Verbraucherschutz

Darf eine Inkassofirma von mir so hohe Summen fordern?

Ein ungedeckter Scheck kann unangenehme Folgen haben. Inkassounternehmen treiben das Geld für die Geschädigten ein und schlagen kräftig auf die eigentlich ausstehenden Summen auf. Nicht immer zu recht.

Heinrich S., Schöneberg: Ich habe in einem Supermarkt eine Rechnung von 8,20 Euro mit meiner EC-Karte beglichen und nicht bemerkt, dass die Karte nicht gedeckt war. Im Laden gab es keine Beanstandungen. Einige Zeit später erhielt ich Post von einer Inkassofirma mit einer Forderung von 80 Euro. Alle meine Versuche, direkt beim Supermarkt anzurufen oder dort meine Rechnung nachträglich zu begleichen, gingen ins Leere. Der Supermarkt hatte die Rechte sofort an die Inkassofirma „verkauft“. Darf eine Inkassofirma solch horrende Forderungen stellen?

Eva Bell: Sie sind zu recht geschockt: Die Forderung des Inkassobüros ist fast zehnmal so hoch wie die ursprüngliche Rechnung über 8,20 Euro. Aber: Nicht in jedem Fall sind Inkassokosten oder deren Höhe berechtigt.

Grundsätzlich können Inkassokosten nur unter bestimmten Voraussetzungen in Rechnung gestellt werden. Verbraucher müssen für Verzugsschäden nur dann aufkommen, wenn sie mit einer Zahlung überhaupt in Verzug geraten sind. Nach dem Gesetz liegt ein solcher Verzug dann vor, wenn eine Forderung nicht bezahlt wurde, obwohl sie fällig war. Außerdem muss der Schuldner vorab eine Mahnung erhalten.

In Ausnahmefällen ohne Mahnung in Verzug

Das Gesetz sieht jedoch auch Ausnahmen vor, in denen Verbraucher auch ohne Mahnung in Verzug geraten können. Beispiel hierfür ist ein Fall, bei dem ein Kunde getankt, dann aber nicht bezahlt hatte. Bei diesem anonymen Massengeschäft sei eine Mahnung ohne erheblichen Aufwand nicht mehr möglich, urteilte daraufhin der Bundesgerichtshof.

Der Tankstellenbetreiber durfte daher dem Kunden ohne vorherige Mahnung die Kosten für die Ermittlung seiner Adresse in Rechnung stellen. Ob diese Rechtsprechung auch auf Ihren Fall anwendbar ist, ist nicht geklärt. Falls ja, sind Sie dadurch, dass Ihr Konto nicht gedeckt war, in Verzug geraten und müssen für die Folgeschäden aufkommen. Dies können auch Kosten für ein Inkassounternehmen sein.

Anwaltsgebühr als Kostengrundlage

Eine andere Frage ist die Höhe der Inkassogebühren: Grundsätzlich können die Unternehmen nur die Kosten abrechnen, die ein Rechtsanwalt für die gleiche Tätigkeit verlangen dürfte. Dies geht auf eine Gesetzesänderung aus dem Oktober 2013 zurück. Seither lässt sich leider feststellen, dass Inkassounternehmen ihrer Kostenberechnung meist die Durchschnittsgebühr für Anwälte zu Grunde legen, so dass auf Kleinstbeträge schon mal um die 80 Euro an Inkassokosten aufgeschlagen werden.

Wir halten diese Berechnung besonders dann für nicht gerechtfertigt, wenn es sich um einen einfachen Sachverhalt handelt und Verbraucher nur ein einziges Inkassoschreiben bekommen haben. Auch unter dem Aspekt der Schadenminderungspflicht, die Inkassounternehmen verpflichtet, den Schaden möglichst gering zu halten, ist die Höhe der Forderung anzuzweifeln.

Da diese Fragen aber gerichtlich nicht abschließend geklärt sind, ist Vorsicht geboten. Sie sollten nicht vorschnell die Inkassokosten aus der Rechnung kürzen und sich bei der Verbraucherzentrale beraten lassen.

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