Gesundheit

Telemedizin in Deutschland: Das können erste Anbieter

Telemedizin erlebt in der Corona-Krise eine starke Nachfrage. Der Videochat mit dem Arzt hat viele Vorteile. Ein Blick auf erste Projekte.

Telemedizin nimmt zu: Patienten können sich per Smartphone von Zuhause aus vom Arzt beraten lassen und umgehen volle Wartezimmer. Damit sinkt die Ansteckungsgefahr.

Telemedizin nimmt zu: Patienten können sich per Smartphone von Zuhause aus vom Arzt beraten lassen und umgehen volle Wartezimmer. Damit sinkt die Ansteckungsgefahr.

Foto: dpa Picture-Alliance / Jochen Tack / picture alliance / imageBROKER

Berlin. Das Fieber steigt, trockener Husten schüttelt den Körper – hat mich das neuartige Coronavirus im Griff oder ist es ein eher harmloser Infekt? Nur ein Arzt kann dies letztlich beurteilen. Doch viele Praxen sind überlastet und die Angst vor Ansteckung geht um. Ein Videochat mit einem Mediziner übers Smartphone kann Sorgen nehmen und vor Ansteckungsgefahr schützen. In Zeiten der Corona-Pandemie ein nicht unwichtiger Aspekt.

Denn auch die Mediziner möchten ungern erleben, dass ein Corona-Patient in ihrem Behandlungszimmer sitzt. „Dann sind sie selbst betroffen und müssen in Quarantäne gehen“, sagt Dr. Roland Tenbrock. Er bevorzugt es, Patienten in dieser Lage erst virenfrei per Bildschirm zu betrachten. Und immer mehr Kollegen tun es ihm gleich.

Telemedizin: Bundesregierung treibt rund 15 Systeme voran

Der Düsseldorfer Arzt hat mit­geholfen, das Telemedizinangebot Sprechstunde.online der Deutschen Arzt AG zu entwickeln. Es gehört zu den rund 15 Systemen, die das Health Innovation Hub (HIH) des Bundesministeriums für Gesundheit empfiehlt – eine Plattform mit der Aufgabe, die Digitalisierung im Gesundheitswesen voranzutreiben.

Dr. Tenbrock schätzt die Online-Beratung seit vier Jahren nicht nur im Praxisalltag, er bildet darin auch Kollegen weiter. „In den letzten zwei Wochen sind rund 1000 von ihnen neu dazugekommen und es werden täglich mehr. Vor allem viele Hausärzte, Allgemeinmediziner und Psychotherapeuten verlagern ihre Beratung öfter ins Internet“, sagt der Orthopäde.

Der Experte spürte bereits vor Beginn der Coronakrise eine Entlastung durch die virtuellen Möglichkeiten: „Ich kann diesen Service meinen Patienten anbieten, die mir vertrauen. Das funktioniert losgelöst von der Praxissoftware, ganz unabhängig über das Smartphone oder Tablet. Ich brauche dafür nur eine gute Internetverbindung.“

Videochat mit dem Arzt: So funktioniert es für Patienten

Die Patienten erhalten via E-Mail oder SMS einen Termin, betreten zum vereinbarten Zeitpunkt ein virtuelles Wartezimmer und dann geht es los: Über den Bildschirm bespricht Dr. Tenbrock mit ihnen beispielsweise eine Arbeitsunfähigkeit oder die Verlängerung der Krankengymnastik-Verordnung und kontrolliert nach Operationen.

Aber mithilfe der Telemedizin ist laut Dr. Tenbrock viel mehr möglich: „Wir erfahrenen Ärzte sehen ja, ob der Patient ernsthaft erkrankt ist und ins Krankenhaus gehört. Atmet er schwer, hat er eine aschfahle Gesichtsfarbe und Ringe unter den Augen?“

Hinzu kommt die Anamnese, also das klärende Gespräch zu den Krankheitssymptomen. Zusammengenommen ergeben sich wichtige Hinweise darauf, ob jemand wirklich vom neuartigen Corona­virus betroffen ist.

Datensicherheit: Diese Regeln halten Ärzte ein

Für Tenbrock spielt dabei die Datensicherheit eine große Rolle: „Der Videochat läuft als direkte Verbindung über einen sicheren Server in Europa. Es darf sich niemand sonst im Raum befinden und das Gespräch darf nicht aufgezeichnet werden“, erklärt der Mediziner. Er macht sich lediglich anschließend Notizen.

Selbst die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) sieht jetzt die Notwendigkeit, dass Ärzte unbegrenzt per Video behandeln, die ­gesetzlichen Krankenkassen übernehmen derzeit die Kosten. Regulär wäre dies pro Quartal bei maximal jedem fünften Patienten möglich und die Menge der Leistungen, die in Videosprechstunden erbracht werden dürfen, ist auf 20 Prozent begrenzt. Doch jetzt sollen Patienten laut KBV die Praxen nur in möglichst dringenden Fällen aufsuchen. Auch interessant: Home Office - Die besten Tipps für das Arbeiten von Zuhause

Seit 2018 nimmt das Geschäft mit der Telemedizin Fahrt auf

Erfahrungen mit der Videoberatung von Patienten hat auch der Münchner Telemedizinanbieter Teleclinic. Geschäftsführerin Katharina Jünger gründete die Teleclinic vor fünf Jahren. Seit das gesetzliche Verbot von Fernbehandlungen 2018 aufgehoben wurde, nimmt das Geschäft Fahrt auf.

Mehr als der Hälfte der Ratsuchenden kann laut Jünger außerhalb der Arztpraxis geholfen werden. In Zeiten der Pandemie beobachtet sie einen explosionsartigen Anstieg der Anfragen über ihre App: „Pro Tag melden sich rund 300 Menschen, die glauben, sie seien vom Virus infiziert.“

Per App kann der Arzt Rezepte und Krankmeldungen ausstellen

Das Team der Teleclinic wächst, täglich kommen neue Ärzte als Berater hinzu. Jünger: „Wir haben einen Fragebogen nach den Standards der Weltgesundheitsorganisation WHO entwickelt. Wer diesen ausgefüllt hat und feststellt, dass er betroffen sein kann, der wird zu Hause gratis per Chat unterstützt.“

Bislang sei das bei drei Prozent der Verdachtsfälle notwendig geworden, sagt Jünger. Sowohl bei Sprechstunde.online als auch bei der Teleclinic können über die App des Anbieters Rezepte sowie Krankmeldungen ausgestellt werden. Auch interessant: Krankschreibung per Telefon: Was man jetzt wissen muss

Beratung per Bildschirm: Kinderkliniken in ländlichen Regionen begrüßen Entlastung

Als einer der ersten großen Anbieter startet die Krankenkasse AOK Rheinland/Hamburg im April 2020 ein Pilotprojekt mit der Teleclinic. Junge Familien in den Kreisen Kleve und Wesel am Niederrhein können sich per Videochat beraten lassen, wenn der Nachwuchs kränkelt und sie gesundheitliche Fragen haben.

Die Kosten, die man in diesen Fällen sonst privat tragen müsste, übernimmt die Kasse. Im Gegenzug garantiert die Teleclinic, dass ein erfahrener Arzt aus einem Pool von 250 Medizinern per Chat erreichbar ist – rund um die Uhr und notfalls innerhalb einer halben Stunde. Eltern können so beruhigt werden, wenn sich ein Hautausschlag beim Baby als harmlos herausstellt.

Zudem bedeutet es eine Erleichterung für die Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am St. Clemens-Hospital in Geldern. „Solche Fälle verstopfen unsere Ambulanz, weil es in unserer Region keinen kinderärztlichen Notdienst gibt“, sagt Chefarzt Dr. Karsten Thiel. „Über 50 Prozent der Notfallmeldungen am Wochenende sind nicht notwendig.“

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