Gynäkologie

Sterilisation: Warum viele Mediziner den Eingriff verweigern

Manche Frauen möchten keine eigenen Kinder und wünschen sich deshalb eine Sterilisation. Doch nicht alle Ärzte kommen dem Wunsch nach.

Deswegen gibt es noch keine Pille für den Mann

Die Pille für Frauen ist ein beliebtes, wenn auch umstrittenes Verhütungsmittel. Warum gibt es keine Alternative für den Mann? Ausnahmsweise ist es hier mal beim männlichen Geschlecht komplizierter. Dazu kommen Stigmata und Faulheit. Aber vielleicht wird sich das bald ändern.

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Berlin. Beim Gedanken daran, Mutter zu werden, fühlt sie sich unwohl. Ebenso wie im Kreuzverhör ihres Arztes. Renata Weller (33) will sich sterilisieren lassen. Der Mediziner will wissen, wie lange sie diesen Wunsch schon hegt. Ob sie einen Partner hat. Er erzählt von seinen eigenen Kindern und Enkelkindern.

„Möchten Sie nicht auch eine große Familie?“ Er will seine potenzielle Patientin testen. Ein Muttergefühl wecken. Einen verborgenen Kinderwunsch ansprechen. Doch da ist keiner. Weller ist sich ihrer Entscheidung sicher. Sich deren Endgültigkeit bewusst. Schließlich erklärt sich der Mediziner dazu bereit, den Eingriff durchzuführen.

Sterilisation: Eierstöcke produzieren auch weiterhin Hormone

Er wird die Eileiter der jungen Frau veröden, wodurch Samenzellen nicht mehr bis zur Eizelle gelangen können. Der Eingriff erfolgt mittels Bauchspiegelung, die in der Regel ambulant durchgeführt werden kann. So auch in Wellers Fall.

Durch einen kleinen Schnitt am Bauchnabel wird eine etwa einen Zentimeter dicke Röhre inklusive Kamera in den Bauchraum eingeführt. So können beide Eileiter gezielt erfasst und verschlossen werden. Anschließend ist die Patientin unfruchtbar. Die Kosten für eine Sterilisation – zwischen 500 und 1000 Euro – tragen Frauen seit der Gesundheitsreform im Jahr 2004 selbst.

Nach Angaben von pro familia, der Deutschen Gesellschaft für Familienplanung, Sexualpädagogik und Sexualberatung, entscheiden sich hierzulande rund fünf Prozent aller Frauen im Alter von 18 bis 49 Jahren für eine Sterilisation. Ihre Beweggründe sind vielfältig. Sie eint jedoch, dass Betroffene keinen Wunsch (mehr) verspüren, Mutter zu werden.

Sterilisation zuverlässiger als Pille oder Kondom

Tatsächlich minimiert der Eingriff das Risiko ungewollter Schwangerschaften zuverlässiger als etwa die Pille, ein Kondom oder die Kupferspirale. Und das, ohne in den Hormonhaushalt der Patientinnen einzugreifen.

Denn eine Sterilisation wirkt sich nicht auf die Funktion der Eierstöcke aus. Sie produzieren weiterhin Hormone. Zyklus, Figur und sexuelles Empfinden bleiben gleich. Die Verhütungsmethode ist jedoch endgültig. Versuche, sie rückgängig zu machen, sind schwierig. Die Erfolgschancen gering.

Frauen, die sich für den Eingriff entscheiden, suchen oft jahrelang nach einer Gynäkologin oder einem Gynäkologen, der bereit ist, die Operation vorzunehmen. Tatsächlich verweigern zahlreiche Ärztinnen und Ärzte Frauen eine Sterilisation, weil sie befürchten, die Patientinnen könnten sie bereuen. Andere lehnen den Eingriff ab, weil er medizinisch nicht notwendig ist.

„Ärztinnen und Ärzte dürfen nach eigenem Gewissen und moralischer Einstellung entscheiden, ob sie die Operation durchführen möchten“, sagt Christian Albring, Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte. Doch wie viele Frauen bereuen ihre Sterilisation wirklich? Und wie berechtigt ist damit auch die Sorge vieler Medizinerinnen und Mediziner?

Fünf bis zehn Prozent der Frauen bereuen eine Sterilisation

Laut pro familia wünschen sich fünf bis zehn Prozent aller Frauen, den Eingriff rückgängig machen zu können. Ihre Reue rühre daher, dass sie sich entweder aus einer Drucksituation, wie einer kriselnden Partnerschaft heraus, dafür entschieden hätten, die Operation direkt im Anschluss an eine Geburt oder einen Kaiserschnitt hätten durchführen lassen oder zum Zeitpunkt des Eingriffs noch sehr jung waren.

„Manche Frauen entwickeln mit Ende 30, Anfang 40 noch mal einen Kinderwunsch, haben sich aber bereits sterilisieren lassen“, sagt Frauenarzt Albring. Er selbst habe das bereits mehrfach erlebt. Dennoch: Rechtfertigt das Bedauern einzelner Frauen erschwerte Bedingungen für alle?

Verein setzt sich für freie Entscheidung zur Sterilisation ein

Wellers Frauenärztin hätte sie nicht einmal zum Thema Sterilisation beraten wollen. Stattdessen habe sie die junge Frau zu einem Kollegen überwiesen, der auf seiner Praxiswebseite darüber informiert, die Operation vorzunehmen. Kein Regelfall, denn „anders als bei Vasektomien, also der Sterilisation des Mannes, gibt es für entsprechende Eingriffe bei Frauen keine Adressenlisten“, erklärt Susanne Rau, Gründerin des Vereins Selbstbestimmt steril.

Einige Praxen würden online zwar darauf hinweisen, dass sie Sterilisationen durchführen. Allein die Erwähnung sei aber noch keine Garantie für einen Eingriff. Häufig müssten interessierte Frauen deshalb sämtliche Gynäkologinnen und Gynäkologen in ihrem Umkreis kontaktieren, um herauszufinden, ob sie bereit sind, die Operation durchzuführen.

Über ihren Verein, der sich für die freie Entscheidung zur Sterilisation einsetzt, habe Rau von etlichen solcher Fälle gehört. Die Frauen seien mit ihrem Anliegen häufig schon an den Rezeptionen von Praxen und Kliniken abgewiesen worden. „Viele Medizinerinnen und Mediziner nehmen den Wunsch schlichtweg nicht ernst“, sagt Rau. Und sprechen Frauen damit sowohl ihr Recht auf Selbstbestimmung als auch auf Eigenverantwortung ab.

Keine Richt- oder Leitlinien für eine Sterilisation

Seit zwei Jahren nun schon trägt Rau deshalb mit Kolleginnen Kontaktdaten von Kliniken, Ärztinnen und Ärzten zusammen, die Sterilisationen durchführen und der Veröffentlichung zustimmen. Sie können auf einer Karte über die Vereinswebseite abgerufen werden.

Gerade einmal 15 Gynäkologinnen und Gynäkologen sind bislang darauf verzeichnet. Deutschlandweit. Nutzerinnen und Nutzer können die Ergebnisse unter anderem nach Anzahl bereits geborener Kinder und Mindestalter filtern.

Sterilisation: Ärzte entscheiden nach Kriterien, aber ohne entsprechende Richtlinie

Denn obwohl sich Frauen hierzulande bereits ab dem vollendeten 18. Lebensjahr legal sterilisieren lassen können, nehmen Ärztinnen und Ärzte den Eingriff oft erst vor, wenn die Patientinnen Mitte 30 sind. Oder bereits Kinder geboren haben. Einige fordern gar ein psychologisches Gutachten.

„Dahinter stecken Erfahrungen von Gynäkologinnen und Gynäkologen, die es anders gemacht und dann Patientinnen erlebt haben, die ihre Entscheidung bereut haben“, sagt Frauenarzt Albring. Eine Richt- oder Leitlinie mit entsprechenden Kriterien existiert nicht.

Gynäkologe rät zur Sterilisation des Mannes

Sein Rat: Statt der Frau solle sich der Mann sterilisieren lassen. Der Eingriff sei einfacher durchzuführen, günstiger und könne rückgängig gemacht werden. Die wichtigste Voraussetzung für eine Vasektomie ist eine vorherige Beratung durch eine Fachärztin oder einen Facharzt.

Alter, Anzahl der leiblichen Kinder oder Familienstand spielen hierbei keine oder nur eine untergeordnete Rolle. Ärztinnen und Ärzte, die den Eingriff durchführen, lassen sich per Internetsuche finden. Für Frauen, die nicht in einer festen Partnerschaft mit einem Mann leben, dürfte das jedoch keine Alternative sein.

Weller ist froh, sich bald keine Gedanken mehr um eine ungeplante Schwangerschaft machen zu müssen. Wie ihr Umfeld auf ihren Entschluss für eine Sterilisation reagiert hat? „Die Jungen verständnisvoller, die Älteren weniger.“ Dass sie ihre Entscheidung jemals bereuen könnte, daran glaubt sie nicht.