Sterbebegleitung

Experten erklären: So überwindet man die Angst vor dem Tod

Claudia Bausewein und Rainer Simader begleiten Menschen beim Sterben. Sie erklären, wie man über das Unvermeidliche sprechen kann.

Je später wir beginnen, uns mit dem Sterben zu beschäftigen, desto komplexer wird die Situation.

Je später wir beginnen, uns mit dem Sterben zu beschäftigen, desto komplexer wird die Situation.

Foto: istock / iStock

Berlin. Es ist ein Thema, über das niemand gerne redet: Wir alle werden einmal sterben. Doch nahezu jeder Mensch hat Fragen zum Tod. Deutschlands führende Palliativmedizinerin Claudia Bausewei n aus München und der Wiener Hospiz-Experte Rainer Simader haben beide langjährige Erfahrungen in der Sterbebegleitung gesammelt und diese in einem Buch zusammengefasst.

Es soll Antworten auf die Fragen geben, die Sterbende und ihre Angehörigen beschäftigen. Im Interview sprechen die Autoren darüber, was ein gutes Lebensende ausmacht – und wie man über darüber miteinander reden kann.

Frau Bausewein, Sie arbeiten seit über zwanzig Jahren in der Palliativmedizin. Was haben Sie dabei über den Tod gelernt?

Claudia Bausewein: Über den Tod steht wenig in den Lehrbüchern. Ich glaube, ich habe über die Zeit vor allem gelernt, dass er so individuell wie das Leben ist. Man kann den Tod nicht in Kategorien ordnen.

Warum fürchten sich so viele Menschen vor dem eigenen Tod?

Rainer Simader: Das liegt zum einen daran, dass der Mensch Angst durch Erfahrung verliert. Und wir sterben eben alle nur einmal. Zum anderen ist es so, dass das Sterben heute sehr viel weniger Platz in unserem Leben einnimmt. Früher war der Tod viel präsenter und normaler, da Angehörige oft früher gestorben sind. Das ist heute seltener und macht eine Auseinandersetzung mit der eigenen Vergänglichkeit nahezu unmöglich. Auch weil die moderne Medizin suggeriert, dass man alles wiedergutmachen kann.

Bausewein: Wir beide reden oft darüber, dass man sich den Tod eigentlich auf groteske Weise jeden Abend ins Wohnzimmer holt – es gibt keinen Krimi ohne Mord, keine Nachrichten ohne Tote. Das erleichtert es natürlich, den Gedanken an die eigene Endlichkeit, die auch als bedrohlich empfunden werden kann, wegzuschieben. In den Medien sterben die Anderen. Wer sich aber mit dem eigenen Sterben auseinandersetzt, kann die Angst vor dem Tod überwinden.

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Oft fällt es schwer, über den bevorstehenden eigenen Tod oder den eines geliebten Menschen zu sprechen. Wie kann man einen offenen Umgang schaffen?

Simader: Indem man Gesprächsräume schafft. Wenn man beispielsweise weiß, dass eine Freundin bei einer Nachsorgeuntersuchung oder Ähnlichem war, kann man anbieten, dass sie davon erzählen kann. Ganz ohne Ratschläge zu geben, einfach das Angebot machen: „Ich halte aus, dass du mir Dinge erzählst, die sehr belastend sind. Ich bin da.“ Wir müssen die Probleme der Anderen nicht lösen, aber sie wissen lassen, dass wir bereit sind, ihnen zuzuhören.

„99 Fragen an den Tod“ – Das sind die Autoren

  • Prof. Dr. Claudia Bausewein ist Direktorin der Klinik und Poliklinik für Palliativmedizin am Klinikum der Universität München und Lehrstuhlinhaberin für Palliativmedizin. Sie zählt zu den führenden Palliativmedizinern Deutschlands und ist Mitglied im geschäftsführenden Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin.
  • Rainer Simader leitet das Ressort Bildung bei Hospiz Österreich, dem Dachverband aller Hospiz- und Palliativeinrichtungen in Österreich. Der Physiotherapeut war viele Jahre sowohl im häuslichen Umfeld von Patienten und Patientinnen wie auch in einem der bekanntesten Hospize weltweit, dem St. Christopher‘s Hospice in London tätig.

Was braucht es denn noch für ein gutes Lebensende?

Simader: Unterschiedliche Menschen benötigen unterschiedliche Dinge am Lebensende. Aber grundsätzlich gibt es beim Sterben mehrere Dimensionen. Körperliche Symptome oder Krankheitszeichen können wir in der Palliativmedizin mittlerweile so gut behandeln, dass die Patienten nicht mehr leiden. Und was die emotionale, soziale und auch spirituell-existenzielle Dimension angeht, ist es einfacher als gedacht: Man sollte für die sterbende Person einfach da sein, damit sie nicht einsam ist, und ehrlich kommunizieren.

Bausewein: Das Wichtigste ist auch, sich an den Betroffenen zu orientieren. Sie müssen sagen, was sie brauchen, was sie sich wünschen.

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Schon zu Lebzeiten fällt es nicht allen leicht, eigene Bedürfnisse zu kommunizieren. Wie kann das in einer so emotional belastenden Situation funktionieren?

Bausewein: Es gibt natürlich Menschen, denen das leichtfällt. Andere brauchen vielleicht erst einmal Unterstützung dabei, überhaupt wahrzunehmen, was ihre Bedürfnisse sind. Meistens hilft es, einfach und offen zu fragen, was ein Betroffener jetzt braucht, was für ihn am wichtigsten ist. Kaum jemand stellt diese Fragen, weil sie zu banal klingen. Viele Menschen sagen mir dann: „Mein Gott, das hat mich noch nie jemand gefragt.“ Es ist nicht immer einfach, über Wünsche am Lebensende zu sprechen. Wichtig ist, dem Patienten genug Raum zu geben – das gilt auch für Angehörige, die nicht für den Betroffenen antworten sollen.

Muss ich mir dann egoistisch vorkommen, wenn ich mit einem sterbenden Menschen über die eigenen Gefühle spreche?

Simader: Das ist es auf keinen Fall. Dadurch, dass ich über meine eigenen Emotionen spreche, kann ganz viel geheilt werden. Dass wir ehrlich und authentisch über unsere Gefühle sprechen und gleichzeitig beim Anderen nachfragen, kann auch sehr tröstend für den Betroffenen sein. Zurückhaltender sollte man dagegen mit Ratschlägen sein. Wir können uns ja gar nicht vorstellen, wie sich das Sterben für den Betroffenen anfühlt.

Was sollte denn im Gegenteil am Ende nie unausgesprochen bleiben?

Bausewein: Ganz einfach: Das, was man noch sagen will, was einem wichtig ist. Das kann sein, wie sehr man den anderen liebt oder um Verzeihung für etwas bittet. Man sollte immer überlegen, wenn der Andere gegangen ist oder man selbst gestorben ist, was würde man bereuen, wenn man es nicht angesprochen hätte. Wir nennen das „Denken von hinten“: Was möchte ich noch gemacht haben? Was möchte ich gesagt haben? Und das gilt für Patienten wie Angehörige.

Warum fürchten sich Menschen vor dem Aufenthalt auf der Palliativstation oder im Hospiz?

Bausewein: Wenn man ins Hospiz geht oder sich auf der Palliativstation behandeln lässt, ist man natürlich mit der eigenen Endlichkeit konfrontiert. Das macht es so bedrückend. Wir erleben es wirklich oft, dass Betroffene deshalb lange warten, bis sie sich auf der Palliativstation behandeln lassen. Sind sie dann aber erst mal da, fallen oft Sätze wie „wenn ich gewusst hätte, wie mir hier geholfen wird, wäre ich viel früher gekommen“. Wer auf die Palliativstation kommt, geht nicht zwangsläufig im Sarg raus. Wir freuen uns immer über Patienten, die in der letzten Lebensphase zwei oder dreimal kommen und wieder nach Hause gehen können.

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Das bedeutet ja, dass man sich am besten früh mit dem eigenen Sterben auseinandersetzen sollte.

Simader: Genau. Je später wir beginnen, als Betroffene und auch als Angehörige, uns mit dem Sterben zu beschäftigen, desto komplexer werden die Situationen. Wenn wir uns nicht frühzeitig damit auseinandersetzen, sind wir häufig überfordert, sprachlos, wenn die Zeit gekommen ist. Eine strukturierte Vorsorge, zum Beispiel durch das Ausfertigen eines Testaments und einer Patientenverfügung, kann Gespräche in Gang bringen und dadurch später viel Leid verhindern. Und in diesen Gesprächen geht es ja eigentlich nicht um das Sterben – sondern darum, wie man in der letzten Zeit noch gut leben kann.

Der Ratgeber „99 Fragen an den Tod. Leitfaden für ein gutes Lebensende“ ist bei Droemer HC erschienen und kostet 20 Euro.

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