Ordnung

Wenn die Aufräum-Expertin kommt und danach alles besser ist

Unsere Autorin lebt nach einer Trennung allein. Um aufzuräumen und sich von Ballast zu trennen, holt sie sich Hilfe von einer Expertin.

Die Aufräumbegleiterin Gunda Borgeest und Autorin Elisabeth Krafft besprechen die neue Ordnung im Leben und in der Wohnung.

Die Aufräumbegleiterin Gunda Borgeest und Autorin Elisabeth Krafft besprechen die neue Ordnung im Leben und in der Wohnung.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE FotoServices

Berlin. Seit einer Stunde räume ich mit einer mir bis heute völlig fremden Frau meine Küche um und befülle drei Beutel: Einen mit ausrangierten Utensilien, die ich verschenken werde; einen mit Süßigkeiten, von denen mir meine Familie generell zu viele zusteckt – die Kollegen wird’s freuen – und einen mit den übrig gebliebenen Habseligkeiten meines Exfreundes.

Die Frau, die mir hilft, Ordnung zu schaffen, heißt Gunda Borgeest und ist Aufräum-Expertin und Autorin („Ordnung nebenbei“). Wir räumen Kaffee-Zubehör in den einen, Essgeschirr in den anderen Schrank, sortieren Schublade für Schublade aus, was fortan keinen Platz mehr in meinem zu Hause einnehmen soll.

Je aufgeräumter meine Küche wird, desto erschöpfter werde ich. Nicht der körperlichen Anstrengung, sondern der emotionalen wegen: Schließlich ordne ich gerade nicht nur meine Küchengeräte, sondern mein komplettes Leben neu. Borgeest spürt das sofort, fragt behutsam, wie ich mich fühle. „Ich hätte nie gedacht, dass es gleichzeitig so anstrengend und befreiend sein kann, umzuräumen“, sage ich.

Aufräumen und sich von Besitz befreien

Borgeest hilft anderen dabei, Ordnung zu schaffen und sich von Überflüssigem zu trennen – und ist darin so gut, dass sie seit Gründung ihres Ein-Frau-Unternehmens „Schönste Ordnung“ regelmäßig gebucht wird.

Seit sechs Jahren ist Aufräumen ihr Vollzeitjob. Einer, der aus einem Gefühl der Hilflosigkeit heraus entstanden ist: Zwei Jahre lang hatte sich die Literatur- und Filmwissenschaftlerin erfolglos um eine Festanstellung bemüht. Wegen ihres Alters wurde die damals 49-Jährige zu keinem einzigen Vorstellungsgespräch geladen. „Das war eine sehr bittere Zeit. Ich habe gespürt, wenn ich jetzt links abbiege, geht’s in Richtung Depressionen. Oder aber, ich erfinde mich noch einmal komplett neu.“

Anders als die japanische Aufräumberaterin Marie Kondo, die mit ihrer Netflix-Serie einen regelrechten Aufräum-Boom ausgelöst hat, hält Borgeest nichts davon, radikal auszumisten. Marie Kondo hat auch ein neues Buch für Eltern geschrieben, die mit ihren Kindern das Kinderzimmer aufräumen wollen.

„Der Ansatz: Behalte nur, was dich glücklich macht, scheitert doch spätestens an der Steuererklärung“, sagt sie. Ein nachhaltiges Ordnungssystem müsse individuell sein. Rigoros Mülltüte um Mülltüte zu füllen, verhindere keine neue Unordnung. Aufräumen sei ein emotionaler Prozess. Denn: „Besitz kann lähmen, Dinge haben Macht.“ Auch andere kritisierten schon das Kondo-Konzept.

kritik an marie kondo- aufräumen ist gut, verzicht besser

Ordnung: Jeder braucht Hilfe dabei

Die Menschen, die Borgeest um Hilfe bitten, kommen aus allen Gesellschaftsschichten: Vom sechsköpfigen Unternehmerhaushalt aus dem vornehmen Münchner Stadtteil Solln bis hin zur Studentin, die es vor Chaos kaum schafft, sich auf ihre Examensarbeit zu konzentrieren. Manche buchen sie für Haushaltsauflösungen, andere, weil sie planen, in eine kleinere Wohnung oder ein Altersheim umzuziehen.

Tatsächlich hätten nur etwa die Hälfte ihrer Klienten ein Ordnungsproblem. Viele befänden sich stattdessen in einem Umbruchs- oder Transformationsprozess. Zum Beispiel nach überstandener, schwerer Krankheit oder dem Verlust eines geliebten Menschen. „Diese Klienten sind nicht per se unordentlich, ihnen entgleitet nur gerade ihr Leben“, sagt die Münchnerin.

Die Kontrolle zu verlieren und wiedererlangen zu wollen – dieses Gefühl kenne ich nur zu gut. Kürzlich hat sich mein Partner von mir getrennt. Zum ersten Mal seit elf Jahren lebe ich wieder allein. Und frage mich seither: Wie fängt man neu an, wenn man tagtäglich von der Vergangenheit umgeben ist? „Mit dem Äußeren verändert sich auch das Innere“, sagt mir Borgeest. Genau das wünsche ich mir.

Zunächst will die Aufräumbegleiterin mehr über meine Lebenssituation, mein Ordnungsverständnis und meine Beweggründe erfahren. Fragen und Zuhören sind essenzielle Bestandteile ihrer Arbeit. „Ich muss auf tieferer Ebene verstehen, welche Blockaden ein Klient hat, damit wir sie lösen können.“

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Eine aufgeräumte Wohnung bedeutet weniger Stress und mehr Freizeit

Ich erzähle ihr, dass ich als Jugendliche überhaupt nichts davon hielt, aufzuräumen. Mein Kater mied mein Zimmer oft tagelang, weil er mit seinen Tatzen nicht bis auf den Parkettboden kam. Erst nachdem ich von zu Hause ausgezogen war, entwickelte ich einen Sinn für Ordnung. Weil ich aufräumen so hasste, lies ich erst gar kein Chaos mehr entstehen. Heute hat alles, was ich besitze, seinen angestammten Platz. Meine Bücher sind alphabetisch, meine Kleider farblich sortiert. Früher Chaotin, heute Ordnungsliebhaberin. Eine aufgeräumte Wohnung bedeutet für mich, weniger Stress und mehr Freizeit zu haben.

Was ich mir von diesem Tag erwarte? Ich will verschönern, nicht aufräumen. Um diese Wohnung, in der bis vor Kurzem noch zwei Menschen gelebt haben, zu meiner Wohnung zu machen. „Eine neue Ordnung zu schaffen, ist auch ein Akt der Selbstermächtigung und Selbstliebe“, sagt Borgeest, „wir sollten außerdem prüfen, welcher Besitz Sie beschwert, statt Ihnen gut zu tun. Weil er womöglich mit negativen Erinnerungen behaftet ist.“ Ihr Ansatz gefällt mir. Ich fühle mich geführt, nicht gedrängt.

Der Aufräum-Fahrplan ist Lebenshilfe pur

Wir beginnen unsere Arbeit im Wohnzimmer. Dem Raum, in dem ich mich am wohlsten fühle. Die Einrichtung besteht aus einigen Erbstücken:

  • Einem Sekretär aus dunklem Holz, den ich schon geliebt habe, als er noch im Wohnzimmer meiner Großeltern stand.
  • Einem holzbeschlagenen Überseekoffer meines Urgroßvaters, in dem ich Unterlagen und Fotos aufbewahre Einer handbemalten Bauerntruhe, die mir als Couchtisch dient.

„Die Komposition ist stimmig. Aber wir können sie noch stimmiger machen“, sagt Borgeest. Sie schlägt vor, die Pflanzen, die sich auf meinen Fensterbrettern reihen, in einheitliche Übertöpfe zu setzen. Mein Saxophon, das ich in einem wenig dekorativen Koffer aufbewahre, könnte ich aufstellen, dadurch Platz sparen und gleichzeitig den Raum schmücken. Die Holzboxen, die ich auf meinem Bücherregal lagere, schaffen Unruhe. Sie rät mir, sie stattdessen wegzuräumen. Die Veränderungen sind klein, aber wirkungsvoll. Sie betonen meinen Einrichtungsstil, statt ihn umzukrempeln.

Wir gehen von Zimmer zu Zimmer, überlegen gemeinsam, wie ich meine Wohnung verschönern könnte und erstellen einen entsprechenden „Fahrplan“. In meiner Küche, von der ich eigentlich dachte, dass sie ordentlicher nicht sein könnte, packen wir schließlich auch an. Das Ergebnis haut mich um – nach eineinhalb Stunden ist sie aufgeräumter denn je.

Eine Stunde Aussortieren kostet 45 Euro, eine Beratungsstunde 80 Euro, ein „Schönste-Ordnung-Tag“, wie ihn Borgeest und ich miteinander verbracht haben, 480 Euro. Er ist jeden Cent wert.

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