Parlamentswahl

Adrian Hector – vielleicht der erste Transmann im Bundestag

Adrian Hector könnte der erste transgeschlechtliche Bundestagsabgeordnete werden. Der Physiker setzt sich für die Mobilitätswende ein.

Adrian Hector von den Altonaer Grünen hofft auf eine Nominierung für ein Bundestagsmandat.

Adrian Hector von den Altonaer Grünen hofft auf eine Nominierung für ein Bundestagsmandat.

Foto: Michael Rauhe / FUNKE Foto Services

Hamburg. An diesem Oktobermontag sind es gerade mal acht Grad in Hamburg. Trotzdem trägt Adrian Hector nur ein schwarzes T-Shirt, dazu Jeans. Er sitzt an einem Holztisch im Café Uhrlaub. Der Name ist eine Anspielung auf zahlreiche Uhren, die hier an den Wänden hängen. „Eine Empfehlung befreundeter Cis-Männer“, sagt der 36-Jährige.

Die Begrifflichkeiten, die Hector ganz selbstverständlich verwendet, wirken auf manche befremdlich. Für ihn sind sie Teil seiner Realität. Einer, in der Menschen als Cis-Männer und -Frauen bezeichnet werden, wenn ihre Geschlechtsidentität dem Geschlecht entspricht, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde. In Deutschland trifft das auf die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger zu. Nicht aber auf Adrian Hector.

Erster transgeschlechtliche Mann in der Bezirksversammlung Altona

Der IT-Projektleiter ist der erste transgeschlechtliche Mann in der Bezirksversammlung Altona. Und womöglich bald auch der erste im Bundestag. Das Geschlecht, das Hector bei seiner Geburt zugewiesen wurde, lehnt er ab. Er fühlt sich nicht als Frau, sondern als Mann. Die Wissenschaft spricht von Transidentität. Lesen Sie auch: Wer ist Vater, wer Mutter bei gleichgeschlechtlichen Paaren?

Als Mitglied der Bezirksversammlung Altona kümmert sich Hector seit 2019 um Gleichstellungspolitik und Sport. Zuvor sei er nicht politisch gewesen. Politisch im Sinne von: einer Partei zugehörig. Mit Beginn seiner Transition vor vier Jahren habe sich das geändert. Also mit dem Prozess der körperlichen und sozialen Angleichung an sein gefühltes Geschlecht.

Als Mitglied einer Selbsthilfegruppe und in Gesprächen mit anderen transgeschlechtlichen Personen habe er damals verstanden, dass für viele „das wahre Problem die staatliche Diskriminierung ist. Also die rechtliche Ungleichbehandlung von transgeschlechtlichen Personen.“

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Transidentität ist keine Frage der sexuellen Orientierung

Um ihren Vornamen und Geschlechtseintrag ändern zu können, müssten sie beispielsweise auf eigene Kosten zwei psychotherapeutische Gutachten anfertigen lassen und ein Gerichtsverfahren anstreben. So verlangt es das seit 1981 geltende sogenannte Transsexuellengesetz.

Im Zuge dessen werden antragstellende Personen von Fachkräften für Psychotherapie über ihr Privatleben ausgefragt: Wann sie bemerkt haben, dass sie trans sind. Warum sie glauben, eine Frau oder ein Mann zu sein. „Manche fragen auch nach dem Sexualleben“, so Hector. Dabei ist Transgeschlechtlichkeit keine Frage der sexuellen Orientierung, sondern der Identität.

Es geht nicht darum, wen transgeschlechtliche Menschen lieben, sondern wer sie sind. Am Ende dieses mitunter Jahre andauernden und kostspieligen Prozesses gibt eine Richterin oder ein Richter dem Antrag statt – oder lehnt ihn ab. Anträge, Gutachten, Psychologentermine: Während ihrer Transition müssen sich transgeschlechtliche Personen immer wieder vor Fremden erklären und rechtfertigen. Ein Umstand, der Betroffene nicht nur psychisch, sondern auch finanziell belasten kann.

Hector will Diskriminierung sichtbarer machen

Um das zu ändern, trat Hector zunächst dem Bundesverband Trans* e.V. bei, versuchte Lobbyarbeit zu betreiben und Abgeordnete des Bundestages davon zu überzeugen, bestehende Gesetze zu überarbeiten. Weit kam er allerdings nicht. „Ich wurde zwar immer herzlich willkommen geheißen, mir wurde zugehört und alle waren sehr betroffen. Geändert hat das nichts.“ Nun will er die „diskriminierenden, menschenrechtsverletzenden, trans- und interfeindlichen Gesetze“ als Mitglied der Grünen sichtbar machen und bestenfalls ändern. Lesen Sie auch: Oberstes US-Gericht stärkt Homosexuelle und Transgender

Seitdem er mit anderen Personen aus der Politik am Tisch sitze, könnten sich diese nicht mehr so leicht herausreden. Erst kürzlich habe er in der Bezirksfraktion beispielsweise einen Antrag zur gendergerechten Sprache gestellt und ihn mit den Stimmen seiner Fraktion, der Linken und der FDP durchbekommen. Seither gendern viele seiner Kolleginnen und Kollegen in ihren Reden. „Das liegt sicher auch daran, dass mit mir jemand im Raum ist, der direkt davon betroffen ist“, sagt Hector.

„Ich bin kein Genderwissenschaftler“

Dass er wegen seiner Transgeschlechtlichkeit für viele als Queer-Experte gilt, empfindet Hector mitunter aber auch als lästig. Genauso wenig wie es Aufgabe einer Frau mit Kopftuch sei, das Thema Diskriminierung zu besetzen, sei es nicht seine Aufgabe, allein über Geschlechter zu reden. „Ich bin viel mehr als nur Transmann. Das ist ein Thema, mit dem ich mich manchmal mehr beschäftige, als ich Lust drauf habe. Ich bin kein Genderwissenschaftler.“

Stattdessen setzt sich der promovierte Physiker für eine Mobilitätswende ein. Das Auto könne nicht länger das Nonplusultra sein, nach dem sich die komplette Verkehrsplanung zu richten hätte. Was anstelle dessen im Fokus stehen sollte? Fußgänger- und Fahrradverkehr. Er selbst hätte noch nie ein Auto besessen.

Hector betrieb Kampfsport auf Wettkampfniveau

Seine breiten Schultern verdankt Hector im Übrigen jahrelangem Kampfsport auf Wettkampfniveau. Sein selbstbewusstes Auftreten ebenfalls. Vor seiner Transition gewann er zwei Europameisterschaften im Brazilian Jiu-Jitsu, einer Weiterentwicklung der japanischen Kampfkünste Judo und Jiu-Jitsu. Bei einer Weltmeisterschaft belegte er den dritten Platz. Lesen Sie auch: Whistleblowerin Chelsea Manning kommt aus Haft frei

An Sport begeistere ihn, dass er Menschen zusammenbringe, die sonst nicht miteinander in Berührung kämen. Vormals Fremde würden zu einem Team, in dem es selbstverständlich sei, sich zu unterstützen und zu respektieren. Ungeachtet ihres Geschlechts, ihrer Religion oder Weltanschauung, sexuellen Identität oder sozialen Herkunft. „Jeder Mensch sollte die Möglichkeit haben, ohne Angst vor Gewalt und Diskriminierung Sport zu treiben“, sagt Hector.

Sitz im Bundestag möglich

Gleichstellungspolitik und Sport: Das gehöre zusammen. Beides liege ihm auch auf Bundesebene am Herzen. Tatsächlich könnte er bereits nach der Bundestagswahl im Herbst 2021 dort mitmischen. Altona sei einer der Wahlkreise, wo die Grünen sehr gute Chancen hätten, ein Direktmandat zu gewinnen. Zwar gebe es bislang noch keinen festen Termin für deren Aufstellung. Der 36-Jährige baut aber auf die Unterstützung seiner Fraktion.

Bleibt nur noch die Frage nach Hectors Wunsch-Kanzlerkandidaten der Union. Ex-CDU-Fraktionschef Friedrich Merz, Außenexperte Norbert Röttgen oder doch lieber NRW-Ministerpräsident Armin Laschet? Hector überlegt lange, blickt vom Wasserglas in seiner Rechten zum grünen Hinterhof des Cafés. Dann grinst er spitzbübisch. „Vom bisherigen CDU-Tableau vermag mich keiner zu überzeugen.“