Arbeitsleben

Sabbatical: Wie es sich anfühlt, eine Auszeit zu nehmen

Raus aus dem Job – der Weg zum Sabbatical verläuft kurvenreich. Doch nicht nur der Start hat seine Tücken, sondern auch die Rückkehr.

Pause auf dem Arthur’s Pass mit Blick auf die neuseeländischen Alpen.

Pause auf dem Arthur’s Pass mit Blick auf die neuseeländischen Alpen.

Foto: Kai Wiedermann

Berlin. Ich wusste, dass ich reisen wollte. Nicht Wochen, sondern Monate. Ich wollte raus aus Deutschland und raus aus Europa. Südamerika sehen, Neuseeland, Asien. Bis zur Rente wollte ich damit nicht warten. Ich sehnte mich nach einer Auszeit vom Job, nach einem Sabbatical. Nur wusste ich nicht, wie man das anstellt.

Vermeintliche Hürden gibt es viele. Die meisten davon stehen im Kopf, in Form von Fragen. Was wird mein Arbeitgeber dazu sagen? Kann ich mir das leisten? Was bedeutet das für meine Rente? Wie soll ich mich gegen Krankheit versichern und was mache ich mit der Wohnung? Aufgeben oder untervermieten, womöglich an Fremde?

Heute bin ich schlauer. Denn wir haben es gemacht, meine Partnerin und ich. Fast sechs Monate hat die Vorbereitung gedauert, neun Monate waren wir raus aus dem Job, sechs davon im Ausland. Die Reise fiel etwas kürzer aus als geplant – wegen Corona. Seit einigen Wochen sind wir zurück im Arbeitsleben. Was für eine Erfahrung.

Sabbatical: Es reicht nicht zu wollen, man muss umsetzen

Eine Auszeit vom Job zu realisieren hat viel mit Psychologie zu tun. Mit Reflektion und Dekonstruktion. Wäre es mir nicht gelungen, das Große und Ganze in Stücke zu zerteilen, wäre ich wohl irgendwann zurückgeschreckt. Denn es reicht nicht zu wollen, man muss organisieren und umsetzen. Und zwar so, dass sich das Große und Ganze auch weiterhin gut anfühlt.

Begonnen hatte unser Plan recht leise, quasi in einem Nebensatz. Dann wurde ein Nachdenken daraus. Bis klar war, was wir wollten, vergingen Wochen. Dann waren wir uns sicher: Neues sehen und Menschen begegnen, hinausblicken über den Rand des Alltags. Wir wollten den Kopf so richtig durchlüften. Am Ende haben wir uns in einen Park gesetzt, geredet und geträumt. Dann haben wir gesagt: Lass es uns versuchen.

• Mehr zum Thema: Der lange Weg zum Sabbatical: So bekommt man die Auszeit

Wenige Pläne, viel Freiraum und 17 Kilogramm Gepäck

Auf dem Weg zum Ziel habe ich Chancen oder Risiken betrachtet, je nach Tagesform. Beides war bestimmt von starken Gefühlen, Sehnsucht und Angst. Das hat erst aufgehört zu stören, als ich aus Denken Handeln gemacht habe. Wir haben hier angerufen, dort eine Mail geschrieben, gelesen und gefragt. Mit jeder Antwort haben sich vermeintliche Probleme aufgelöst. Für alles gab es eine Lösung.

Natürlich sind wir dabei an Punkte gekommen, an denen es brenzlig wurde. Die Zwischenmiete für unsere Wohnung zum Beispiel erwies sich als schwierig. Die Zweifel wuchsen. Doch dann haben wir den nächsten Spiegelstrich auf der Liste betrachtet, abgehakt und uns darüber gefreut. Vorfreude ist bei einer Auszeit wahnsinnig wichtig. Sie wirkt wie ein Schwungrad.

Die Reise selbst war ein Traum: Mexiko, Chile, Argentinien, Neuseeland, Indonesien, Singapur, Taiwan, Japan. Das Smartphone ist dabei ein geniales Werkzeug. Es macht das Organisieren sehr einfach. Ansonsten gilt: Schlicht ist gut. Wenige Pläne, viel Freiraum, 17 Kilogramm Gepäck. Essen, Schlafen, Transport – das sind die großen Themen, wenn man unterwegs ist. In Japan war dann leider Schluss. Es ging nicht weiter. Das mussten wir akzeptieren. Gegen eine Pandemie konnten und wollten wir nicht anreisen.

Ich hatte nicht erwartet, dass ich es vermissen könnte

Zurück in Deutschland, haben sich merkwürdige Gefühle eingestellt. Eines der merkwürdigsten war, dass ich es als schön empfand, blind meine Ziele zu erreichen. Ich wusste auf Anhieb, woher ich gehen oder radeln muss. Das hatte ich sechs Monate nicht erlebt. Und ich hatte nicht erwartet, dass ich es vermissen könnte.

Nach zwei Wochen Quarantäne haben wir uns Aufgaben gesucht: Gartenarbeit und Wanderungen in der Umgebung. Denn auch das ist eine Erkenntnis dieser Zeit: Die Arbeit, die uns so sehr mit Bedeutung aufladen kann, und die so viel Raum in unseren Leben einnimmt, ist weniger wichtig, als wir meinen. Eine Aufgabe aber ist bedeutend. Ohne Plan würde ich nicht in ein Sabbatical starten. Diese Erfahrung haben schon viele gemacht, ich kann sie bestätigen.

Zurück im Job, reift die Feststellung, dass sich Routinen auch in ungewöhnlichen Zeiten nur langsam verändern. Homeoffice hin, Videokonferenzen her. Nach wenigen Stunden hatte ich Abläufe und Anwendungen hervorgekramt. Ich dachte, ich sei neun Tage weg gewesen, nicht neun Monate.

Wir haben erfahren, wie ein anderes Leben aussehen kann

Ich bin zurück in einem alten System, auf das ich jetzt etwas anders blicke. Ich muss mich daran gewöhnen, dass ich mich zuletzt viel mehr bewegt habe als die Menschen um mich herum. Das ist kein Problem, aber ich spüre es.

Ich bin verwundert, wie viel Zeit es braucht, die Fülle neuer Eindrücke und Erfahrungen zu verarbeiten. Details der Reise kommen uns erst jetzt ins Bewusstsein. Sie gehen uns buchstäblich durch den Kopf. Vor allem vor dem Einschlafen sind sie präsent. Und dann merke ich, was wir alles geschafft haben. Wir haben Vulkane bestiegen, den Urwald erkundet und sind mit Meeresschildkröten geschwommen. Wir haben erfahren, wie ein anderes Leben aussehen kann.

Das sind Momente, die ich mir bewahren möchte. Ich würde sie gern in eine kleine Kiste legen, in die ich immer dann hineinschauen kann, wenn der Alltag mal wieder anstrengend wird. Wenn Dinge nerven, die eigentlich unbedeutend sind. Das zu schaffen, wäre wirklich großartig.