Geburtsmedizin

Kaiserschnitt: Leitlinie soll Zahl der Eingriffe reduzieren

Jedes dritte Kind in Deutschland wird per Kaiserschnitt geboren, in vielen Fällen ohne medizinischen Grund. Das könnte sich nun ändern.

Der Kaiserschnitt rettet Mütter- und Kinderleben, er ist aber gleichzeitig häufig ein unnötiger Eingriff.

Der Kaiserschnitt rettet Mütter- und Kinderleben, er ist aber gleichzeitig häufig ein unnötiger Eingriff.

Foto: Reynardt / iStock

Berlin. Der Kaiserschnitt, die Sectio caesarea, ist die weltweit häufigste Operation bei Frauen. Hunderttausende Kinder sind es allein in Deutschland, die durch den Schnitt in Bauchdecke und Gebärmutter jedes Jahr das Licht der Welt erblicken. Ein routinierter, aber schwerer Eingriff, der bislang ohne eine medizinische Leitlinie im Hintergrund durchgeführt wurde.

Große Unterschiede bei den Kaiserschnitt-Raten

Die Entscheidung für oder gegen einen Kaiserschnitt war oft abhängig von der Hausmeinung einer Klinik. Das könnte sich nun ändern: Seit diesem Freitag gibt es erstmals eine medizinische Leitlinie zum Thema Kaiserschnitt in Deutschland.

„Wir haben gesehen, dass es innerhalb Deutschlands große Unterschiede gibt in den Sectio-Raten“, sagt Professor Frank Louwen von der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) und einer der Hauptautoren der Leitlinie. „Dann haben wir uns gefragt: Was passiert da eigentlich? Was sind die Gründe?“

Jedes dritte Kind in Deutschland kommt per Kaiserschnitt zur Welt

Der Kaiserschnitt ist eine medizinische Errungenschaft, die Mütter- und Kinderleben retten kann – die aber gleichzeitig in einigen Ländern nach Meinung von Experten unverantwortliche Züge angenommen hat. 2018 schrieben Forscher im wissenschaftlichen Fachjournal „The Lancet“ von einer „Kaiserschnitt-Epidemie“.

Auch in Deutschland ist die Eingriffsrate vielen Fachleuten zufolge zu hoch: Jedes dritte Kind wird hierzulande per Sectio geboren. In den 90er-Jahren waren es halb so viele. Die Weltgesundheitsorganisation hält eine Kaiserschnittrate von 10 bis 15 Prozent für medizinisch begründbar und fordert ein Zurück zu mehr natürlichen Geburten.

„Kaiserschnitt-Epidemie ist ein medizinisches Großexperiment“

Der Kaiserschnitt sei zu einer sicheren Operation geworden, die das Leben von Mutter und Kind retten und Schaden abwenden könne, sagt Jörg Kessler vom Universitätsklinikum Bergen in Norwegen. Es sei jedoch ungewiss, in welchem Ausmaß eine Kaiserschnitt-Entbindung mit gesundheitlichen Langzeitrisiken verbunden sei. „So gesehen ist die gegenwärtige Kaiserschnitt-Epidemie eine Art medizinisches Großexperiment, da seit Beginn unserer Existenz ausschließlich die vaginale Geburt von der Evolution entwickelt und perfektioniert wurde.“ Auch interessant: Warum Experten viele Kaiserschnitte für unnötig halten

Leitlinie soll helfen, unnötige Eingriffe zu vermeiden

Die Gründe für die hohe Sectio-Rate in Deutschland sind vielfältig. Sie sind in einer Geburtsmedizin zu finden, die die Risikovermeidung in den Mittelpunkt ihrer Entscheidungen stellt und nicht das Vertrauen in den physiologischen Prozess der Geburt; in fehlendem Personal, das es für eine Betreuung der Frauen während einer natürlichen Geburt braucht, und nicht zuletzt in ökonomischen Herausforderungen, denn der Kaiserschnitt wird besser vergütet als die vaginale Geburt. Lesen Sie hier: Warum Ärzte so häufig in Geburten eingreifen

Die Leitlinie soll nun dazu beitragen, die Zahl der Kaiserschnitte dort zu reduzieren, wo der Eingriff nicht notwendig ist. „Wir wollen Frauen nicht zu einer natürlichen Geburt zwingen. Das ist Unsinn und aus meiner Sicht unmenschlich“, sagt Louwen, der am Uniklinikum Frankfurt am Main die Geburtsmedizin leitet. „Aber wenn wir davon ausgehen, dass die meisten werdenden Mütter und Kinder hierzulande gesund sind, ist eine Kaiserschnittrate von 30 Prozent und mehr nicht argumentierbar.“

„Die Sectio-Rate liegt in Skandinavien unter 20 Prozent“

Das bestätigt Patricia Van de Vondel, Chefärztin der Frauenklinik Krankenhaus Porz am Rhein in Köln. Die Sectio-Rate in Deutschland sei unnötig hoch und führe zu kurz- und langfristigen gesundheitlichen Nachteilen für Mütter und Kinder. „In Skandinavien liegt die Sectio-Rate unter 20 Prozent, und – das ist das Wichtigste – das Ergebnis für Mutter und Kind ist dort besser als in Ländern mit deutlich höheren Sectio-Raten.“ Auch interessant: Kaiserschnitt-Babys werden häufiger krank

Van de Vondel, die an ihrem Krankenhaus die Kaiserschnittrate von 42 auf 25 Prozent gesenkt hat, hält die Leitlinie für einen wichtigen Schritt. Bislang sei hauptsächlich nach Expertenmeinung beraten und gehandelt worden, „wobei häufig jeder sein eigener Experte ist“.

Kinder in Beckenendlage müssen nicht per Sectio geboren werden

Fast vier Jahre lang haben die DGGG und 17 weitere Fachgesellschaften an der Orientierungshilfe gearbeitet. Geburtsmediziner, Hebammen, Kinderärzte, Anästhesisten, Hygieniker. Sie haben das Wissen aus der Forschung zusammengetragen und scheinbare medizinische Zwangsläufigkeiten mit Fakten widerlegt. Etwa dass auf eine Kaiserschnittgeburt in der nächsten Schwangerschaft immer eben eine solche folgen muss. Oder dass Kinder in Beckenendlage – der Kopf des Kindes zeigt dabei nach oben statt nach unten – eigentlich immer per Sectio geboren werden müssen.

Einer der wichtigsten Punkte in der Leitlinie sei die Beratung, sagt Louwen. Es müsse aufhören, dass Frauen einfach gesagt werde: Wir machen bei Ihnen einen Kaiserschnitt. „Auf diesen Punkt haben wir auch sehr gedrängt“, sagt An­drea Ramsell vom Deutschen Hebammenverband, der an der Erstellung der Leitlinie beteiligt war. „Frauen müssen eine informierte Entscheidung treffen können und wissen, was auf sie zukommt.“

„Den Frauen erklären, wie die Operation abläuft“

So wünschten sich zum Beispiel viele Frauen eine Kaiserschnittgeburt, weil sie Angst vor einem Kontrollverlust bei einer vaginalen Geburt haben. „Dann muss man ihnen aber auch erklären, wie so eine Operation abläuft, dass da eventuell sehr viele Menschen im Raum sind und dass zum Beispiel die Bewegungsfreiheit der Arme stark eingeschränkt ist“, sagt Ramsell. „Man muss verhindern, dass sich die Frau in einer Situation wiederfindet, die sie eigentlich vermeiden wollte.“

Leitlinie richtet sich auch die Politik

Geburtsmedizinerin Van de Vondel ist da skeptisch. Es fehle das Personal, um alle Eltern, die das für sich in Anspruch nehmen wollen, nach Leitlinie zu beraten. „Die Beratung wird von den Krankenkassen nicht adäquat vergütet, sodass dafür nicht ausreichend Personal zur Verfügung steht.“

Das weiß auch Frank Louwen. „Und wir tun eine Menge, damit das besser wird.“ Die Leitlinie, deren Erarbeitung vom Bundesgesundheitsministerium gefördert wurde, sei auch an Politiker adressiert. Die nun vorgelegte Orientierungshilfe sei eine gute Diskussionsgrundlage, „denn sie ist evidenzbasiert“ – beruht also auf wissenschaftlichen Erkenntnissen.