Corona-Pandemie

Hohe Infektionszahlen bei Kindern: Schule auf oder zu?

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Kinderärzte kritisieren Corona-Selbsttests für Kinder

Kinderärzte kritisieren Corona-Selbsttests für Kinder

Am 23. März verkündet der Berliner Senat, dass Eltern und Kinder als “Testhelfer” dazu beitragen sollen, den Verlauf der Pandemie zu verlangsamen. Die Expertenmeinungen gehen auseinander.

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Die Infektionszahlen mit dem Coronavirus bei Kindern und Jugendlichen steigen. Mancherorts schließen Schulen und Kitas schon wieder.

Berlin. 
  • Die Forderungen nach Schulschließungen mehren sich angesichts rapide steigender Infektionszahlen
  • Das liegt vor allem an der sich ausbreitenden britischen Mutation B1.1.7.
  • Was Forscher über die Rolle von Kindern im Infektionsgeschehen sagen und ob bald noch mehr Schulen und Kitas schließen könnten, lesen Sie hier im Überblick

Viel wurde in den vergangenen 15 Monaten darüber diskutiert, welche Rolle Kinder und Jugendliche im Infektionsgeschehen der Pandemie spielen. Ob sie sich auch infizieren können und wie ansteckend sie dann sind – und was das für den Betrieb von Schulen bedeutet.

Unterm Strich kam man zu dem Schluss: Kinder sind weniger infektiös als Erwachsene, stecken sich seltener an und sie erkranken nur in sehr seltenen Fällen schwer. Nun sprechen die aktuellen Zahlen aber eine andere Sprache und Forderungen nach Schulschließungen werden wieder laut. In einigen Regionen mussten Schulen wegen der Infektionslage sogar bereits vor den Osterferien wieder schließen. Mehr zum Thema: Kitas und Schulen: Wo sie jetzt wieder schließen müssen

Zahl der Infektionen unter Kindern deutlich gestiegen

In den vergangenen Wochen ist zu beobachten, dass die Infektionszahlen unter Kindern und Jugendlichen kontinuierlich steigen. Auch in seinem Lagebericht vom 25. März schreibt das Robert Koch-Institut (RKI):

Zwar stiegen die Covid-19-Fallzahlen in allen Altersgruppen wieder an, „besonders stark jedoch bei Kindern und Jugendlichen, von denen auch zunehmend Übertragungs- und Ausbruchsgeschehen ausgehen“. Bei Kindern bis 14 Jahren haben sich die 7-Tage-Inzidenzen nach den RKI-Daten in den vergangenen vier Wochen bundesweit mehr als verdoppelt – auf zuletzt mehr als 100 Fälle pro 100.000 Einwohner.

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Kinder nehmen genauso wie Erwachsene am Infektionsgeschehen teil

Eine entscheidende Rolle könnte die Virus-Variante B.1.1.7 spielen, die in Deutschland inzwischen einen großen Teil der Neuinfektionen ausmacht. „Die Variante B1.1.7 ist zweifellos infektiöser und lässt auch Kinder nicht aus“, sagt Burkhard Rodeck, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin.

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Vor Auftreten dieser Variante in Deutschland seien Kinder im Vergleich zu Erwachsenen weniger häufig infiziert gewesen, „jetzt nehmen sie proportional am Infektionsgeschehen teil“. Sie seien also noch immer keine Superspreader der Pandemie, betont Rodeck.

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Zahl der Tests gestiegen, Positivrate gesunken

Auch der genaue Blick in die Daten des RKI stütze diese Einschätzung, sagt Rodeck. Denn während die Zahl der Tests bei Kindern und Jugendlichen zwischen der Kalenderwoche 7 bis 10 um mehr als 100 Prozent gestiegen sei, sei im gleichen Zeitraum die Positivrate gesunken. Also jener Anteil der Tests, die eine Infektion mit dem Coronavirus nachgewiesen haben.

„Kinder nehmen also teil am Pandemiegeschehen, man sollte sich aber jetzt nicht auf diese Altersgruppe einschießen und pauschal die Schulen schließen“, so Rodeck.

Die psychosomatischen Folgen durch den Wegfall des Schulbesuchs und der sozialen Kontakte seien mehrfach in Studien nachgewiesen worden. „Wichtig ist natürlich: Wir müssen die Schulen zu sicheren Orten machen, wo die AHA+L-Regeln eingehalten werden können.“

„Verlängerung der Osterferien ist die einzige Option“

Denn auch das zeigen die Zahlen des RKI: Obwohl der Ort einer Infektion in den meisten Fällen nicht ermittelt werden kann, werden Infektionen derzeit insbesondere in privaten Haushalten, aber zunehmend auch in Kitas, dem beruflichen Umfeld – und Schulen berichtet.

Daher hält der Epidemiologe Rafael Mikolajczyk von der Universitätsmedizin Halle vor dem Hintergrund steigender Inzidenzen in den unteren Altersgruppen eine Verlängerung der Osterferien für den einzigen Weg, die Zahlen in den Griff zu bekommen:

„Damit gewinnen wir Zeit, um eine wirklich zuverlässige Schnelltest-Strategie an den Schulen zu etablieren. Ohne die Tests geht es meiner Meinung nach nicht.“ Derzeit sei es unvermeidbar, dass die Zahlen stiegen. „B1.1.7 ist einfach zu ansteckend“, so Mikolajczyk. Gleichzeitig gibt es - und man kann zahlreiche Fehler bei der Anwendung machen. Wie man sie vermeidet, sehen Sie hier im Video:

Diese Fehler sollten Sie beim Selbsttest zu Hause vermeiden
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Schulen können sichere Orte sein

Mit dem reinen Blick auf Inzidenzen könne man die Forderung nach Schulschließungen nachvollziehen, sagt Jan-Henning Klusmann, Direktor der Klinik für Pädiatrie ebenfalls von der Universitätsmedizin Halle. Auch interessant: „Markus Lanz": Pharmazeut warnt vor Mutationen bei Kindern

„Aber zwei Studien aus Deutschland haben gezeigt, dass Schutzmaßnahmen Schulen zu sicheren Orten machen können.“ Und gerade im Hinblick auf die negativen Auswirkungen von Schließungen auf die Kindergesundheit, die nicht mit dem Coronavirus zu tun hätten, sollten Schulöffnungen weiter forciert werden.

Zahl der Post-Covid-Fälle unter Kindern könnte steigen

Dass Schulen zu sicheren Orten werden, ist nicht allein aus Gründen des Pandemie-Eindämmung von Bedeutung. Auch aus medizinischen Gründen.

Zwar sind schwere Covid-19-Verläufe unter Kindern und Jugendlichen, wie etwa das sogenannte Pediatric Inflammatory Multisystem Syndrome (Pims), sehr selten. Doch mit steigenden Infektionszahlen werden auch diese Fälle zunehmen.

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Ebenso wie die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die unter Langzeitfolgen einer Covid-19-Erkrankung leiden werden, befürchtet Markus Hufnagel vom Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin der Universitätsklinik Freiburg.

„Das Problem wird derzeit eher größer als kleiner, wir sehen schon jetzt deutlich mehr Post-Covid-Fälle“, sagte Hufnagel

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„Wir rechnen durch die Lockerungen der Maßnahmen mit mehr Betroffenen mit meist diffusen, länger anhaltenden gesundheitlichen Problemen“, sagt Hufnagel. Darauf sei die Pädiatrie im Vergleich zur Versorgungssituation bei Erwachsenen nach überstandener Infektion noch nicht vorbereitet.

( (lary) )