Surfen

Bretter, die die Welt bedeuten

Nächstes Wochenende findet auf dem Wannsee das Bundesligafinale im Surfen statt – ein erst zwölfjähriger Surfer mischt die Szene auf.

Die "Windanna" liegt ruhig am Steg auf dem Wannsee vor der Insel Schwanenwerder. Dirk Meyer, Vorsitzender des Windsurfing Vereins Berlin, läuft mit großen Schritten über das Schiff – er trifft letzte Vorbereitungen für das anstehende Ereignis am nächsten Wochenende. Denn dann wird rund um das ungewöhnlichste Vereinsheim Berlins das wichtigste Surfertreffen Deutschlands stattfinden, mehr noch: Berlin wird zur Windsurfing-Hauptstadt der Republik. Dann lädt der Windsurfing Verein Berlin traditionell gemeinsam mit der Seglervereinigung 1903, einem Segelklub, der gleich nebenan sein Vereinsgelände hat, zum Bundesligafinale der Windsurfer 2015 ein.

"Zum letzten Mal richtete unser Verein vor zehn Jahren das Bundesligafinale der Windsurfer aus. Nun ist es wieder soweit. Wir erwarten zirka 30 Teams, dass heißt bis zu 100 Teilnehmer aus ganz Deutschland, die dann auf der Havel ihr Können zeigen", sagt Meyer. Die bundesweiten Qualifikationsregatten für das Bundesligafinale hatten von April bis Juni stattgefunden. Nach Ausscheidungsregatten hat sich die Spreu vom Weizen getrennt – und die Besten steigen nun in Berlin auf ihre Bretter.

Das klingt ungewöhnlich: eine wichtige Surfmeisterschaft auf einem Binnengewässer. Normalerweise würde man solch einen Wettbewerb eher an der Nord- oder Ostsee vermuten. Doch Meyer entgegnet: "Das Revier der Havel ist im Gegenteil sehr geeignet, weil die Windbedingungen sehr herausfordernd sind – taktisches Surfen und Gleiten ist so in vielfältiger Weise möglich. Aufgrund vieler drehender Winde gewinnt hier der beste Allround-Surfer."

Älteste Teammeisterschaft im Windsurfen weltweit

Zehn Wettfahrten sind insgesamt ausgeschrieben. Dabei ist die seit 1988 vom Deutschen Segler Verband durchgeführte Surf-Bundesliga die älteste Teammeisterschaft im Windsurfen weltweit. "Auch wenn das Reglement immer wieder geringfügig angepasst wurde, so ist doch eines gleich geblieben – vier Surfer eines Vereins starten in einem Team und fahren gegen die Konkurrenten aus den anderen Vereinen. Je Wettfahrt kommen die besten zwei Fahrer eines Teams in die Wertung. Taktische Überlegungen ermöglichen es dabei auch den Fahrern eines Teams, die in einer Wettfahrt nur an dritter oder vierter teaminterner Stelle liegen, die Wertung zu beeinflussen, indem sie versuchen, die Fahrer der Konkurrenzteams mit fairen Mitteln auszubremsen. "So finden permanent spannende Positionskämpfe statt", sagt Meyer.

2015 ist sogar ein Jubiläumsjahr – der Wettbewerb feiert sein 25-jähriges Bestehen. Außerdem ist die Surf-Liga mittlerweile Hauptmotor für die Aktivitäten der Binnenseeregatten neben dem offiziellen olympischen Bereich. Die Vereine haben ein gutes Betätigungsfeld für Wettkampfaktivitäten, und die Surfer sind motiviert, da sie einerseits in Gruppen trainieren und antreten und andererseits persönliche Erfolgserlebnisse haben. Mehr noch: Surfen hat damit schon vor über zwei Jahrzehnten vorgemacht, wie ein gelungener nationaler Wettbewerb auf dem Wasser aussieht – Segeln besitzt erst seit wenigen Jahren eine eigene Bundesliga.

Einer, auf dem in diesem Jahr beim Bundesligafinale ganz besonderes Augenmerk liegt, ist der erst zwölfjährige Felix Kupky, Mitglied im Windsurfing Verein Berlin – und aktuell deutscher Jüngstenmeister in der Klasse U15. Gegen die nationale Konkurrenz hatte sich Kupky vor Warnemünde in der ersten Juliwoche bei schwierigen Bedingungen mit hohen Wellen und starkem Wind durchgesetzt. Selbst bis zu zwei Jahre ältere Surfer kamen mit den Bedingungen nicht besser zurecht, sodass Kupky zwar überraschend, aber souverän gewann. Nun will der Zwölfjährige versuchen, gemeinsam mit seinen Mannschaftskameraden die Surfsaison 2015 als Doppelmeister zu beenden.

Das Surfen erlernte Kupky in Hamburg und an der Ostsee, bevor er im vergangenen Jahr nach Berlin zog und sich hier den Surfern auf der "Windanna" anschloss. Dabei steckt er noch voll im Lernprozess: "Im Moment übe ich vor allem das Pumpen, damit ich auch bei wenig Wind weit vorne fahre", sagt er. Neben Trainingslagern in Frankreich und Bayern absolviert Kupky auf der "Windanna" sein Trainingspensum. Nächstes Jahr möchte er bereits den internationalen Anschluss schaffen und bei der Jüngsten-Europameisterschaft und -Weltmeisterschaft antreten. "Mir gefällt das Surfen besser als das Segeln, weil man sich mehr bewegt, und mir kommt es so vor, als wenn man direkter mit dem Wind arbeiten kann", so der Zwölfjährige.

Felix Kupky ist ein Nachwuchssportler, wie man ihn sich beim Surfsport wünscht. "Surfer spielen bis heute in den Vereinen nur eine untergeordnete Rolle", sagt Meyer. Umso verwunderlicher ist es da, dass ausgerechnet die Surfer wohl eines der ungewöhnlichsten Bootshäuser Berlins besitzen: Einen neun Meter breiten und 35 Meter langen Ponton mit zwei Decks, festgemacht in einer der schönsten Ecken Berlins – die "Windanna". Direkt vor dem Boot ankern Segelboote in der Bucht vor der Insel Schwanenwerder. Fast lässt sich bei schönem Wetter so etwas wie Karibikflair erahnen.

Ein schwimmendes Mehrgenerationenhaus

Nicht nur Kinder und die Jugend werden davon angezogen. "Bei uns gibt es wöchentlich auch eine eigene Senioren-Surf-Regatta. Wir sind sozusagen ein schwimmendes Mehrgenerationenhaus", erklärt Meyer. Dass der Club damit über die Jahre etwas geschaffen hat, was man sonst nur selten in der Hauptstadt findet, wissen alle Mitglieder. Schließlich leiden die Berliner Segelvereine allgemein unter einer Überalterung – Windsurfen könne die Basis in der Segel-Wassersportausbildung sein und mehr junge Leute aufs Wasser locken.

"Alle Geschwindigkeitsklassen im Segeln könnten profitieren", ist Meyer überzeugt. "Eigentlich müssten alle Opti-Segler auch Windsurfen können. Das ist sportwissenschaftlich gut fürs Gleitgefühl, das Gefühl für den Wind und die Welleneigenschaften. Surfen baut Hemmschwellen ab und führt zur Talentfindung etwa bei den Vorschotern in Zweimannbooten, die ja das Gefühl im Hängen haben müssen." Und ein guter Teamgeist, so zeigt das kommende Bundesligafinale, spielt ebenfalls eine entscheidende Rolle.

© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.