Ratgeber Eltern

Meine Tochter möchte ihre Zweitsprache nicht mehr sprechen

| Lesedauer: 5 Minuten

Damit Kinder wirklich zweisprachig aufwachsen können, brauchen sie zu beiden Sprachen feste Bezüge. Auch in ihrem Alltag. Die Pädagogin Heidemarie Arnhold erklärt, wie das am besten funktionieren kann.

Wera S., Tempelhof: Mein Kind ist halb chinesisch. Sein Vater, zu dem es eine gute Beziehung hat, lebt in Asien, wir in Berlin. Meine Tochter lernte über Babysitter und Samstagsunterricht von Anfang an Chinesisch. Mit drei Jahren konnte sie chinesische Lieder singen, mit vier begann sie, sich zu weigern, weiter Chinesisch zu sprechen, was sie bis dahin auch noch nicht fließend konnte. Mit 6,5 Jahren war ihre Abneigung so groß, dass ich den Unterricht abgebrochen habe. Mit ihrem Vater haben wir ab und zu geskyped, sie hat sich aber nie getraut, mit ihm zu sprechen, obwohl sie ihn gern sah. Wie kann ich ihr Interesse am Chinesischen wieder wecken?

Heidemarie Arnhold: Wenn Ihre Tochter einen regelmäßigen Kontakt und eine gute Beziehung zum Vater hat, sollten Sie sich erst mal keine Sorgen machen. Eine gute Entscheidung ist auch, die Tochter nicht zu zwingen. Denn der Zwang zu einer Zweitsprache, die sie zu Hause und in der Schule nicht spricht, wird die Entwicklung einer Zweisprachigkeit deutlich behindern.

Am einfachsten für eine zweisprachige Erziehung ist es, wenn die Mutter in der einen, der Vater in der anderen Sprache mit dem Kind spricht. Oder wenn zu Hause in der einen Sprache und in der Kita oder Schule in der anderen Sprache miteinander gesprochen wird. Eine Sprachtrennung nach Personen und klare Regeln, wo in welcher Sprache miteinander gesprochen wird, fördern eine solide Zweisprachigkeit. Dabei ist das Wichtigste für die Sprachförderung der Kinder das „Miteinander Sprechen“ möglichst oft und in liebevollem Kontakt, sei es einsprachig oder mehrsprachig.

Wenn Ihre Tochter allerdings Chinesisch lediglich als Unterrichtsstoff am Samstag erlebt und nicht als gesprochene Sprache in ihrem kindlichen Alltag, sei es zu Hause, in der Schule oder im Kontakt mit einem Familienmitglied oder Bekannten, den es schätzt und regelmäßig sieht, dann hat sie keine Möglichkeit, tatsächlich zweisprachig aufzuwachsen.

Emotionale Zuordnungen sind Teil des Spracherwerbs

Das Chinesische ist für sie eine Unterrichtsprache losgelöst von ihrem Alltag. Der Wortschatz im Deutschen, den sie zu Hause oder woanders lernt, erweitert sich genau um die Worte, die sie im Alltag gerade auch benutzt. In der Situation des Unterrichts bleibt die Sprache dagegen ein Lernstoff. Sie nur im Unterricht zu sprechen, schränkt das Sprachenlernen erheblich ein. Wichtige emotionale Zuordnungen von Begriffen mit Personen und Ereignissen sind dann nicht Teil des Spracherwerbs.

Sicherlich geht Ihre Tochter jetzt auch in die 1. Klasse. Dort lernt sie im Deutschen zu lesen und zu schreiben. Sie wird sich daher noch einmal besonders mit der deutschen Sprache identifizieren. Denn es ist die Sprache, in der sie sich mit ihren neuen Freunden unterhält, und die, für die sie Lob und Anerkennung erfährt, wenn sie im Unterricht mitarbeitet. Ihre Tochter will sicherlich zur Gemeinschaft „dazu gehören“, dabei wird ihr das Chinesische wenig helfen. Es ist verständlich, wenn sie das Chinesische zurzeit nicht mehr schätzt.

Wenn Ihre Tochter aber einige Grundkenntnisse im Chinesischen hat, ist dies trotzdem nicht verloren. Sie hat eine Beziehung zu ihrer Herkunft entwickeln können. Sie hat erfahren, das Chinesisch von ihrer deutschen Mutter wertgeschätzt und nicht ignoriert wird. Sie kennt den Klang chinesischer Stimmen. Sie hat Lieder gelernt. Dieser Teil ihrer Herkunft wird anerkannt und der Zugang zur Sprache ist gelegt.

Der Zugang kann auch später noch kommen

Lassen Sie Ihrer Tochter Zeit! Überlassen Sie es ihr, wann die Sprache für sie wieder attraktiv ist. Und lassen Sie sie entscheiden, ob, wann und unter welchen Umständen sie wieder mit dem Sprachenlernen weitermacht. Vielleicht wird es eine Weile dauern. Vielleicht muss Ihre Tochter ihren Vater dazu in Asien besuchen oder gar als Erwachsene eine Weile dort leben.

Vielleicht ist sie auch im Jugendalter für ein Schüleraustauschprogramm zu gewinnen und geht für eine Weile in eine chinesische Schule und lebt bei einer chinesischen Familie. Vielleicht findet sie aber auch keinen weiteren Zugang. Und wenn Sie eine Möglichkeit sehen, den Zugang zum Chinesischen neu zu fördern, nur zu! Aber nur ohne zu schieben und zu drängen.

Rechtshinweis: Wir bemühen uns, möglichst viele Fragen zu beantworten. Dennoch behalten die Experten sich vor, bestimmte Bereiche auszuklammern. Bei sensiblen Fragen werden die Nachnamen auf Wunsch anonymisiert. Einen Rechtsanspruch auf eine Antwort haben Sie nicht. Eine Haftung ist ausgeschlossen.

Wenn Sie Fragen an unsere Experten haben, können Sie diese per E-Mail schicken an ratgeber@morgenpost.de oder per Post an Berliner Morgenpost, Stichwort Ratgeber, Kurfürstendamm 21-22, 10874 Berlin.