Ernährung

Weltweite Fleischproduktion erstmals seit 50 Jahren gesunken

Der Verzicht auf Fleisch ist für viele junge Menschen zum politischen Statement geworden ist. Das hat auch mit Fridays for Future zu tun.

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Berlin. Die globale Fleischproduktion ist im Jahr 2019 zum ersten Mal seit 1961 nicht gewachsen, sondern um zwei Prozent auf 325 Millionen Tonnen gesunken. Wer nun glaubt, der Grund dafür sei, dass Konsumentinnen und Konsumenten durch Skandale und Missstände um Gammelfleisch, Massentierhaltung und Hygienemängel aufgerüttelt wurden, irrt. Für diesen Rückgang verantwortlich war stattdessen der Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest.

Offenbar führte die Tierseuche allein in China, also dem Staat mit dem größten Fleischkonsum weltweit, dazu, dass die Fleischproduktion um zehn Prozent einbrach. Das belegen Zahlen, die im aktuellen Fleischatlas, einer gemeinsamen Veröffentlichung des Bundes für Umwelt- und Naturschutz (BUND), der Heinrich-Böll-Stiftung und Le Monde Diplomatique, veröffentlicht wurden.

Junge Erwachsene verzichten zunehmend auf Fleisch

Auf 52 Seiten haben Forscherinnen und Forscher zum achten Mal Daten und Fakten über Tiere als Nahrungsmittel zusammengetragen. Wobei ihr Fokus diesmal auf den Themen Jugend, Klima und Ernährung lag. Interessiert habe die Verfasserinnen und Verfasser insbesondere, wie die jüngere Generation mit ihrem Engagement gegen die Klimakrise die „Beharrungskräfte der Fleischindustrie“ erlebt.

Dafür wurden 1227 junge Deutsche im Alter von 15 bis 29 Jahren per Onlineumfrage über ihren Konsum tierischer Produkte befragt. Die Ergebnisse zeigen: Fleischverzicht liegt bei den Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Trend.

10,4 Prozent der Befragten ernähren sich demnach vegetarisch, 2,3 Prozent sogar vegan. Letztere verzichten also komplett auf tierische Lebensmittel, darunter auch Honig, Ei oder Milch. Insgesamt gaben knapp 13 Prozent der Befragten an, Fleisch zu entsagen.

Nach Angaben der Autorinnen und Autoren entspricht das rund doppelt so vielen Menschen wie in der Gesamtbevölkerung. Doch auch deren Ernährungsgewohnheiten scheinen sich zu verändern. Zum Vergleich: Vor zehn Jahren lag die Zahl der Vegetarier und Veganer hierzulande noch bei 4,3 Prozent. Heute liegt sie nach verschiedenen Studien bei etwa sechs Prozent.

BUND: Verzicht auf Fleisch noch nicht ausreichend

„Dass der Fleischverbrauch in Deutschland leicht zurückgeht, ist erst einmal positiv. Nur geschieht das noch nicht in dem Maße, in dem es notwendig wäre“, sagt der BUND-Vorsitzende Olaf Bandt dieser Redaktion. Den global steigenden Fleischkonsum empfinde er als bedrohlich. Besonders im Hinblick auf die ebenfalls wachsende Weltbevölkerung. Demnach würde derzeit zu viel Fläche für Futtermittel und Weidehaltung gebraucht. „Und diese Tatsache wird kaum politisch thematisiert“, so Bandt.

Aber ist Fleisch- oder Nicht-Fleischkonsum wirklich ein politisches Thema? Zumindest für junge Vegetarier und Veganer. Diese leben laut Fleischatlas nämlich nicht nur deutlich nachhaltigkeitsorientierter, sondern sehen sich selbst gar als Pioniergruppe eines zukunftsfähigen Ernährungsstils. Entscheidend zu dieser Einstellung beigetragen habe nicht zuletzt die Klimabewegung „Fridays for Future“.

Deren Anhängerinnen und Anhänger machen sich für möglichst umfassende und effiziente Klimaschutz-Maßnahmen stark. Offenbar reicht es den zumeist jungen Mitstreiterinnen und Mitstreitern um die schwedische Klimaktivistin Greta Thunberg aber längst nicht, nur Forderungen an die Politik zu stellen. Durch den Verzicht oder zumindest die Reduktion ihres Fleischkonsums bemühen sie sich auch im Privaten darum, der Klimakrise Einhalt zu gebieten.

Rund ein Drittel derjenigen, die angaben, sich vegetarisch oder vegan zu ernähren, hätten ihre Essgewohnheiten demnach erst 2019 auf fleischfrei umgestellt. Also dem Jahr, in dem die deutschlandweiten Demonstrationen der Bewegung ihren Höhepunkt erreichten. Damals strömten fast wöchentlich zehntausende junge Menschen auf die Straßen der Republik.

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Fleischverzicht schont Klima und Umwelt

Tatsächlich, das betonen auch die Autorinnen und Autoren des Fleischatlas, können Klima und Biodiversität nur dann geschützt werden, wenn die Industrieländer ihren Fleischkonsum mindestens halbieren. In den meisten Nationen liege dieser seit Jahrzehnten allerdings relativ konstant auf hohem Niveau. Die Deutschen beispielsweise verzehrten im Jahr 2019 rund 60 Kilogramm pro Kopf. In den USA und Australien waren es gar 100.

Und das, obwohl die Fleischwirtschaft zur Erwärmung des Planeten beiträgt. Produktion, Lagerung und Verarbeitung von Futtermitteln und Dung ebenso wie Methan, das Wiederkäuer wie Rindern und Schafe während der Verdauung freisetzen, trägt laut der UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) mit immerhin rund 14,5 Prozent zu den globalen Treibhausgasemissionen bei. Und: Bis 2028, so prognostizieren die Expertinnen und Experten des Fleischatlas, könnte der globale Fleischkonsum um weitere 13 Prozent wachsen.

Laut Umfrage sehen vor allem junge Erwachsene den Staat deshalb zumindest in der Mitverantwortung für eine nachhaltige Ernährung. Bleibt nur die Frage, welche Maßnahmen überhaupt geeignet wären, den anhaltend hohen Fleischkonsum der Deutschen zu senken?

„Wir müssen weg von Billigpreisen für Fleisch. Zum Beispiel, indem die Kosten für gute Tierhaltung und Bio-Produktion auf Lebensmittel aufgeschlagen. Weil das bislang nicht passiert, bleibt Fleisch ein Ramschprodukt“, sagt Bandt.

Wer Umwelt und Klima zuliebe gänzlich darauf verzichtet, Fleisch zu verzehren, geht womöglich den radikalsten aller Schritte. Einen, zu dem sich längst auch nicht alle durchringen möchten. „Es hilft auch nicht, Enthaltsamkeit zu predigen. Wer Hochwertiges konsumiert und dafür vielleicht seltener Fleisch isst, macht schon vieles richtig.“

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