Interview

Alexander Kekulé: „Ernstzunehmende Gefahr“ an Weihnachten

| Lesedauer: 9 Minuten
Kai Wiedermann
Adventszeit mit Corona-Regeln - wie fühlt sich das an?

Adventszeit mit Corona-Regeln - wie fühlt sich das an?

Kein Weihnachtsmarkt, Kontakte reduzieren, Festtage mit Einschränkungen: was sagen die Menschen angesichts der bevorstehenden Adventszeit zu den neusten Corona-Beschränkungen? Ein kleines Stimmungsbild aus Berlin.

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Ein Mehrgenerationenfest wie Weihnachten muss in der Corona-Zeit gut vorbereitet sein, sagt Virologe Alexander Kekulé im Interview.

Berlin.  Jeder Einzelne könne dazu beitragen, das Infektionsrisiko zu Weihnachten einzudämmen, sagt Professor Alexander Kekulé . Der Direktor am Institut für Medizinische Mikrobiologie des Universitätsklinikums in Halle (Saale) empfiehlt, sieben Tage vor dem Fest Risikokontakte zu vermeiden. Zur Not müsse auch für die Feier an Heiligabend ein privates Sicherheitskonzept her. Wie das aussehen kann, erklärt er im Interview.

Herr Kekulé, könnte es zu Weihnachten tatsächlich jene Katastrophe geben, die einige Experten vorhersagen: dass sich Sars-CoV-2 bei der ganzen Feierei ex­trem verbreitet?

Prof. Alexander Kekulé : Wir Deutschen haben an Weihnachten die Tradition, über Generationen hinweg mit der Familie zu feiern. Und deshalb sind wir jetzt in einem ähnlichen Risiko, das die Menschen in Norditalien im Frühjahr hatten. Die Norditaliener leben das ganze Jahr über ein Multigenerationenleben, das muss man sehen. Bei uns dagegen gibt es speziell an Weihnachten die ernstzunehmende besondere Gefahr, dass sich viele Menschen infizieren, die über 70 Jahre alt sind. Und diese haben, wenn sie sich infizieren, ein Sterberisiko von fast zehn Prozent. Aber ich denke, dass wir dieses Risiko steuern können.

Sie finden das Konzept der Politik für die Rettung von Weihnachten also annehmbar?

Ich hätte mir ein bisschen mehr gewünscht, etwa bundesweite Weihnachtsferien ab dem 17. Dezember. Aber darauf konnte man sich offenbar nicht einigen. Trotzdem: Die Maßnahmen beinhalten die Möglichkeit, dass wir bis Weihnachten bei den Infektionszahlen deutlich weiter unten sind, wenn ein Großteil der Bevölkerung sich daran hält. Und da kommt es tatsächlich auf jeden Einzelnen an. Allerdings fand ich es mutig, das jetzt schon zu kommunizieren. Die Politik wettet hier auf fallende Zahlen. Wenn es sehr viel anders kommt, haben die Ministerpräsidenten und die Kanzlerin ein Kommunikationsproblem.

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Was kann denn jeder Einzelne tun?

Das Wichtigste ist, dass man vor Weihnachten versucht, Risikokontakte zu reduzieren. Wo das möglich ist, kann sich jeder im privaten Bereich selbst überlegen. Wir sind ja inzwischen ein virologisch aufgeklärtes Volk. Die dafür notwendigen Hintergrundinformationen habe ich ja auch in meinem neuen Buch aufgeschrieben. Wir sollten geschlossene Räume mit vielen Menschen meiden und Kontakte mit Personen, die eine hohe soziale Aktivität haben, seien es etwa manche Studenten oder andere, von denen wir wissen, dass sie viel unterwegs sind und sich nicht immer an die Hygieneregeln halten.

Das klingt streng.

Für den Fall, dass an Weihnachten die ältere Generation mit dabei ist, darf man sich keine Lücke erlauben. Jüngere Familien mit kleinen Kindern, die nur unter sich bleiben, müssen das nicht ganz so streng nehmen.

Wie lange vor dem Fest sollte ich mich zurücknehmen?

Man sollte eine Woche vorher Ernst machen. Die Inkubationszeit von Covid-19 beträgt fünf Tage plus minus zwei. Das heißt: Im Zeitraum zwischen drei und sieben Tagen hat etwa die Hälfte aller betroffenen Personen die ersten Symptome. Das erlaubt eine vernünftige private Risikoabwägung. Jeder kann dann selbst planen, wie er oder sie das umsetzt. In Absprache mit dem Arbeitgeber Homeoffice machen, Urlaub oder freie Tage nehmen. Ich glaube, dass die meisten das hinkriegen.

Aber es gibt auch Menschen, die im Handel oder in der Pflege arbeiten müssen.

Für diese Menschen ist für den Weihnachtsabend ein privates Sicherheitskonzept sinnvoll. Man kann dabei sogar so weit gehen, dass man sagt, der Senior sitzt am äußersten Ende des Tisches und hält ein bisschen mehr Abstand. Er trägt eine FFP2-Maske und die Familie eine einfache OP-Maske. Nur zum Essen nimmt man die Masken ab. Ich weiß – das ist jetzt nicht richtig weihnachtsmäßig, aber es wäre die Ultima Ratio. Und vielleicht versuchen diese Teilnehmer auch, sich vor dem Fest testen zu lassen.

Ich kann aber nicht einfach in die Apotheke gehen und mir diese Tests kaufen.

Man hätte das mit den Selbsttests sehr wohl bis Weihnachten hinbekommen können, hat deren Bedeutung aber zu spät erkannt. Leider. Also müssen diese Tests rein rechtlich von medizinisch geschultem Personal durchgeführt werden und dürfen in Deutschland auch nicht an jedermann verkauft werden. Jeder approbierte Arzt aber kann sich diese Antigen-Schnelltests besorgen. Er hat dann zwar nicht die Berechtigung, sie weiterzuverkaufen, als Hausarzt kann er aber zu den Menschen kommen und sie durchtesten oder diese in die Praxis bestellen. Wenn Schüler, die bis zuletzt in der Schule waren, an Weihnachten mit Menschen der Generation Ü 80 an einem Tisch sitzen, wäre es schon vernünftig, wenn man sie vorher testet. Für diese Familien wäre der Hausarzt die richtige Adres­se, dann haben sie auch formal alles richtiggemacht.

Was können Sie noch empfehlen?

Die jungen Leute müssen wegen des Virus nicht hysterisch werden, für sie gilt das weniger. Aber ich zum Beispiel bin zwar gesund und habe selten schwere Infektionen, trotzdem habe ich selbstverständlich immer eine FFP2-Maske auf, wenn ich in der Bahn fahre oder im Bus sitze. Und zwar konsequent. Weil ich weiß, dass das Infektionsrisiko in einem geschlossenen Raum hoch ist, wenn man lange zusammensitzt.

Was geschieht im neuen Jahr?

Einen dritten Lockdown müssen wir jetzt wirklich vermeiden. Und dafür brauchen wir ein mittelfristiges Konzept. Das haben die Ministerpräsidenten der Länder nicht geliefert. Mein Vorschlag umfasst drei Bereiche – der erste ist dabei der wichtigste: der Schutz der Risikogruppen. Es kann nicht sein, dass wir Stand heute noch immer über 1000 Altersheime mit Ausbrüchen haben.

Was wäre der zweite Bereich?

Der Staat muss die essenziellen Lebensbereiche schützen, also solche, wo jeder hinmuss: etwa Schulen, Behörden, öffentlicher Verkehr. Da hat der Staat die Pflicht, den Menschen eine Teilhabe zu ermöglichen, auch wenn sie persönlich ein hohes Risiko haben. Und deshalb sage ich: Dort muss generell und bundesweit ohne Frage die Maskenpflicht gelten. Nur in Ausnahmen und wo es sinnvoll ist, etwa in Grundschulen, kann das durch Schnelltests ersetzt werden.

Bleibt noch ein dritter Bereich.

Wir wissen, dass 80 Prozent der Infektionen über Superspreading laufen. Wenn der Staat das in den Griff bekommt, kann er beim Rest relativ großzügig sein. Mein Vorschlag: Für alle Veranstaltungen, wo sich mehr als 20 Personen in einem geschlossenen Raum über längere Zeit aufhalten, gilt entweder Maske oder Schnelltest. Wer das nicht will, auch im privaten Bereich, muss die Teilnehmerzahl reduzieren. Und alle Veranstalter, auch die privaten, sollten in die Pflicht genommen werden, die Teilnehmer zu registrieren.

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Was soll das bringen?

Wenn einer positiv ist, warnt der Infizierte den Veranstalter und der Veranstalter warnt alle anderen Teilnehmer. Dadurch könnte man ein paralleles Meldesystem einziehen, das auf privater Ebene viel, viel schneller ist und das eine höhere Bereitschaft zur Mitwirkung hätte. Wenn Sie etwa auf einer Hochzeit waren und merken, Sie sind covid­infiziert, dann wollen Sie natürlich Ihre Freunde und die anderen Gäste warnen. Das ist besser als das anonyme staatliche Meldesystem oder die Corona-Warn-App.

Ein privates Meldesystem ohne staatliche Kontrolle?

Einige meiner Kollegen sagen, das sei ziemlich optimistisch. Aber ich sage: Gerade das Freiwillige würde die Leute mitnehmen, die jetzt ausscheren. Und die Nachverfolgung durch die Gesundheitsämter bleibt ja parallel dazu bestehen.

Was glauben Sie: Wann ist Corona besiegt?

Das allerschlimmste Risiko, das Sie aktuell haben können, ist, alt zu sein und in einem Heim zu wohnen. Da müssen wir anfangen zu impfen, da sind sich alle Fachleute einig. Deshalb wird man wohl noch dieses Jahr beginnen, in den Alten- und Pflegeheimen zu verimpfen, was geliefert wird. Und das ist eine sehr gute Nachricht, weil das bedeutet, dass wir relativ zeitnah die Sterblichkeit senken werden.

Aber dann ist das Leben noch nicht normal.

Dass wir in Richtung Impfung der gesunden Allgemeinbevölkerung –also Massenimpfungen in großen Impfzentren – gehen, damit rechne ich im Zeitraum April bis Juni. Im Sommer könnte die Seuche dann verschwinden und im Herbst hoffentlich nicht wiederkommen. Das ist mein optimistisches Szenario.