kon-Tiki“ des Norwegers Thor Heyerdahl.

Es sind Aktionen, die weltweit mittlerweile das Bewusstsein für das Pro­blem geschärft haben – und die Nachahmer finden. Eine der heute bekanntesten Meeresaktivistinnen ist die Plastikmüll-Expertin und Expeditionsleiterin Emily Penn. Die Britin, die im vergangenen Jahr für ihr Engagement mit dem sogenannten „Seamaster“-Award ausgezeichnet wurde, war durch einen Werbefilm bekannt geworden, der die junge Skipperin an Bord des Stahlschiffs „Sea Dragon“ zeigte. Der Clip mit dem Titel „Apps we can’t live without“ machte sie zum Internetstar. Für die Meere kämpft die heute 28-Jährige mit ihrer Organisation „Pangaea Exploration“.

„Wir zeigen die Ecken der Welt, wo es Probleme gibt“, sagt Penn. Zerstörte Korallenriffe, Überfischung und eben die riesigen Plastikmüll-Teppiche, die im Meer umhertreiben und die Ozeane verschmutzen. Penns Motto: Wer die Probleme nicht kennt, kümmert sich nicht darum. Ihr Ziel: Menschen mit dem Ozean zu verbinden. „Auch solche, die sonst nie Gelegenheit dazu hätten.“