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Einmal um die Welt pro Jahr ist nicht genug

Wenn das Wetter passt, will Segler Boris Herrmann erneut versuchen, den Rekord bei der „Jules Verne Trophy“ zu brechen

„Ich habe hier noch eine Rechnung offen und die Möglichkeit, vielleicht schnellster Segler der Welt zu werden. Die Chance will ich unbedingt nutzen.“ Boris Herrmann, Deutschlands bekanntester Hochseesegler, kann die Frage, warum er erneut auf eine Hatz um die Welt geht, ohne Umschweife beantworten. Seit wenigen Tagen ist er auf „Standby“, kann nun jederzeit einen Anruf erhalten, dass es losgeht. Dann muss der Hamburger Segler seine Sachen schnappen und sofort nach Frankreich an die Atlantikküste rasen. Nur Stunden später kann er dann bereits draußen auf dem Wasser sein. „Ich bin jederzeit bereit, sitze sozusagen auf einer gepackten Tasche“, so der 35-Jährige.

Anders gesagt: Wenn der Wind aus der richtigen Richtung weht und damit ein passendes Wetterfenster öffnet, muss Herrmann alles stehen und liegen lassen. Dann heißt es von jetzt auf gleich: „Alle Mann an Bord. Jeder besetzt seine Position.“ Herrmann, der als Navigator dann in Brest auf die „Idec Sport“ steigt, ist dort für die Routenplanung zuständig. Erklärtes Ziel des Teilnehmers bei der „Jules Verne Trophy“ ist es, die schnellste Weltumsegelung aller Zeiten hinzulegen. Genau 45 Tage, 13 Stunden, 42 Minuten und 53 Sekunden gilt es zu schlagen – das ist der aktuelle Rekord, der bei dem Rennen im Jahr 2012 von dem Franzosen Loïck Peyron aufgestellt worden war. Boris Herrmann ist Teil einer sechsköpfigen Crew rund um Herausforderer und Skipper Francis Joyon, einen der bekanntesten Hochseesegler weltweit.

Mit bis zu 80 Kilometernpro Stunde durch die Wellen

Herrmann weiß dabei genau, worauf er sich einlässt. Denn es ist erst wenige Monate her, Anfang Januar, da war er von ebendiesem Abenteuer erst zurückgekehrt – doch nun will er es unter Skipper Joyon noch einmal wagen. Schließlich hatte die Crew auf ihrem Boot, der „Idec Sport“, den Rekord damals knapp verpasst – die Segler waren nur zwei Tage langsamer, etwas, das sie zunächst verdauen mussten, sie gleichzeitig aber anspornte, es noch einmal zu versuchen. „Schon weit vor dem Ziel, als in einer ausgedehnten Flaute absehbar wurde, dass der Rekord nicht zu knacken sein würde, wurde an Bord darüber gesprochen, es später noch einmal zu versuchen“, sagt Herrmann – nun, zehn Monate später, ist es so weit.

Die vorherige Reise ist ihm dabei noch gut in Erinnerung, denn es ist ein harter Alltag, den die Segler auf See meistern müssen. „Nach 4,5 Stunden an Deck geht es – wenn nicht gerade ein Manöver ansteht – unter Deck“, erklärt Herrmann. Nach einer Mahlzeit aus Gefriergetrocknetem wird die nächste Wache geweckt. Dann legt sich die letzte Schicht für maximal 2,5 Stunden in die Koje, manchmal bleibt auch nur eine Stunde übrig.

„Durch unseren Rhythmus stehen wir uns wenig gegenseitig auf den Füßen und segeln im Grunde wie lauter Einhandsegler über die Meere“, so Herrmann. Man sei fast immer allein. Stürme, Flauten, Kältezonen – all das werden die Segler größtenteils mit sich selbst ausmachen müssen. Mit bis zu 80 Kilometern pro Stunde – ein irrsinniges Tempo auf dem Wasser – wird der sogenannte Maxi-Trimaran unterdessen fast pausenlos durch die Wellen jagen, über Wochen wird Gischt um Gischt über das Schiff waschen, es sind Umstände, die Menschen an physische und psychische Grenzen bringen. Gleichwohl: „Die Herausforderung und die Möglichkeit, an so einem Rennen teilzunehmen, ist so selten, da kann man einfach nicht Nein sagen“, so der Hamburger. Der neue Rekordversuch wird bereits seine vierte Weltumsegelung sein.

Herrmann ist einen langen Weg gegangen, um so weit zu kommen und um zu den gefragtesten Hochseeseglern der Welt zu zählen. Seit er mit 18 Jahren bei der „Mini-Transat“ allein über den Atlantik segelte, sucht er stets neue Abenteuer auf See. „Bis heute habe ich den Spaß daran nicht verloren. Vor allem das Zusammentreffen verschiedener Nationalitäten auf engstem Raum, die gemeinsam an einem Ziel arbeiten, fasziniert mich“, sagt er. Neben dem Deutschen sind der beste Schweizer Hochseesegler Bernhard Stamm, der Spanier Alex Pella sowie zwei Franzosen mit an Bord. Joyon setzt auf die exakt gleiche Mannschaft wie beim ersten Mal vor knapp einem Jahr. Skipper Francis Joyon war denn auch voll des Lobes über den Deutschen nach dem letzten Nonstop-Rekordversuch: „Boris segelt viel mit Crews, hat aber auch sehr viel Soloerfahrung, insofern passt er gut zu uns. Er ist ein sympathischer, freundlicher Mensch, der unglaublich viel kann. Er hat reichlich Erfahrung.“

Negative Emotionen werden an Bord abgeschaltet

Herrmann freut dieses Lob, und er geht das neue Abenteuer daher entspannt, wenn auch hochkonzentriert an. „Man kann das Wetter ohnehin nur für die ersten zehn bis zwölf Tage verlässlich vorhersagen, danach müssen wir dann auch auf unser Glück vertrauen“, sagt er. Angst davor, dass er sein Ziel auch dieses Mal nicht erreicht und der Rekord wieder nicht geknackt wird, hat Herrmann nicht. „Solche negativen Emotionen schalte ich an Bord ab“, sagt er. Neben der Rekordjagd freut er sich vor allem wieder auf das Leben auf hoher See. „Man ist dort in einer anderen Welt, lebt meist ganz im Moment. Das Zeitgefühl geht verloren. Irgendwann bekommt man dann eine ganz neue Perspektive auf das eigene Leben an Land. Was wichtig und unwichtig ist, erscheint aus der Ferne klarer.“

Dabei könnte es dieses Mal tatsächlich klappen mit dem neuen Rekord: Beim vorherigen Versuch war neben Francis Joyon auch der Franzose Yann Guichard auf seinem Maxi-Trimaran „Spindrift“ an den Start gegangen – gesegelt wurde damals also nicht nur gegen die Zeit, sondern auch noch gegen einen Gegner, der zudem ein etwas größeres und schnelleres Boot besaß. Zwar sah es bis vor Kurzem so aus, als würde auch die „Spindrift“-Crew zeitgleich einen neuen Versuch wagen, nun hat sie das Duell jedoch abgesagt – gut für Joyon und seine Crew, da so ein wenig Druck von ihnen genommen wird. Beim letzten Rekordversuch rasten beide Schiffe oft nur wenige Seemeilen voneinander entfernt über die Ozeane, belauerten sich gegenseitig. Für Zuschauer an Land war das spannend, für die Segler erhöhte es den Stresslevel. Das fällt nun weg. Weiterhin: Leicht verbesserte Segel sowie ein größerer Spritzschutz über dem Steuerstand sind die einzigen baulichen Verbesserungen, die am Schiff selbst vorgenommen wurden – wenn Herrmann an Bord zurückkehrt, wird es sich für ihn so anfühlen, als wäre er nie weg gewesen.

Aktuell versucht Herrmann sich auf einen „mentalen Energiesparmodus“ einzustellen, wie er sagt. Denn: „Es ist eine lange Anspannung, die vor uns liegt. Je gelassener man da rangeht, desto länger hat man Power.“ Es ist also alles vorbereitet für einen neuen Rekordversuch, wobei sowohl Francis Joyon als auch sein Navigator Boris Herrmann wissen, dass man im Durchschnitt drei Anläufe braucht, bis es einmal klappt mit einem neuen Rekord bei der „Jules Verne Trophy“. An ein drittes Mal will bis jetzt aber noch niemand denken.

Der Autor des Romans „In 80 Tagen um die Welt“, Jules Verne, ist Namensgeber der Segelhatz. Doch anders als in dem Buch, in dem der englische Gentleman Phileas Fogg einst um die Welt raste, um eine Wette zu gewinnen, und die damals unvorstellbar kurze Zeit von 80 Tagen dafür benötigte, ist es heute möglich, mit dem Segelboot in knapp der Hälfte der Zeit die Welt zu umrunden.