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Einmal Atlantik für alle

Bei der „Atlantic Rally for Cruisers“ darf jeder mitfahren und den Ozean auf eigenem Kiel bezwingen. Drei Jahrzehnte nach dem ersten Start hat das Abenteuer nichts von seinem Reiz verloren

"Albatros natürlich." Manfred Kerstan lächelt, als er die Frage nach dem Namen seines neuen Schiffes beantwortet. Der Berliner steht am Heck seines Segelbootes und blickt über die Marina mit Hunderten Booten in Las Palmas auf Gran Canaria hinweg. Am morgigen Sonntag geht es für einen Teil der "Atlantik"-Segler los, dann wird auch bei ihm wieder das Segel-Fieber steigen, wie jedes Jahr. Zwar wird Manfred Kerstan erst knapp zwei Wochen später in See stechen, dennoch: Wenn bei der "Atlantic Rally for Cruisers" die ersten Teilnehmerschiffe die Segel setzen, dann weiß Kerstan: Jetzt wird es Zeit, an Deck alles klarzumachen, alle Vorbereitungen abzuschließen, sich einzustimmen auf den großen Sprung "über den Teich".

Mit 80 Jahren macht sich ein Berliner erneut auf den Weg

Es wird dann das zweite Mal sein, dass der Berliner Kerstan – mittlerweile 80 Jahre alt – mit seiner neuen Oyster 825 bei der "Atlantic Rally for Cruisers" auf große Fahrt über den Atlantik geht. Das ist natürlich nur die halbe Wahrheit – denn in Wirklichkeit ging Kerstan schon sage und schreibe 21 Mal bei dieser Rallye an den Start. "Albatros", so heißen seit Jahrzehnten alle seine Schiffe, im vergangenen Jahr hatte er sich sein neues Boot zugelegt.

Es ist ein Segelschiff der Superlative. Es ist über 25 Meter lang und es können zwölf Segler mitfahren. Jede Kabine besitzt eine eigene Toilette und Dusche. Unter Deck gibt es zudem jeglichen Komfort, wie eine voll ausgestattete Küche, mehrere Tiefkühlschränke sowie eine Musikanlage, die keine Wünsche offen lässt. Den Namen "Albatros" für seine Schiffe hatte Kerstan vor Jahrzehnten ganz bewusst gewählt: Der Vogel ist der geborene Langstreckenflieger.

Kein Wunder ist es daher, dass Manfred Kerstan bei der "Atlantic Rally for Cruisers" nur noch "Mr. ARC" genannt wird – und es sind zum Beispiel seine vielen Teilnahmen, die die Regatta zu etwas Besonderem in der internationalen Segelszene gemacht haben. Jedes Jahr im November stechen zwischen 250 und 300 Schiffe mit Hunderten Seglern an Bord gemeinsam in See, um den Atlantik zu bezwingen. Von Gran Canaria aus geht es zunächst nach Süden, bis "an Deck die Butter schmilzt", wie es unter den Seefahrern heißt. Dann in einem Rutsch rüber über den Atlantik in die Karibik nach St. Lucia. Es gibt zwei Starts. Die erste Gruppe startet morgen mit 75 Schiffen und segelt nach Mindelo auf den Kapverden, das rund 850 Seemeilen südwestlich von Gran Canaria liegt. Nach einem etwa fünftägigen Zwischenstopp mit Landausflügen geht es dann weiter nach Saint Lucia. Eine zweite Gruppe mit rund 225 Schiffen startet zwei Wochen später und nimmt ohne Stopp direkt Kurs nach Saint Lucia, unter ihnen Kerstan.

Im Jahr 1986 war die Regatta das erste Mal durchgeführt worden – und nach 30 Jahren ihres Bestehens hat sie mittlerweile "Kultstatus" und einen festen Platz im Herzen der weltweiten Segelfans. Nirgendwo sonst kann man schließlich auf so sichere Weise das Abenteuer Ozeanüberquerung auf eigenem Kiel angehen – da die Schiffe gemeinsam starten, zieht sich während der zwei bis drei Wochen dauernden Überfahrt ein Schiffskonvoi über den Südatlantik, bei dem man nie wirklich allein und das nächste Schiff meist nur wenige Seemeilen entfernt ist. Auf diese Weise können die Teilnehmer einander zur Hilfe eilen, falls dies nötig sein sollte. Dennoch wird jede Crew allein mit Wind, Wetter und Wellen kämpfen – und ihr eigenes persönliches Abenteuer erleben. Rund 2700 Seemeilen müssen bewältigt werden.

Flauten oder ruppiges Seewetter erwarten die Segler

Dabei gilt: Die Teilnahme an der "Atlantic Rallye" ist zunächst einmal auch ein Risiko. Rettungsinsel, Signalmittel, Schwimmwesten und Notfunkbojen zur Positionsbestimmung zählen deshalb zur Standardausrüstung. Schließlich ist zwar alles plan-, aber nicht alles kalkulierbar. Und dies schon gar nicht mitten auf dem Atlantik, der sich über jede Klimazone erstreckt, die es auf der Welt gibt – von eiskalten Polarzonen rund um Nord- und Südpol bis hin zum Äquator. So können Flauten die Segler über Tage fest im Griff haben wie ausgewachsene Stürme oder ruppiges Seewetter. Die Passatwinde, die die Segler einerseits gemütlich vorantreiben, sind schließlich gleichzeitig die Geburtsstätte heftiger Stürme, die später als Hurrikane in der Karibik und im Süden der USA für Verwüstungen zu sorgen.

Ist das Wetter jedoch gut, so herrscht auf den Teilnehmerschiffen meist eine gelöste Stimmung – die Regatta wird nicht ganz so bierernst genommen, gleicht eher einem Familienfest auf hoher See. Vielfalt wird großgeschrieben – und dies gilt auch für die Yachten selbst: Von Decksalonyachten bis zu Racern, die besonders schnell segeln, ist alles dabei. Neben Serienbooten gibt es Holzschoner und Yachten aus Karbon. Gleich 40 Katamarane gehen in diesem Jahr an den Start. Kurzum: Einen bunteren Querschnitt durch die internationale Bootsbaubranche findet man nirgends – die Rallye ist das größte Fahrtensegler-Event der internationalen Szene. Interessant wird in diesem Jahr zu sehen, ob die erst im vergangenen Jahr aufgestellte Rekordzeit für die Atlantiküberquerung auf einer Rennyacht von acht Tagen, sieben Stunden und 39 Minuten unterboten werden kann.

Nicht zuletzt: An der Regatta lässt sich auch die Entwicklung des Bootsbaus über die Zeit ablesen. Noch im Jahr 1986 navigierten viele Yachten mit Sextant und Karte. Nur eine Minderheit nutzte die damals noch unzuverlässige Satellitennavigation. Auch Langstreckenkommunikation war noch nicht verpflichtend. Das bedeutete: Waren die Yachten einmal außer Sicht des Landes, waren sie auf sich gestellt.

Auch der Berliner Manfred Kerstan kennt diese Zeiten noch – segelte er in den 70er-Jahren doch schon einmal um die ganze Welt und war auch 1986 bei der ersten Auflage der Rallye mit dabei. "Die damalige Segelei ist mit der heutigen nicht mehr zu vergleichen", sagt er. Komfortabler sei es natürlich geworden und sicherer auch. Gleichwohl: Ein Abenteuer sei es auch bis heute immer noch. "Schon oft habe ich gedacht: Dies ist nun aber meine letzte Teilnahme an der Atlantic Rally", sagt er. "Aber dann melde ich mich doch wieder an."

In wenigen Tagen geht es auch für Kerstan endlich wieder los und er fügt hinzu: "Es ist wie eine Sucht." Eine Sucht nach Meer.

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