Krankheiten

Diese Erreger könnten die nächste Pandemie auslösen

Die WHO listet zehn Erreger auf, die die öffentliche Gesundheit bedrohen. Stürzt einer von ihnen die Welt ins nächste Unglück?

Corona in Bayern: Katastrophenfall und Ausgangsbeschränkungen geplant

Bayern will wegen der weiter steigenden Corona-Zahlen erneut den Katastrophenfall ausrufen. Außerdem sollen weitreichende Ausgangsbeschränkungen verhängt werden.

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Berlin.  Schweine, Vögel, Fledermäuse, Ratten oder Dromedare: Tiere haben in der Geschichte der Menschheit schon viele Krankheiten übertragen – lokal, regional, weltumspannend. Die Pest zum Beispiel, die Spanische, die Russische, die Asiatische Grippe, Aids, Ebola, Corona. Die Liste ist lang und sie dürfte noch länger werden. Denn obwohl die aktuelle Pandemie nicht einmal zu Ende ist, ist sich die Wissenschaft sicher, dass nach dieser die nächste kommen wird.

„Die Frage ist nicht, ob sie kommt, sondern wann“, sagt Professor Luka Cicin-Sain vom Helmholz-Zentrum für Infektionsforschung. Eine Vorhersage sei deshalb unmöglich, weil eine Pandemie von vielen Faktoren abhängig sei. „Es hat mit Stochastik zu tun“ – mit Wahrscheinlichkeiten also und Mathematik.

Viele Fehler bei der Kopie des RNA-Erbguts

Virologe Cicin-Sain glaubt, dass es erneut ein Virus mit einem RNA-Erbgut sein dürfte, das das nächste Unglück auslösen wird. „Solche Viren haben bereits die anderen Ausbrüche und Pandemien verursacht“, sagt der Wissenschaftler, „Influenza, Sars-CoV-2, Sars, Mers, West-Nil- und Dengue-Fieber oder auch Ebola.“

Bei der Kopie des RNA-Erbguts passieren Cicin-Sain zufolge relativ viele Fehler. Diese sogenannten Mutationen ermöglichen es den Viren, von einem tierischen Wirt auf den Menschen überzuspringen. „Da der Mensch gegen eine neue Virusart kein Immungedächtnis hat, kann sie sich in der Bevölkerung ausbreiten“, so Cicin-Sain.

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Wie schnell das gehen kann, ist aktuell zu beobachten. In wenigen Wochen war das Coronavirus Sars-CoV-2 weltweit verbreitet. Und das nicht zum ersten Mal. Coronaviren haben den Weg von Tier zu Mensch und um weite Teile des Erdballs in den vergangenen 19 Jahren schon zweimal geschafft. Mit schlimmen Folgen und vielen Toten.

In der Regel verursachen sie eine Erkältung

Schon etwa seit den 1960er-Jahren zirkulieren mehrere Corona-Stämme in weiten Teilen der Bevölkerung. Die meisten Menschen hatten irgendwann in ihrem Leben bereits Kontakt mit ihnen. In der Regel verursachen diese Viren eine leichte Erkältung. Sie gelten als harmlos.

In Fledermäusen und Kamelen aber veränderte sich der Erreger und sprang auf den Menschen über. Dann kam es zur Ansteckung von Mensch zu Mensch. So geschah es bei Sars 2002/2003 und bei Mers 2012 – zwei von Coronaviren verursachte Krankheiten, die die Atemwege schwer schädigen können.

Der Sars-Erreger hat fast 10.000 Menschen weltweit infiziert und jeden zehnten von ihnen getötet. Der Schwerpunkt lag in Südostasien. Der Mers-Erreger zirkuliert noch immer. In bis zu 35 Prozent der Fälle verläuft die Krankheit tödlich. Mehr als 2500 Betroffene in 27 Ländern sind bis heute bestätigt, drei davon laut Robert Koch-Institut auch in Deutschland. Der Schwerpunkt liegt in Saudi-Arabien. Dazu auch:Wie Corona? Drosten warnt vor Pandemiepotenzial von Mers

Nur weil es den Sars- und Mersviren aufgrund ihres Aufbaus schwerer fiel, menschliche Zellen zu infizieren, blieben 2002 und 2012 jene Krisen und Verwerfungen aus, die aktuell zu beobachten sind. Etwa 1,5 Millionen Menschen sind an oder mit Sars-CoV-2 bereits gestorben, die ökonomischen Kosten könnten sich Schätzungen zufolge auf über vier Billionen US-Dollar auftürmen.

Seit 2005 existiert ein nationaler Pandiemieplan

Dass viele Erreger Pandemiepotenzial haben, ist lange bekannt. In den vergangenen 100 Jahren gab es sieben Ausbrüche mit Millionen Toten, meist verursacht von mutierten Grippeviren:

  • 1918,
  • 1957/58,
  • 1968,
  • 1977,
  • 2002,
  • 2009,
  • 2012.

Seit Jahrzehnten beschäftigt sich die Politik mit dieser Bedrohung. 1993 machte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) erstmals darauf aufmerksam, 1999 veröffentlichte sie die ersten Pandemie-Richtlinien, die 2005 und 2009 aktualisiert wurden. In Deutschland existiert seit 2005 ein nationaler Pandemieplan.

„Es gibt bis zu zehn Erreger, die die WHO aktuell als besonders gefährlich für die öffentliche Gesundheit eingestuft hat“, sagt Christine Dahlke. Die Biologin aus der Gruppe „Klinische Infektionsimmunologie“ am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf forscht nicht nur an der Entwicklung neuer Impfstoffe gegen Covid-19 und Mers, sie arbeitet auch an einem Projekt mit, das durch Cepi gefördert wird. Cepi ist eine globale Partnerschaft zwischen öffentlichen, privaten und zivilgesellschaftlichen Organisationen. Sie wurde 2017 mit dem Ziel gegründet, Vakzine gegen zukünftige Epidemien zu entwickeln.

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Auf der Gefahrenliste der WHO stehen Namen, die mehr oder weniger bekannt sind:

  • Sars,
  • Mers,
  • Ebola,
  • Marburg,
  • Kongo-,
  • Lassa- und
  • Rift-Valley-Fieber, aber auch
  • Nipah- und Henipavirus.

Sie ist Instrument und Eingeständnis zugleich: Weil die Anzahl der Erreger so groß ist, dass nicht alle bekämpft werden können, müsse sich die weltweite Forschung an Prioritäten ausrichten. „Dies ist weder eine vollständige Liste noch gibt sie die wahrscheinlichsten Ursachen für die nächste Epidemie an. Die WHO überprüft und aktualisiert sie“, heißt es in einem Kommentar der Organisation.

Ebola-Ausbruch 2014 als Wendepunkt

Dass es diese Auflistung überhaupt gibt, hat mit einer Epidemie zu tun, die sich von 2014 bis 2016 in Afrika ereignete. Übertragen wahrscheinlich von einem Flughund, tötete Ebola mehr als 11.000 Menschen. 40 Prozent der Infizierten starben. „Der erste starke Ausbruch der Ebola-Krankheit war ein Wendepunkt“, sagt Christine Dahlke. Die Welt hatte erkannt, dass sie aller Pläne zum Trotz nicht vorbereitet war. Lesen Sie dazu auch:Ebola ist zurück - der Kampf gegen die Seuche

Vor allem die Impfstoffforschung bekam Dahlke zufolge durch das neue Bewusstsein einen Schub. Cepi und andere Organisationen entstanden, es wurde viel Geld zur Verfügung gestellt. „Ohne die dabei aufgebauten Strukturen wären wir bei der Entwicklung von Impfstoffen in der aktuellen Krise nicht so schnell vorangekommen“, sagt Dahlke.

Für Sars-CoV-2 gibt es mittlerweile einen in Großbritannien zugelassenen Impfstoff und weitere Kandidaten im Zulassungsverfahren. Im Weltrekordtempo waren sie entwickelt worden. Und auch die Arbeit an einem Vakzin gegen Mers läuft vielversprechend. „Im Februar soll eine Studie in Hamburg und Rotterdam mit bis zu 160 Teilnehmern starten“, sagt Dahlke.

Kommt die Werkzeugbox für Impfstoffe?

Angetrieben durch die aktuelle Pandemie, sieht die Biologin die internationale Impfforschung auf einem guten Weg. Im besten Fall entstehe dabei eine Art Werkzeugbox für die Herstellung neuer Vakzine. „Man entschlüsselt, um welches Virus es sich handelt, und hätte dann gleich das entsprechende Ziel für einen Angriff.“

Dass dabei jederzeit Unvorhersehbares passieren kann, ist Wissenschaft und WHO bewusst. Deshalb steht auf der Liste der gefährlichsten Erreger an letzter Stelle ein X. In einer Fußnote dazu heißt es: „Die Krankheit X repräsentiert das Wissen, dass eine schwere internationale Epidemie durch einen Erreger verursacht werden könnte, von dem derzeit nichts bekannt ist.“