Bestseller-Förster

Star-Autor Wohlleben: „Werden Hälfte des Waldes verlieren“

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David Huth
Die häufigsten Baumarten in Deutschland

Die häufigsten Baumarten in Deutschland

Rund ein Drittel von Deutschland ist von Wald bedeckt. Hierzulande gibt es 51 Baumarten: Das sind die häufigsten fünf Arten.

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Sein Buch über den Wald wurde zum Mega-Erfolg. Förster Peter Wohlleben über die Bedeutung von Bäumen im Kampf gegen Dürre und Hitze.

Wershofen. „Das geheime Leben der Bäume“ hat Peter Wohlleben zum Bestseller-Autor und Deutschlands bekanntesten Förster gemacht. Beim Besuch in seinem Revier Wershofen erklärt er, warum ein gesunder Wald nicht nur gegen den Klimawandel helfen kann, sondern jeder Einzelne davon profitiert.

Herr Wohlleben, dem deutschen Wald geht’s schlecht. Der aktuelle Waldbericht weist eines der schlechtesten Ergebnisse seit 1984 aus. Was ist das Problem?

Peter Wohlleben: Der Fehler liegt in der Forstwirtschaft. Was wir aktuell beobachten können ist, dass die Nadelholzplantagen sterben – Fichte, Kiefer und so weiter. Und auch die Douglasie, die vielfach als Alternative zur Fichte gepflanzt wird, ist im Grunde Mist, und dafür gibt es auch noch Förderprogramme. Diesen nordischen Baumarten ist es hier immer schon zu heiß und trocken gewesen. Sie sterben bereits seit 200 Jahren großflächig ab. Das wird durch den Klimawandel verschärft.

Wie schlimm wird es noch werden?

Wohlleben: Persönlich glaube ich, dass wir in den nächsten zehn Jahren die Hälfte der Waldfläche verlieren. Das liegt daran, dass wir in Deutschland mehr als 50 Prozent nicht heimische Nadelbaumarten haben.

Heimische Bäume wie Buche oder Eiche wären die bessere Wahl?

Wohlleben: Ja. Alte Laubwälder sind wesentlich widerstandsfähiger. Sie können sich im Sommer extrem runterkühlen. Im Vergleich zu einem Nadelwald kann das einen Temperaturunterschied von acht Grad bedeuten. Eine ausgewachsene Buche kann pro Tag bis zu 500 Liter Wasser verdunsten und diese Verdunstungskälte – das kennen wir von uns Menschen, wenn sich unser Körper durch Schweiß abkühlt – macht diesen Kühlungseffekt aus. Hinzu kommt, dass sich über solchen Laubwäldern Regenwolken bilden. Das heißt, sie erzeugen ihr eigenes Wasser. Übrigens: Das wusste Alexander von Humboldt schon 1831.

Laubwälder haben auch Probleme.

Wohlleben: Aktuell beobachten wir die größten Kahlschläge aller Zeiten. Sie heizen die angrenzenden Wälder auf, die dann noch mehr Stress haben. Das betrifft dann auch Eichen- und Buchenwälder. Und wenn mit Laubbäumen aufgeforstet wird, dann häufig mit fremden Arten wie der amerikanischen Roteiche, weil man ja sagt, die deutschen Baumarten vertragen die Hitze nicht. Das stimmt auch, aber es liegt an den Kahlschlägen. Wir müssten unsere Methoden ändern und Forstwirtschaft nicht wie Landwirtschaft betreiben.

Was ist die Alternative zu Kahlschlägen, wenn es sich um toten Wald handelt?

Wohlleben: Auch totes Holz ist Biomasse. Und diese Biomasse fehlt bei Kahlschlägen dem Wald und trägt weiter zur Erwärmung bei. Wenn man dann mit großen Maschinen reinfährt, die den Boden verdichten, verschärft sich das Problem. Der Boden ist wie ein Schwamm, der Wasser speichert. Pro Quadratmeter sind das bis zu 200 Liter. Ist dieser Schwamm einmal platt gedrückt, dann richtet er sich nie wieder auf. Die Wasserspeicherfähigkeit sinkt teilweise auf fünf Prozent.

Die Lösung: toten Wald stehen lassen?

Wohlleben: Genau. Es hat sich gezeigt, dass auch bei toten Nadelholzplantagen Laubwald viel schneller nachwächst, wenn nicht gerodet wird.

Woran liegt es, dass hier nicht umgedacht wird?

Wohlleben: Die Krux ist, dass die Forstwissenschaft die Bundesregierung berät. Das ist im Grunde so, als wenn die Fleischindustrie die Politik in Sachen Tierwohl beraten würde. Sinngemäß lautet die Haltung in der Forstwirtschaft: Die Natur kann sich selbst nicht mehr heilen und ohne Förster, Motorsägen und Plantagen würde es keinen Wald mehr geben. Das ist ein starkes Stück, wenn man bedenkt, dass es Wälder seit 300 Millionen Jahren gibt. Lesen Sie auch: Klimawandel und Personalnot: Warum der Wald leidet wie nie

Dabei könnte ein intakter deutscher Wald, greift man die These Ihres aktuellen Buches „Der lange Atem der Bäume“ auf, einen wichtigen Beitrag im Kampf gegen den Klimawandel leisten?

Wohlleben: Es geht um die Mittel, die wir selber in der Hand halten, und die liegen nicht in Brasilien oder Indonesien. Und wir müssen auch nicht auf China, Russland, Indien oder die USA warten. Die Aussage, wenn die nicht mitmachen, dann bekommen wir den Klimawandel nicht in den Griff‘, ist nicht ganz richtig. Wir können es hier bei uns lokal kühler machen und für mehr Regen sorgen. Dazu ist ein intakter Wald in der Lage.

Gerade in der Pandemie haben viele Menschen das Wandern für sich entdeckt und damit auch den Wald. Ändert sich gerade in der Gesellschaft der Blick aufs Thema?

Wohlleben: Gerade ändert sich sehr viel, und deswegen werden die Töne auch aggressiver seitens der Forstwirtschaft. Es heißt dann, die Städter haben ja keine Ahnung und zerstören den Wald, wenn sie raus in die Natur gehen. Ich begrüße es, dass die Menschen den Wald entdecken wollen, und sie machen sicherlich erheblich weniger kaputt als tonnenschwere Maschinen. Es geht um Verhältnismäßigkeiten. Und da sind ein paar Trampelpfade im Vergleich zu den Schäden durch die Holzernte Marginalien. Auch interessant: Bäume pflanzen als CO2-Kompensation: Wie sinnvoll ist das?

Wer etwas nutzt, der möchte auch, dass es erhalten wird.

Wohlleben: Genau. Auch deswegen bieten wir mit der Waldakademie Erlebnisse an. Das hilft uns, unsere Botschaft unter das Volk zu bringen. Und je verbundener wir mit dem Wald sind, desto eher sind wir bereit, ihn zu schützen. Mensch und Natur sind kein Gegensatz.

Sie bieten unter anderem Waldbaden an: Welchen positiven Effekt hat der Wald auf Menschen?

Wohlleben: Waldspaziergänge haben einen messbaren Effekt auf unseren Körper. So schlägt unser Herz ruhiger, der Blutdruck sinkt und es zirkulieren weniger Stresshormone. Das Grün der Blätter wirkt beruhigend auf uns. Und die Forschung belegt auch, dass bestimmte Duftstoffe, die die Bäume zur Kommunikation nutzen, unser Immunsystem stärken.

Woran liegt das?

Wohlleben: Die menschliche Entwicklung hängt stark mit dem Wald und mit Holz zusammen, alleine wegen dem Feuer. Damit konnten wir unsere Nahrung kochen und besser Nährstoffe aufnehmen, wodurch unser Gehirn gewachsen ist. Ich glaube daher, dass wir intuitiv stabile Waldökosysteme beurteilen können. Und wenn die Bäume keine Stress-Kommunikation zeigen, dann wirkt sich das auch auf den Waldbesucher aus. Lesen Sie auch: Welche Siegel brauchen nachhaltige Gartenmöbel aus Holz?

Der Wald ist in so vieler Hinsicht wichtig für uns: Was kann ich als Waldbesucher tun, um ihn zu schützen?

Wohlleben: Das fängt schon mit ganz einfachen Sachen wie einem Keine-Werbung-Aufkleber auf dem Briefkasten an. Das sind mehr als eine Million Bäume, die jedes Jahr für solche Werbung gefällt werden. Jeder sollte sich auch fragen, was er unbedingt gratis bestellen muss, und dann wieder zurückschickt. Die Pakete sind aus Papier, und auch dafür müssen Bäume gefällt werden. Auch weniger Fleisch zu essen, hilft dem Wald. Fleisch ist mit Abstand unser klimaschädlichstes Produkt – also noch vor Kohle und Öl. Und vergessen dürfen wir auch nicht, dass über die Hälfte des Waldes der öffentlichen Hand gehört und jeder sich hier mit seiner Stimme einmischen kann.

Zur Person

Peter Wohlleben (58) begann seine Karriere als Förster bei der Landesforstverwaltung Rheinland-Pfalz. Im Jahr 2006 kündigte er seine Beamtenstelle und wechselte als Angestellter in den Dienst der Gemeinde Hümmel in der Eifel. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Sein Bestseller „Das geheime Leben der Bäume“ erschien 2015. 2017 gründete er seine „Waldakademie“ in Wershofen. Das aktuelle Buch von Peter Wohlleben „Der lange Atem der Bäume“ (Ludwig Verlag, 22 Euro) kritisiert die konventionelle Forstwirtschaft und den Umgang mit der Ressource Holz.