Krankheit

Brustkrebs: Wie ich trotz Chemo meine Haare behielt

| Lesedauer: 7 Minuten
Ann Claire Richter
Krebs: Tückische Krankheit und welche Behandlungen es gibt

Krebs: Tückische Krankheit und welche Behandlungen es gibt

Ist ein Mensch an Krebs erkrankt, so vermehren sich die Zellen ungehemmt, dabei werden gesunde Zellen der Organe verdrängt und die normale Funktion der Organe beeinträchtigt. Durch diese ungehemmte Zellteilung entstehen Tumore.

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Unsere Autorin hat es geschafft, während der Chemotherapie ihre Haare zu retten. Eine Kühlkappe hat ihr geholfen. So hat es geklappt.

Berlin. Brustkrebs. Die Diagnose haut rein. Die Luft bleibt weg, das Herz rast, der Kopf gebiert Horrorvisionen: Bilder von Leiden und Siechtum, von Schmerzen und Tod. Meinem Tod. Das Schreckgespenst hat Gestalt angenommen. Jetzt geht es ans Eingemachte.

Als mich die bittere Wahrheit trifft und mein Leben aus den Angeln hebt, ist einer meiner ersten Gedanken auch: Jetzt fallen dir die Haare aus. Büschelweise. Wie einst meiner Mutter. Das weithin sichtbare Zeichen der Krankheit. Nur durch Perücke, Mütze oder Tuch zu verstecken. Meine Mutter hat den Kampf gegen den Krebs verloren, starb mit 56 Jahren. Viel zu jung. Ich sehe den kahlen Schädel deutlich vor mir und ihre Verletzlichkeit.

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Ich hingegen kann nach gut einem Jahr – nach Chemotherapie, Operation und Bestrahlungen – sagen: Glück gehabt! Großes Glück! Nicht zuletzt durch die Früherkennung im Mammografie-Screening. Auch war die Chemotherapie nicht so brutal wie befürchtet. Ich darf optimistisch sein und noch einiges vom Leben erwarten. Dass ich bei dem langen Ritt durch die Behandlung meine Haare behalten konnte, war mir ein Segen. Der Kühlkappe sei Dank.

Kühlkappe: Das Absenken der Temperatur verengt die Blutgefäße

Ich traute meinen Ohren kaum, als mein Onkologe mir aufzeigte, wie ich meine Haare retten könne: mit Kälte gegen den kahlen Kopf. Ich war fassungslos. Scharlatanerie? Heute weiß ich: Es kann funktionieren. Ist anstrengend, aber es lohnt sich. Und tut der Psyche so gut.

In meiner Heimatstadt Braunschweig gibt es nur eine Praxis, die die Kühlkappenbehandlung anbietet. Janine Kreiss-Sender und Ralf Lorenz haben sich die Technik vor fünf Jahren angeschafft. Die beiden sind spezialisiert auf Gynäkologie und Onkologie.

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Das Prinzip ist einfach: Das Absenken der Kopfhauttemperatur verengt die Blutgefäße und reduziert so die Durchblutung der Haarfollikel. Somit gelangt weniger des Chemotherapeutikums an die Zellen. Die optimale Kopfhauttemperatur liegt dafür bei 19 Grad Celsius. Das Gerät lässt in der Kappe Kühlflüssigkeit zirkulieren mit Temperaturen von 0 bis minus 4 Grad.

Die Kühlung beginnt eine halbe Stunde vor der Chemo

Bei meiner ersten Sitzung zergehe ich fast vor Nervosität. Doch die Schwester ist mehr als einfühlsam: Sie befeuchtet mein Haar, knetet plaudernd den erforderlichen Conditioner ein, um den Kontakt mit der Kopfhaut zu optimieren, passt die Silikonkappe an und zurrt den Gurt der Filzhaube darüber fest. Die Kappe muss fest am Kopf ansitzen.

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Eine halbe Stunde vor der Chemo muss die Kühlung beginnen. Wenn ich die Infusion intus habe, werde ich weitere 90 Minuten ausharren müssen, bis die Kappe vom Kopf gelöst werden kann. Es geht los. Es wird kalt und kälter. Auf dem Kopf zwiebelt es ordentlich. Die Schwester beruhigt: „Das fühlt sich nur in den ersten paar Minuten so schlimm an.“

Und sie hat recht. Nach ein paar Minuten wird es erträglich. Nach einer Viertelstunde denke ich kaum mehr daran. Die Leidensgenossin auf dem Sessel neben mir lenkt mich ab. Meine Freundin ruft auf dem Handy an und fragt, wie es mir geht. „Fühle mich wie im tiefsten Winter auf dem Brocken – ohne Mütze, ohne Handschuhe, ohne Socken“, sage ich.

60 bis 70 Prozent der Kühlkappenpatientinnen brauchen keine Perücke

Nein, ein Spaß ist das Ganze nicht. Aber ich komme ganz gut damit klar. Der Gedanke an ein heißes Bad lässt mich durchhalten. Die Schwester mahnt: „Die Haare erst einmal ein paar Tage nicht waschen!“ Schonung heißt die Losung. Bloß nicht an den Haaren ziehen oder ihnen gar zusätzlichen Stress durch Färben bereiten!

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16 Sitzungen muss ich hinter mich bringen. Die ersten zwölf werden wöchentlich verabreicht, dann vier im Drei-Wochen-Rhythmus. Am Ende bin ich froh, das Experiment gewagt zu haben. Nach fast sechs Monaten Chemo sind die Haare ausgedünnt, bemerkt hat das niemand. Ich bin dankbar. In der ganzen Zeit durfte ich mich im Spiegel unverändert sehen, war nicht ständig mit dem Krebs konfrontiert.

Kühlkappe: Erfolg hängt von vielen Kriterien ab

Leider klappt es nicht immer so gut. Eine Garantie für volles Haar gibt es nicht. Dennoch ist es einen Versuch wert: „Zwischen 60 und 70 Prozent unserer Kühlkappenpatientinnen brauchen keine Perücke“, erklärt Onkologin Kreiss-Sender. Zwischen 10 und 15 Prozent der Frauen brechen die Kühlkappenbehandlung ab. Manche ertragen die Kälte nicht. Andere bekommen Kopfschmerzen, Schwindel oder werfen das Handtuch, weil es bei ihnen nicht funktioniert.

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Der Erfolg hängt laut den beiden deutschen Herstellern Paxman und Dignicap von vielen Faktoren ab: unter anderem von der Krebsart und dem Stadium der Krankheit, von der Zusammensetzung der Chemotherapie, vom Alter der Patientin, vom Haartyp sowie vom allgemeinen Gesundheitszustand.

Die beiden Mediziner aus Braunschweig haben andere Erfahrungen gemacht als die Hersteller und über die Jahre keine Erfolgsabhängigkeit vom Alter der Patienten ausmachen können. „Eher vom Ausgangszustand der Haare“, sagt Lorenz. „Wir haben auch festgestellt, dass die Wirkung unabhängig vom Stadium der Erkrankung ist.“

„Viele Patientinnen ziehen sich komplett aus der Öffentlichkeit zurück“

Die Behandlung ist auch eine Frage des Geldes. 80 Euro kostet eine Sitzung. Noch zahlen die Krankenkassen keinen Cent dazu. Dabei könnte die Methode unschätzbare Dienste leisten. „Viele Krebspatientinnen ziehen sich komplett aus der Öffentlichkeit zurück, wenn ihnen die Haare ausgehen“, erklärt Lorenz. Der Haarverlust schlage bei manchen Frauen so schwer auf die Psyche, dass sie die Chemotherapie sogar abbrechen wollten. Nicht jede Frau könne oder wolle offen mit der Erkrankung umgehen.

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Mir hat ein offener Umgang mit der Krankheit gutgetan. Weil ich dadurch von meinen Mitmenschen sehr viel seelische Wärme und Unterstützung bekommen habe. Die Kühlkappe tat ein Übriges. Eine Mitstreiterin sprach mir aus der Seele, als sie einmal sagte: „Für mich ist es weniger eine Sache der Eitelkeit. Vielmehr hilft die Kappe, meine Würde zu bewahren.“