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Das größte Abenteuer seines Lebens

Der deutsche Segler Boris Herrmann jagt von Rekord zu Rekord. Beim nächsten wird es härter als jemals zuvor

„Wenn das Wetter stimmt, kann es jederzeit losgehen.“ Boris Herrmann ist aufgeregt – und das will etwas heißen. Wenige Tage nur ist der Topsegler in Deutschland, dann kehrt er nach Frankreich zurück, um dort das vielleicht größte Abenteuer seines Lebens zu beginnen. Ihn erwarten ausgedehnte Stürme, Kältezonen, Übermüdung, Schuften bei Wellengang bis zum Umfallen – die „Jules Verne Trophy“ wird dem Segler alles abverlangen. Dabei ist der Segler schon vieles gewohnt – zweimal ist er schließlich bereits um die Welt gesegelt. Doch diesmal wird es noch härter.

„In 80 Tagen um die Welt“ – jeder kennt dieses Buch von Jules Verne. Doch anders als in dem Roman, in dem der englische Gentleman Phileas Fogg zu Land, zu Wasser und in der Luft einst mit den verfügbaren schnellsten Verkehrsmitteln um die Welt reiste und die damals unvorstellbar kurze Zeit von nur 80 Tagen dafür benötigte, ist es heute möglich, allein mit dem Segelboot einen Rekord aufzustellen – und zwar in knapp der Hälfte der Zeit.

Denn das ist das erklärte Ziel der „Jules Verne Trophy“. 45 Tage, 13 Stunden, 42 Minuten und 53 Sekunden – das ist der aktuelle Rekord, der 2012 von dem Franzosen Loïck Peyron aufgestellt wurde. Nun will es wieder ein Franzose wagen, den gegenwärtigen Rekord zu unterbieten. Zur sechsköpfigen Crew von Herausforderer und Skipper Francis Joyon zählt dabei auch der deutsche Erfolgssegler Boris Herrmann.

Der 34-Jährige kann vonseinem Segelsport leben

Nur wenige Wochen ist es erst her, dass Herrmann einen Rekord für die Geschichtsbücher aufstellte – er hatte als erster Deutscher auf einem Regattaboot unter dem chinesischen Skipper Guo Chuan die Nordostpassage geknackt. Doch für Herrmann scheint es keine wirkliche Pause zu geben, denn nun will er mit dem Team des Franzosen in weniger als 45 Tagen die Welt umrunden.

Dafür steht der 31,50 Meter lange und bis zu 80 Kilometer pro Stunde schnelle Trimaran „IDEC Sport“ auf Stand-by, um je nach Windvorhersage am Ausgang des englischen Kanals jeden Tag zu starten. „Es gibt vielleicht eine Handvoll ungekrönter Königsdisziplinen im Hochseeyachtsport, diese gehört ganz sicher dazu“, sagt Herrmann über die Trophy. Für Navigator Herrmann ist es eine Regatta auf vertrautem Terrain, denn er kennt das Schiff bereits. Unter dem Namen „Lending Club 2“ hatte er auf ihm in diesem Jahr den Trans-Pazifik-Rekord von Los Angeles nach Hawaii gebrochen.

Neben Deutschlands bekanntestem Segler Jochen Schümann und ein paar anderen ist Herrmann einer von einer Handvoll deutscher Segler, die von ihrem Sport professionell leben können. „Ich werde angefragt, für konkrete Projekte eingekauft und auf Tagesbasis bezahlt“, erklärt Herrmann. Wird das Projekt erfolgreich abgeschlossen und er hat seine Sache gut gemacht, folgt das nächste Projekt. „Auf diese Weise ist man weltweit auf verschiedenen Booten unterwegs und stellt sich unterschiedlichen Herausforderungen.“

Kehrseite der Medaille: Herrmann ist dafür fast das ganze Jahr unterwegs. „In diesem Jahr war ich vielleicht fünf Wochen daheim in Hamburg“, sagt er. Auf rund 250 Tage wird sich in diesem Jahr seine Reisezeit addieren. „Man ist lediglich für die Dauer des jeweiligen Projektes auf den Schiffen“, sagt Herrmann. Bei den millionenschweren Projekten sei dies aber nichts Ungewöhnliches und längst Usus in der Branche: „Eigner und Skipper suchen sich die Leute zusammen, die sie für ihre Projekte benötigen, da sie anders nicht zu stemmen wären“, erklärt Herrmann.

Ohne Zusammenarbeit und Rücksichtnahme geht nichts

Für Herrmann selbst gilt: Seit er im zarten Alter von 18 Jahren bei der „Minitransat“ allein über den Atlantik segelte, sucht er stets neue Herausforderungen. Vor allem in den vergangenen Jahren wurde Herrmann in der internationalen Segelszene immer bekannter, sodass er sich heute fast aussuchen kann, wo er mitfahren möchte. „Bis heute habe ich den Spaß daran nicht verloren. Es sind vor allem die Kontraste zwischen Land und See oder das Zusammentreffen verschiedener Nationalitäten auf engstem Raum, die gemeinsam an einem Ziel arbeiten, die mich faszinieren“, sagt er.

Denn ohne Zusammenarbeit und Rücksichtnahme geht nichts: Unterwegs ist das Leben ausgesprochen spartanisch. Die Crew schläft abwechselnd in kurzen Abschnitten. Gefriergetrocknete Trekkingmahlzeiten werden mit entsalztem Seewasser aufgekocht. Privatsphäre gibt es praktisch nicht. Fünf Mann an Bord gehen einen dreistündigen Wachrhythmus. Der Skipper ist wachfrei. Alle müssen das Boot steuern, trimmen und Segel wechseln. Neben dem Deutschen sind der beste Schweizer Hochseesegler Bernhard Stamm, der Spanier Alex Pella sowie zwei weitere Franzosen mit an Bord.

Der 34-jährige Herrmann zeigt sich kämpferisch: „Wir sind 24 Stunden lang im Wettkampfmodus“, sagt er. „Wir setzen auf eine hohe Geschwindigkeit auch bei schwächeren Winden, die es zwischendurch immer mal gibt. Dafür haben wir das Boot so leicht wie möglich ausgestattet.“ Auch Skipper Francis Joyon, der aktuell mit 57,5 Tagen den Solo-Weltrekord nonstop um die Welt hält, ist zuversichtlich, da er mit Herrmann „einen der besten Navigatoren an Bord hat, die es gibt.“

Ein anderer Segler, der auf diese Weise sein Leben finanziert, indem er von Projekt zu Projekt springt, ist der Köpenicker Robert Stanjek – als „Allrounder“ ist er sowohl auf kleineren als auch auf größeren Schiffen unterwegs.

So segelte er in der vergangenen Saison als Steuermann auf der „Esimit Europa 2“, einer großen europäischen Segelrennyacht. Oft ist Stanjek aber auf einem wesentlich kleineren Drachen unterwegs, wird von Crews für Regatten auf dem Dreimann-Kielboot eingekauft: „80 bis 100 Tage segele ich Drachen“, sagt Stanjek. Er wird vor allem deshalb geholt, damit die Eigner ihre Siegeschancen verbessern.

Einer Meinung ist Stanjek dabei mit Boris Herrmann in einem bestimmten Punkt. „Man darf die Dinge nicht nur aus Geldgründen machen. Man muss sie auch machen wollen, wenn man kein Geld dafür bekommen würde“, sagt Herrmann. Es dürfte daher nur eine Frage der Zeit sein, bis Boris Herrmann bei dem Rennen „Volvo Ocean Race“ oder bei der legendären Einhand-Regatta um die Welt, der „Vendée Globe“, an den Start geht.

Den Traum der Teilnahme am „Volvo Ocean Race“ teilt er dabei mit Robert Stanjek.

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