Corona-Pandemie

Warum der Verschwörungsglaube in jedem von uns steckt

Im Interview erklärt Psychologin Pia Lamberty, warum gerade jetzt Verschwörungserzählungen aufkommen und wie wir diese stoppen können.

Verschwörungstheorien - warum sie in Krisen so viele Menschen anziehen

5G-Netze, Bill Gates, ein Laborunfall in Wuhan: Um den Ursprung von Covid-19 ranken sich zahlreiche Verschwörungstheorien. Für Experten ist das keine Überraschung. In Krisen geben sie einigen Menschen demnach zumindest ein Gefühl von Kontrolle zurück.

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Berlin. Geheimbünde und reiche Eliten lenken die Geschicke der Welt. Flugzeug-Kondensstreifen und 5G-Mobilfunkmasten dienen der Gedankenkontrolle. Der Glaube an Verschwörunge n ist durchaus verbreitet. Laut einer Infratest-dimap-Umfrage glaubt jeder fünfte Wahlberechtigte in Deutschland, dass „Politik und Medien die Gefährlichkeit des Coronavirus ganz bewusst übertreiben, um die Öffentlichkeit zu täuschen“.

Sozialpsychologin Pia Lamberty forscht seit Jahren zu dem Thema. Sie erklärt, warum Verschwörungsglauben in jedem von uns steckt und wie wir wirre Theorien im privaten Kreis stoppen.

Frau Lamberty, bei geheimen Weltmächten oder Coronavirus-Leugnern reden die meisten von Verschwörungstheorien. Warum sprechen Sie lieber von Verschwörungserzählungen?

Pia Lamberty: Der Begriff „Theorie“ impliziert, dass es um Fakten gehen würde, die revidiert werden können. Das ist beim Glauben an Verschwörungen nicht der Fall. Es geht dort viel stärker um Erzählungen, die Menschen spinnen über gewisse Themen, die unabhängig davon sind, was tatsächlich passiert. Natürlich gibt es auch reale Verschwörungen, die wahr sind. Aber hier geht es darum, welche Narrative bedient werden.

Warum ist die Corona-Krise, die wir gerade erleben, ein Paradebeispiel für das starke Aufkommen von Verschwörungserzählungen?

Lamberty: Noch ist schwer zu beurteilen, welche Rolle Corona bei der Verbreitung von Verschwörungserzählungen spielt. Studien aus Deutschland zeigen aber: 17 Prozent glauben, Corona sei ein Schwindel. Genauso viele glauben, Corona sei menschengemacht, um die Bevölkerung zu reduzieren.

Zwischen beiden gibt es Überlappungen. Zusammengenommen glaubt beides ein Viertel der Bevölkerung – das ist nicht wenig. Aber inwiefern Corona den generellen Verschwörungsglauben befeuert hat, ist noch eine offene Forschungsfrage. In der Theorie ergibt es aber Sinn, genau das anzunehmen.

Aus welchem Grund?

Lamberty: In einer Situation wie jetzt erleben Menschen einen Kontrollverlust. Sie wissen nicht, was als Nächstes passiert, und sind mit unglaublich vielen Informationen konfrontiert. Ebendieser Kontrollverlust ist ein Grund, warum Menschen an Verschwörungserzählungen glauben. Eine Verschwörung strukturiert die Welt und macht sie scheinbar handhabbarer. Man kann alles auf den Verschwörer projizieren. Und gerade wenn man einen unsichtbaren Feind hat wie ein Virus, ist der Verschwörer sichtbar und man kann scheinbar etwas dagegen unternehmen.

Sind die Menschen in Deutschland insgesamt eher Verschwörungsanhänger oder reden wir über eine Minderheit?

Lamberty: Es ist keine Minderheit. Egal zu welcher Zeit oder in welchem Land: Es ist eigentlich nie nur eine kleine Gruppe, die an Verschwörungen glaubt. Wenn es um den abstrakten Verschwörungsglauben geht, glaubt ein Drittel, dass Politiker nur Marionetten von dahinterstehenden Mächten wären. Knapp 20 Prozent haben 2019 an eine Impfverschwörung geglaubt. Ebenso viele meinten, es gebe einen Bevölkerungsaustausch. Das ist zwar nicht die Mehrheit. Aber es ist ein substanzieller Teil der Bevölkerung, der Verschwörungen vermutet.

Weshalb halten Sie es für falsch, wenn wir Menschen mit Verschwörungsglauben nur als Opfer sehen?

Lamberty: Es gibt natürlich Befunde, die zeigen, dass ein Kontrollverlust Verschwörungsglauben noch mal befeuert – sei es eine gesellschaftliche Krise oder persönlich eine Trennung oder ein Jobverlust. Aber Menschen haben auch etwas davon, an Verschwörungen zu glauben. Sie können sich dadurch erhöhen und besser fühlen. Sie haben das Gefühl, sie verfügen über eine Art Geheimwissen, während die anderen in dieser Logik vor allem als naiv wahrgenommen werden oder gleich Teil der Verschwörung sind.

Als Sozialpsychologin erklären Sie: So gut wie jeder Mensch bringt die Veranlagung dafür mit, an Verschwörungen zu glauben. Unterschätzen das die meisten?

Lamberty: In der Diskussion hieß es lange Zeit immer: Verschwörungsgläubige, das sind die anderen, die Verrückten, die Dummen. Das spiegelt die Realität aber nicht wider. In der Psychologie gibt es die Verschwörungsmentalität, also die generelle Tendenz, an Verschwörungen zu glauben. Und Menschen bewegen sich hier auf einer Skala mit Abstufungen, das ist kein Entweder-oder.

Es geht vor allem um Ablehnung, Misstrauen und Vorurteile gegen Gruppen, die als mächtig wahrgenommen werden. Denn das ist das Fundament von Verschwörungsglauben. Da ist es wichtig, dass man bei sich selbst anfängt und sich reflektiert: in seiner Argumentation und ob man selbst Feindbilder bedient und falsche Inhalte wiedergibt.

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Wie entlarve ich als Normalbürger Verschwörungserzählungen?

Lamberty: Ich rate immer zu gucken: Wer ist die Person, die die Information verfasst? Ist die Quelle seriös oder auch schon einmal dadurch aufgefallen, dass sie verschwörungsideologische Inhalte oder Fake News verbreitet? Haben sich vielleicht Faktenchecker der Information schon mal angenommen? Was ist die Expertise der Person? Hat sie sich mit dem Thema schon jahrelang befasst, geforscht und Sachen dazu veröffentlicht?

Jemand aus dem Familien- oder Freundeskreis schickt mir Nachrichten, die nach Verschwörung klingen, oder prahlt damit im großen Kreis rum. Wie sollte ich am besten reagieren?

Lamberty: Ich finde gut, wenn man früh interveniert und nicht wartet, bis die Person schon im Verschwörungskaninchenbau verschwunden ist. Das ist nicht immer angenehm. Man ist dann schnell die Person, die scheinbar Unruhe in die Familie bringt. Wenn jemand einmal solche Informationen teilt, kann man versuchen, mit Gegeninformationen zu arbeiten, und sagen: „Guck mal, ich glaube, das hier stimmt nicht, ich habe andere Informationen.“ So kommt man ins Gespräch. Wenn aber jemand dieser Weltsicht aufgesessen ist, bringt das oft nichts mehr. Dann wird es schwer zu argumentieren.

Was kann ich noch tun?

Lamberty: Im Privatleben kann man überlegen: Welche Funktion hat der Verschwörungsglaube für diese Person? Menschen, die in einer Lebenskrise stecken, den Job verloren oder sich getrennt haben, brauchen teilweise auf einmal ein Feindbild, auf das sie alles projizieren. Und wenn man eher über diese Ebene geht, hat man im Privaten oft eine bessere Chance als nur über Inhalte. Wenn es in Partnerschaften zu schlimm wird, sollte man sich eine Beratungsstelle suchen.

Wie verhalte ich mich bei Fällen in sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter?

Lamberty: Wir sehen gerade jetzt, dass Menschen, die sich in der Krise äußern, angegangen werden und Hassnachrichten erhalten. Diese Woche haben der Virologe Christian Drosten und SPD-Politiker Karl Lauterbach gepostet, dass sie Hassnachrichten bekommen hatten mit einem Fläschchen, in dem angeblich das Coronavirus sein sollte.

Ich finde es wichtig, dass man Menschen, die sich gegen Verschwörungsideologen aussprechen, unterstützt – gerade im digitalen Raum. Vor allem wenn die Verschwörungserzählung rassistische, antisemitische, sexistische Inhalte bedient. Das darf nicht unwidersprochen im Raum stehen.

Sie beschäftigen sich seit Jahren mit diesem Thema: Haben Sie eine besonders abgedrehte Lieblingsverschwörung?

Lamberty: Die Asterix-Verschwörung. Vor drei Jahren wurde der Band „Asterix in Italien“ veröffentlicht. Darin gibt es ein Wagenrennen. Und der Wagenlenker in der englischen und französischen Ausgabe heißt „Coronavirus“. Das wurde dann von Leuten als Beleg genommen, dass das Ganze jetzt von langer Hand geplant sei.