Erziehung

Gibt es den Weihnachtsmann? Wie Eltern reagieren sollten

| Lesedauer: 7 Minuten
Weihnachten in Kriegszeiten: „Ich wünsche mir für nächstes Jahr Frieden“

Weihnachten in Kriegszeiten: „Ich wünsche mir für nächstes Jahr Frieden“

Unser FUNKE-Reporter Jan Jessen traf Vitali Klitschko in Kiew auf dem Sophienplatz. Hier leuchtet trotz des Kriegs der Weihnachtsbaum – dieses Jahr mit Friedenstauben beschmückt.

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Gibt es den Weihnachtsmann oder das Christkind? Früher oder später stellen Kinder diese Frage. Wie Eltern darauf reagieren sollten.

Berlin. 
  • Den Weihnachtsmann gibt es nicht
  • Doch viele Kinder glauben an die Figur
  • Wie Eltern reagieren sollten, wenn der Nachwuchs zu zweifeln beginnt

Regionale Unterschiede hin oder her: Das Weihnachtsfest in Familien ist hierzulande eng verknüpft mit geheimnisvollen Geschichten um und den Glauben an Figuren: Hier ist es der Weihnachtsmann, dort sind es das Christkind und Knecht Ruprecht. Sie bringen an Weihnachten die Geschenke – wer sonst? – und wachen darüber, dass Kinder sich benehmen und an das Gute im Menschen glauben.

Eltern wissen: Bis zu einem gewissen Kindesalter strahlt der weihnachtliche Brauch um Weihnachtsmann oder Christkind jedes Jahr im kalten Advent eine wärmende Magie aus und weckt die Vorfreude aufs Fest. Aber was, wenn bei Tochter oder Sohn erste Zweifel aufkommen und Eltern plötzlich unbequeme Fragen beantworten müssen? Dann steht die bange Frage im Raum: „Wie sagen wir’s dem Kind?“

Weihnachtsmann und Christkind: Kinderglaube noch zeitgemäß?

Bei vielen Paaren mit Kindern kommt früher oder später die Debatte auf: Wollen wir überhaupt, dass unser Nachwuchs an Weihnachtsmann oder Christkind glaubt? Die Bezeichnung „alte, weiße Männer“ steht heute vielfach als Sinnbild für Rückwärtsgewandtheit und nicht mehr ganz so zeitgemäße Ansichten. Beim Weihnachtsmann mit rotem Mantel, weißem Rauschebart und Plauze, um den sich viele Mythen ranken, scheint das anders.

„Santa Claus“ in Amerika mit Rentierschlitten ist nicht nur in Filmkomödien und Büchern eine fast durchweg positive Figur. Mit einem großen Herzen, vor allem für Kinder. Er isst gerne Kekse, schlüpft am Weihnachtstag durch den Kamin und bringt die Geschenke. Je nach Region und Religion basteln sich Eltern hierzulande ihren eigenen Brauch, der in der Familie gepflegt wird: Weihnachtsmann oder Christkind schleichen sich ins Haus, werden mit vorbereiteten Leckereien belohnt – nur auf frischer Tat ertappt werden sie komischerweise nie. Und wie sie es nur schaffen, diese Unmengen an Geschenken pünktlich zu verteilen? Ein Weihnachtswunder.

Weihnachtsmann-Glaube: Magische Phase zwischen drei und sieben

Dass Kleinkinder diese und ähnliche Erzählungen der Eltern und aus Weihnachtsfilmen in jungen Jahren mit Freude und Staunen annehmen, muss Eltern zunächst einmal nicht verunsichern. Denn im Alter von etwa drei bis vier Jahren beginnt bei den Kleinen die sogenannte magische Phase.

Die Entwicklungsstufe ist davon geprägt, sich das Kind im Mittelpunkt des eigenen Handelns begreift. Zu diesem Zeitpunkt fällt es Kindern laut Entwicklungspsychologen noch schwer, Positionen anderer Menschen zu erkennen und einzunehmen. Auch die Unterscheidung von Fantasie und Wirklichkeit fällt dem Nachwuchs in der magischen Phase schwer. Fantasie und Legenden spielen dann auch beim alltäglichen Spielen eine große Rolle. Diese Phase kann je nach Entwicklungsstand und Veranlagung anhalten, bis das Kind sechs oder sieben Jahre ist.

Figuren nicht als Drohmittel benutzen

Aber das eigene Kind wissentlich „belügen“? Auch wenn manche Eltern ein mulmiges Gefühl dabei haben: In die Welt des Kindes passen fantastische Figuren wie Weihnachtsmann oder Christkind in diesem Alter hinein. Pädagogin und Bindungsexpertin Eliane Retz meint, Figuren wie der Weihnachtsmann oder das Christkind bedienten ein kindliches Bedürfnis, Eltern müssten deshalb kein schlechtes Gewissen haben. Lesen Sie auch: Weihnachten ohne Stress: Diese Tipps und Tricks helfen

Befürworter weisen zudem darauf hin, dass gerade die Figur des Weihnachtsmanns nicht an eine Religion gebunden ist und als Brauch auch für nichtgläubige Familien taugt. Wichtig ist es laut Erziehungsexpertin Nora Imlau allerdings, dass Weihnachtsmann und Christkind nicht als Drohmittel der Bestrafung herangezogen werden, nach dem Motto: Bei schlechtem Benehmen und Faulheit drohen Geschenkeentzug oder die Rute. Das würde Kinder falsch prägen.

Im Schnitt fallen Kinder mit Acht vom Glauben ab

Ganz anders sehen das der Psychologe Christopher Boyle, Professor an der englischen Universität von Exeter, und seine Kollegin Kathy McKay, klinische Psychologin an der australischen University of New England: Sie fordern Eltern auf: „Belügt eure Kinder nicht länger!". Würden Eltern erst gar nicht mit den Fantasiegeschichten um Santa Claus anfangen, so die Forscher, sei die spätere Enttäuschung über den Schwindel bei den Kindern weniger groß. Auch interessant: Hörbücher: Die schönsten Geschichten zur Weihnachtszeit

Das Vertrauen der Kinder in ihre Eltern würde durch die Weihnachtsmann-Lügen untergraben. „Wenn Eltern eine Lüge so überzeugend und über so einen langen Zeitraum aufrechterhalten, in welchen Situationen lügen sie dann noch?“ Ihre Studie „A Wonderfull Lie“ (Eine wundervolle Lüge) wurde in der Fachzeitschrift „The Lancet Psychiatry“ veröffentlicht. Demnach hören die Menschen mit durchschnittlich acht Jahren auf, an den Weihnachtsmann zu glauben.

Gibt es den Weihnachtsmann? So können Eltern reagieren

Früher oder später kommen die Kleinen ohnehin durch Freunde, Kita oder Umfeld dahinter, dass es bei den Geschichten um die mysteriösen Geschenkelieferanten Ungereimtheiten gibt. Der Wandel tritt mit etwa fünf bis sechs Jahren ein. Im Mann mit rotem Mantel erkennen sie dann auch einen erwachsenen Mann in Verkleidung, sagt Entwicklungspsychologe Ulf Liszkowski von der Universität Hamburg dem „Spiegel“. Dann falle es ihnen aber auch schon leichter zu akzeptieren, dass der Weihnachtsmann nur eine Legende ist.

Und werden Eltern plötzlich doch vom Kind mit Fragen konfrontiert? Dann raten Erziehungsfachleute, vorsichtig nachzuhaken, was das Kind denn selbst glaubt. Wachsen die Zweifel mit der Zeit an, dürften Eltern auch nachgeben und den bisherigen Glauben in einen schönen Familienbrauch umwandeln. Sind jüngere Geschwister im Haushalt, können Eltern das ältere Kind dafür einspannen, Bruder oder Schwester gegenüber das Spiel weiterzuspielen – was sie oft stolz macht und das Familienfest nicht trübt.

Die Sorge, das Kind könnte eines Tages seinen Eltern die jahrelange Erzählung von Weihnachtsmann und Christkind als dreiste „Lüge“ krumm nehmen, scheint eher unbegründet: In einer Studie untersuchten Forscher aus den USA, wie sich Kinder verhalten, wenn sie erkennen, dass es den Weihnachtsmann nicht gibt. Das Ergebnis: Die Kinder reagierten überwiegend positiv. Sie begriffen die Entzauberung als eine Art von Erkenntnisgewinn. Entwicklungspsychologen werten diesen Schritt als wichtig – der ohne Weihnachtsmann-Erzählung so nicht zustande gekommen wäre.

(mahe)