Frischer Wind für einen Traditionsverein

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Im Herzen von Berlin erklingen Jubelschreie, als das Runde im Eckigen landet. Die Freude über den Torschuss ist weit über den Sportplatz hinaus zu hören. Hinein mischen sich Anfeuerungsrufe vom Spielfeldrand. So zentral wird nirgends sonst in Berlin gekickt. Der Bolzplatz des SV Blau Weiss Berolina Mitte 49 e.V. ist ein grünes Kleinod in der Fußballplatzlandschaft. Die bekannte Online-Reiseplattform „Travelcircus“ hat ihn unlängst ausgezeichnet, indem sie ihn unter die „Top 11 der faszinierendsten Fußballplätze der Welt“ aufnahm. Denn welcher Fußballverein kann schon von sich behaupten, vom Sportplatz aus bis hin zum berühmtesten Wahrzeichen der Stadt blicken zu können – dem Fernsehturm am Alexanderplatz.

Umgangssprachlich nennt man den Verein nur Berolina oder kurz Bero. Den Sportplatz bespielt er allein und nutzt ihn pachtfrei. Das liegt an der Gemeinnützigkeit des Vereins, der keinen Gewinn erwirtschaften darf, sondern den Platz zum reinen Vereinszweck nutzt. Es ist aber auch eine glückliche Fügung aufgrund der langen Vereinsgeschichte. „Unser Verein gründete sich 1990 durch den Zusammenschluss zweier DDR-Betriebssportgemeinschaften“, sagt der Erste Vorsitzende Julien Fiebach. Die Besonderheit: Beide Sportclubs existierten schon 1949. Somit steht Bero für eine über 70-jährige Tradition des Vereins- und Fußballsports. „Hinzu kommt, dass sich der Verein als erster in Berlin Mitte gründete und infolge des großen Einzugsgebiets die Mitgliederzahlen rasant stiegen“, so Fiebach. Bero war somit der erste Verein am Platz.

Sport hilft, Fähigkeiten auszubilden und schafft ein Gemeinschaftsbewusstsein

Sportplatz und Verein sind eng miteinander verzahnt, anscheinend auch in den Köpfen der Mitglieder und Kenner des Berliner Fußballsports. So spricht niemand vom Sportplatz an der Auguststraße, sondern jeder sagt nur: Wir gehen auf den Bero. „Dieses Glück, einen solch schönen Platz im Zentrum Berlins zu haben, versuchen wir zurückzugeben, indem wir es uns zur Aufgabe gemacht haben, den Platz zum Gemeinschaftsort für alle zu machen“, sagt Fiebach.

Mittlerweile zählt der Verein ungefähr 1500 Mitglieder, hat 40 Mannschaften im Spielbetrieb und rund 83 ehrenamtliche Trainer. Die Mannschaften beginnen bei den Kleinsten, den „Minis“ und reichen bis zur Ü 50. „Bei den „Minis“, also den Vierjährigen, kann man noch nicht wirklich von Fußball sprechen, sondern eher von Bewegungssport. Wir fördern das Ballgefühl und schulen die Koordination der Kinder. Oftmals kommen die Hände mehr zum Einsatz als die Füße“, sagt Fiebach und lacht. „Ab der G-Jugend, den Fünf- bis Siebenjährigen, wird es dann fußballspezifischer und die ersten Trainingseinheiten starten“, so der Vereinsvorsitzende. Neben der körperlichen Förderung der Kinder spielt auch die soziale eine große Rolle. „Viele sehen nur den sportlichen Aspekt dahinter. Am Ende sind wir aber auch ein stückweit: Lehrer, Erzieher, Betreuer und Elternteil. Das alles in einer Person zu vereinbaren, ist eine große Herausforderung“, sagt Fiebach. Ziele des Vereins sind es, Spaß am Sport zu vermitteln, die Kinder je nach Erfahrungsstand individuell zu fördern und ihnen Perspektiven für die Zukunft aufzuzeigen. „Sport hilft vielen, sich zurechtzufinden, sich beruflich zu orientieren und schafft so einen sanften Übergang aus dem Elternhaus über die Schule ins Berufsleben“, sagt Fiebach.

Daneben schafft Sport ein Bewusstsein für Gemeinschaft, so Fiebach, in der niemand allein agiert und in der sich die Spieler untereinander und mit Gleichaltrigen austauschen können. Weiter bildet das Fußballspielen Fertig- und Fähigkeiten aus. So lernen die jungen Menschen etwa Teamarbeit, logisches Denken und die Bedeutsamkeit von Kommunikation. Gleichsam wird den Kindern ein adäquater Umgang mit Stress und anderen Problemen aufgezeigt sowie Wege der Bewältigung. „Hier sind wir alle gleich. Wenn du die Fußballschuhe anziehst und auf den Fußballplatz läufst, vergisst du deine Sorgen und kannst deine Gedanken ordnen“, sagt der 1. Vorsitzende.

Natürlich geht es auch um Erfolge. Gewinnen die Mannschaften im regionalen Wettstreit, zeugt das nicht nur von gutem Fußball, sondern bestätigt auch den Verein und seine ehrenamtlichen Trainer, dass Trainingsprogramme wie Förderungen Früchte tragen. „Für viele sind wir zudem ein Lebensmittelpunkt. Erfolgserlebnisse sind besonders für die Jüngeren wichtig. Sie steigern das Selbstvertrauen und wecken den Ehrgeiz“, so Fiebach. Gerade im Frauenfußball brillieren Beros Mannschaften regelmäßig. Im Mädchen- und Frauenbereich ist der Verein der größte und einer der anerkanntesten Ausbildungsstätten innerhalb Berlins. Davon zeugen auch Spielerinnen, die es bereits in den Profi-Fußball schafften. Ein kleiner Wermutstropfen bleibt jedoch: „Da wir nicht überregional agieren, wie etwa Turbine Potsdam, müssen uns die Spielerinnen irgendwann verlassen, um Profi zu werden“, sagt Fiebach. Die Fußballerinnen aber, die den Sprung in den professionellen Fußball schaffen, stehen stellvertretend für eine exzellente wie kompetente Grundlagenarbeit durch den Berolina-Sportverein und seine Ehrenamtlichen.

Die Sportangebote, die der Verein ermöglicht, sind mit hohen Ausgaben verbunden. Gerade die Betreuung der Mannschaften und ihre Ausstattung mit Trikots, Schuhen und Taschen kosten Geld. Hinzu kommen anfallende Reparaturen auf dem Sportplatz, der Kauf von Fußbällen und Tornetzen. „Allein 100 Bälle kosten im Schnitt 2500 Euro. Bei 40 Mannschaften braucht jede Mannschaft etwa 25 Bälle und diese müssen alle zwei Jahre ausgetauscht werden“, erzählt Fiebach. Das summiert sich und wird vom Verein über Mitgliedsbeiträge, Sponsoren und Fördermitglieder refinanziert. Bleibt am Ende noch etwas übrig, gibt es der Verein zurück, indem Bero Sommerfeste oder Weihnachtsfeiern veranstaltet, Ausflüge der Sportler ermöglicht oder die internationale Jugendbegegnung unterstützt. „Kürzlich richteten wir ein Turnier aus, das sich klar gegen sexualisierte Gewalt positionierte. Das war ein großes Event, an dem auch Politiker und die Geschäftsführerin der Deutschen Fußball Liga (DFL) teilnahmen“, so Fiebach.

Auch der Verein durchläuft derzeit einen Wandel

Aber nicht nur auf dem Platz ist einiges in Bewegung. Auch der Verein durchläuft derzeit einen Wandel. So hat sich der Vorstand verjüngt und somit einen Generationswechsel eingeleitet, um auf neue Bedürfnisse zu reagieren und Projekte anzustoßen. „Die Forderung nach Quantität der Sportangebote wandelt sich allmählich hin zur Qualität. Diesem Anspruch wollen wir gerecht werden, um noch besseren Fußball anzubieten“, sagt Fiebach. So erprobt der Verein etwa Mentoren-Programme. Ziel ist es, den Trainernachwuchs zu fördern. Die Mentoren fungieren als feste Ansprechpartner für angehende Trainerinnen und Trainer, helfen bei der Entscheidungsfindung und erleichtern den Einstieg ins Trainer-Sein.

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